Zeitgeschichtliches und Feministisches birgt das Buch 'Die Erzengelmacherin', in der die streitbare Kämpferin für die Rechte der Frauen Anne-Marie Rey das 30-jährige Ringen um die Fristenlösung in der Schweiz beschreibt.
Anne-Marie Rey
Die Erzengelmacherin - Das 30-jährige Ringen um die Fristenregelung
Memoiren
Im Oktober 2002 hat in der Schweiz ein 100-jähriger Kampf für das Recht der Frauen, selbst zu entscheiden, ob und wann sie ein Kind bekommen wollen, sein erfolgreiches Ende gefunden. 30 Jahre davon hat Anne-Marie Rey in vorderster Reihe für das Recht mitgekämpft. 5 Jahre danach erschien jetzt die Autobiographie dieser außergewöhnlichen Frau.
Ein konservativer Nationalrat nannte sie einst geringschätzig die «Erzengelmacherin». Diese Titulierung hat die heute 70-jährige Anne-Marie Rey als Titel für Ihr Buch gewählt. Sie beschreibt den nervenaufreibenden und langwierigen Kampf um die Schweizer Fristenregelung. Sie zeichnet damit ein wichtiges Kapitel Frauengeschichte nach und zeigt auf, dass frau gemeinsam mit anderen Frauen politisch viel bewirken kann, vorausgesetzt frau hat einen langen Atem und noch viel mehr Zivilcourage.
Anne-Marie Rey schildert ihre Mädchenzeit und ihre ersten Erfahrungen mit der Fristenlösung, als ihr Vater, ein Frauenarzt, nach illegalen Abbrüchen mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Anne-Marie Rey erzählt aus der 68 er Zeit, wo sie noch eine 'fürchterlich brave' Studentin war, die keinerlei unbequeme Fragen stellte. Mit Hilfe ihrer Tante die ihre Kinder versorgte gelang es Ann-Marie Rey ihre feministisch-politische Arbeit aufzunehmen.
Anne-Marie Rey berichtet von ihrem eigenen Abbruch: 'Damals bäumte sich in mir alles auf gegen diesen Eindringling. Was geht es den Staat an, was in meinem Bauch passiert? Ich fühlte mich im wahrsten Sinn des Wortes als «Leibeigene», fremdbestimmt und gedemütigt von patriarchalischen Machtstrukturen. Und ich empfand eine ohnmächtige Wut.' Diese Wut begleitet die Leserin durch das Buch und besonders stark ist sie bei den Konfrontationen mit der katholischen Kirche. Anne-Marie Rey empfindet die vom Papst und von anderen christlichen Würdenträgern vertretene Sexualmoral schlicht als pervers.
Dieses Buch ist nicht nur eine Autobiographie, sondern auch eine zeitgeschichtliche Betrachtung einer sehr mutigen Frau. Vom ungleichen Kampf gegen Staat und die Kirche, von den vielen Etappen der Meinungsbildungsarbeit und von den verschiedenen Abstimmungskämpfen erzählt Anne-Marie Rey lebendig und überzeugend, so als wäre dies alles erst gestern passiert.
Anne-Marie Rey schildert erschütternde Schicksale von Frauen, die in der Illegalität abtreiben mussten und verurteilt wurden Diesen Frauen, aber auch ihrem Vater, setzt Anne-Marie Rey mit diesem Buch ein bedeutendes Denkmal. Eine aufschlussreiche Chronologie der Ereignisse rundet diese lebendige und überaus spannende Autobiografie ab, die auch als Mutmacherin für engagierte Frauen auf anderen Gebieten gedacht ist.
Anhand der jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, in Teilen Osteuropas und Lateinamerikas, wo fundamentalistische ChristInnen die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs mit immer schärfer attackieren, sind diese Memoiren - auch als Anleitung zur politischen Arbeit - ein wichtiges Buch; schließlich müssen die Rechte der Frauen auf Selbstbestimmung immer wieder aufs Neue verteidigt werden.
Anne-Marie Rey, geboren 1937 in Burgdorf/Schweiz. Studium an der Dolmetscherschule der Universität Genf. Von 1962 bis 1965 absolvierte sie eine Tanzakademie.1973 Mitbegründerin der Schweizerischen Vereinigung für Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs (SVSS). Sie ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.