Warum bekam Grass den Nobelpreis, Siegfried Lenz aber nicht? Diese Frage stellt sich dem gebildeten deutschen Leser einmal mehr, wenn er die neue Ausgabe der Lenz-Erzählungen, die im Februar 2006 im Hoffmann und Campe Verlag erschienen ist, in Händen hält. Na ja, auch Elfriede Jelinek wurde von der Kommission ausgezeichnet, dennoch drängt sich der Verdacht auf, daß ihre extrovertierte, man möchte sagen, selbstdarstellerische Art eher öffentliche Anerkennung nach sich zieht, als die introvertierte, disziplinierte Schreibweise des ostpreußische Nachkriegsliteraten. Wenn Grass in seinem missionarischem Eifer häufig übertreibt und oftmals geradezu krampfhaft versucht, eine Identifikationsebene mit seinen Figuren zu erzeugen (hier sei nur an »Örtlich betäubt« erinnert), besticht Lenz durch angenehme Zurückhaltung und eine ausgefeilte Erzähltechnik. So ist es um so erfreulicher, daß sich die Herausgeber dieses Bandes, die mühselige Arbeit gemacht haben, bisher unveröffentlichtes Material der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man wundert sich geradezu, wie es im anstrengenden Alltagsleben eines Verlages möglich war, eine derart gründliche philologische Arbeit zu bewältigen. Darüber hinaus überzeugt der mächtige Band (1536 Seiten für EUR 20!) durch seine Gestaltung. Nur kurz:
Papier: Angenehm gefärbt, so daß längeres Lesen bei Kunstlicht nicht zur Ermüdung der Augen führt.
Typographie: Buchstaben in lesefreundlicher Größe und Gestaltung, kein Augenpulver, der Durchschuß groß genug, das Auge flutscht ja nur so über die Zeilen.
Format: Größer als gewöhnlich, angenehmer Satzspiegel.
Alles in allem: Ein Buch für jedermann!