Schön, dass ich jedes Jahr auf einige Sachbücher treffe, deren Autoren mir durch ihre Worte eine völlig neue Brille auf die Nase setzen. Der israelischen Soziologie-Professorin Eva Illouz gelang dies mit "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" und "Der Konsum der Romantik" bereits zweimal. Umso gespannter war ich auf ihr neues Buch, das sich einem Thema annimmt, von dem man meint, es sei nun wirklich schon genug abgehandelt worden. Doch gleich auf den ersten Seiten wird klar, dass sich über Sigmund Freud, Psychoanalysen und die Psychologisierung von Gefühlen und Intimität noch sehr viel Neues sagen lässt, wenn man den Blickwinkel und die Betrachtungsdistanz verändert.
Der Ansatz ist wissenschaftlich. Und dennoch kann den Gedankenführungen von Eva Illouz auch ein Leser folgen, der kein Soziologendeutsch spricht oder gerne den Fremdwörterduden benutzt. Kommt hinzu, dass die Autorin den Begriff "Therapie" in einem sehr weiten Sinn auffasst und verwendet. Denn sie versteht unter therapeutischem Diskurs keineswegs nur die konkrete Situation bei einem professionellem Psychologen oder Psychiater. Vielmehr meint sie damit alle Diskussionen der modernen Informationsgesellschaft, in denen es um Beschreibungen und Heilungen der menschlichen Psyche geht. Daher gehören zu den verarbeiteten Quellen auch Zeitschriften wie Ladie's Home Journal, Good Houskeeping, Cosmopolitan, Redbook und Parents. Illouz zitiert aus populären psychologischen Selbsthilferatgebern, Romanen, Filmen, Autobiographien und Talkshows. Sie hat für ihre Forschungsarbeiten und deren Leser nochmals die Schriften der bekannten psychologischen Theoretiker studiert und selber zahlreiche Tiefeninterviews durchgeführt. Und selbst wenn all diese Quellen im wissenschaftlichen Sinne noch nicht repräsentativ sind, reichen sie als Material sicher aus, um den kultursoziologischen Schlüssen von Eva Illouz eine gewisse Beweiskraft zu geben.
Als Mensch der 21. Jahrhunderts kann man sich kaum vorstellen, wie die Welt vor dem Auftritt Sigmund Freuds war. Das amerikanische Magazin Newsweek bezeichnete Freud vor kurzem "als treibende Kraft eines Kneipengequatsches geistiger Normalverbraucher, das unsere Kultur seit einem Jahrhundert in Beschlag genommen hat. Ohne Freud wäre Woody Allen nur ein Trottel und Tony Sopranos nichts weiter als ein Gangster, gäbe es zwar einen Ödipus, aber keinen Ödipuskomplex." Eva Illouz geht nun den Fragen nach, wie und warum das Therapeutische triumphieren konnte. Und meist gelingt es ihr erstaunlich gut, sich kritischen Kulturanalysen zu verweigern, die auf Verdachtshermeneutik beruhen. Illouz ist einfach der verständlichen Meinung, dass Kulturkritik nur möglich ist, wenn wir verstehen, wie Bedeutungen produziert und ins soziale Netz eingeflochten werden.
Die Idee, der Frage nachzugehen, wie es möglich war, dass die Menschen der westlichen Welt ihre Seelen freiwillig auf öffentliche Bühnen trugen, geht auf persönliche Erlebnisse der Autorin zurück. Denn trocken stellt sie fest, es mit Zwanzig nicht mehr ertragen zu haben, dass alle Frauen um sie herum - sie selber eingeschlossen - eine ähnliche psychologische Sprache sprachen, die ebenso viel verhüllte wie neu verschleierte. Irgendwann habe sie dieser Sprache kein Wort mehr geglaubt und damit die notwendige Distanz gewonnen, um über deren Entstehung und Verwendung zu forschen.
Wie Eva Illouz die Arbeiten von Foucault, Weber, Boltanksi, Durkheim und vielen anderen verarbeitet und mit ihren Gedanken verbindet, ist einfach grossartig. Und da sie selber zu den Soziologinnen gehört, die auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge verstehen, haben ihre Beobachtungen und Thesen immer mit dem Alltag der Menschen zu tun, mit ihren ökonomischen Verstrickungen, seelischen Zwängen und geschlechtlichen Eigenheiten. Daher war ich wenig erstaunt, endlich wieder einmal wirklich Neues über männliche und weibliche Rollenverhalten und -erwartungen zu lesen.
Mein Fazit: Ein Buch, bei dem eine Rezension mehrere Seiten umfassen müsste, um dem Inhalt und der Autorin gerecht zu werden. Es gibt auf so viele Fragen so viele mögliche Antworten, dass ich ihm einen möglichst grossen Leserkreis wünsche. Zu ihm zählen auch alle, die sich darüber wundern, warum die therapierte Gesellschaft nicht glücklicher ist und weshalb sich die Grenzen zwischen den Geschlechtern immer mehr vermischen.