Warum eigentlich setzt man hierzulande russische Literatur vor allem gleich mit den Namen Tolstoj und Dostojewski? Vor allem: Warum denken hier die wenigsten an Puschkin, an Lermontov, Gogol, Tschechow, Babel, ... (diese Aufzählung kann lange fortgesetzt werden)? - Ins Deutsche übersetzt wurden die "Übersehenen" schließlich mehrmals - aber hier liegt der Hund begraben:
Es gibt solche Übersetzungen und solche. Und gerade bei den soeben genannten Autoren kann ein eitler Übersetzer oder einer, der kein ausreichendes Sprachgefühl besitzt, erstklassige Weltliteratur schnell in die Bezirksliga befördern.
Puschkin jedenfalls ist schon fast ein paradigmatisches Opfer dieser zweifelhaften Tradition. Man ahnt gar nicht, was Puschkins Prosa in früheren Übersetzungen zu erleiden hatte, wie oft seine ausgefeilte und gerade darum so unaufdringlich natürlich wirkende Prosa in deutschem Schwulst versenkt wurde! Vergleicht man ältere deutsche Versionen aus der Feder an sich verdienstvoller Übersetzer mit den Originalen, so glaubt man fast, hier habe sich jemand geirrt: Das kann doch nicht das selbe Buch sein!
Peter Urban, einer der renommiertesten deutschen Übersetzer aus dem Russischen, hat mit dieser dubiosen Tradition gebrochen und Puschkins gesammelte Erzählungen komplett neu übersetzt. Das Ergebnis ist phantastisch, und Puschkins geschliffene Prosa kommt endlich zu Ehren! Kein Wort zuviel, keines zuwenig, kein Schwulst, keine billige Effekthascherei. Urban fand ein deutsches Äquivalent zur präzisen, glasklaren Sprache des Originals, zu dessen Spiel mit den verschiedenen Erzähler-Stimmen, mit der Erwartungshaltung des Lesers und mit dem Kontrast zwischen "Natürlichem" und "Übernatürlichen", zur Verweigerung der Pointe, zur "Doppelbelichtung" des Erzählten aus zwei Perspektiven, aus dem "Davor" und "Danach".
Doch enthält dieser Band nicht nur alle Erzählungen Puschkins in vorbildlicher Übersetzung. Urbans gediegener und systematischer Anmerkungsapparat und profunde Worterläuterungen, der Abdruck der Varianten und die Kommentare zu den einzelnen Erzählungen stehen ganz einfach über dem Durchschnitt - auch wenn man es schon fast als "Urban'schen Standard" bezeichnen kann. Ein klein wenig pedantisch wirkt allerdings die Wiedergabe russischer Orts- und Personennamen in der sog. "wissenschaftlichen Transkription" - für Leser, die mit slawischen Sprachen nicht vertraut sind, ist das gewöhnungsbedürftig. Die Übersetzung wäre schließlich genauso brillant, wenn Urban russische Namen und Begriffe in der Duden-Transkription wiedergäbe, wenn er also z.B. nicht "Ki¨inëv" schriebe, sondern "Kischinjow".
Abgesehen von diesem kleinen Schönheitsfehler: Wer Puschkins Erzählungen lesen möchte, sollte unbedingt zu dieser Ausgabe greifen - allein die Neuübersetzung der "Erzählungen Belkins" ist bereits den Preis wert... Andere Ausgaben mögen billiger sein - aber auch um Längen schlechter!