Ein unglaubliches Buch: selten sind historische Werke so abwechslungsreich, spannend und mitreißend verfasst. Der Autor entwirft ein unvergessliches Szenario an Personen, Landschaften und Begebenheiten. Die kaum zu überblickende Detailfülle ist es, die diesem Buch die Aura einer perfekten, scheinbar selbst erschaffenen Welt verleiht.
Dank der jahrelangen Auswertung der zahlreichen Zeugenberichte, der Vernehmungen und den im 16. Jh. verfassten "Codizes" über die Ereignisse in Mexiko wird ein hohes Maß an Objektivität erzeugt und in dramatischer Form dargeboten. Im Ringen mit der Fülle an überlieferten Details über das Geschehen werden die fantastisch anmutenden Abenteuer, Intrigen, Machtspiele, Kriege und die rohe Gewalt der Conquistadoren in fast buchhalterisch nüchterner und dadurch, so scheint's bezweckt, in oft ironischer Form präsentiert. Der Leser befindet sich mitten drin im Aufeinanderprallen zweier Kulturen im exotischen Mittelamerika. Gleichzeitig hat er die Möglichkeit - eben anhand der Detailfülle -, sich zu distanzieren, Partei zu ergreifen, Schilderungen in Frage zu stellen... vor allem aber mitzudenken und mitzuerleben!
Thomas schildert ausführlich die Kultur der Mexika (Azteken), beschreibt die politischen Zustände des spanischen und des mexikanischen Imperiums und vergißt bei allem Schlachtgetümmel und der starken Fokussierung auf einzelne Charaktere nicht das eigentliche Problem der Conquista: die Zerstörung einer Hochkultur und das Auslöschen ganzer Völkerstämme, das von Goldgier und Macht getriebene Vorgehen der Spanier und ihr respektloser Umgang mit der Kultur und Religion der neuen Welt.
Trotz der scheinbaren Objektivität zum Geschehen kommt die Leidenschaft des Autors für eine der Hauptpersonen immer wieder zum Vorschein: Hernan Cortés, der Führer (caudillo) des Unternehmens wird - auch dies geschieht oft ironisch - überhöht dargestellt. Gottgleich handelt er mit Weisheit, Voraussicht, Hinterlist und Unfehlbarkeit, besitzt Charisma und Eingebung genug, um in jeder Lage taktisch klug zu entscheiden. Doch es ist pures Vergnügen, ihm (in der Beschreibung des Autors) zu folgen. Spätestens nach der Hälfte des Buches wird das Vergnügen zum Verlangen.
Das Buch lebt neben der eigentlichen Handlung von seiner lebendigen (für Hugh Thomas typischen) Sprache, die auch durch die Übersetzung nicht eingebüßt hat. Selbst die durch Einzelheiten verschachtelten Sätze klingen wie Musik, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, die spanischen Namen der Eroberer und vieler Ortschaften fehlerfrei zu lesen (und sogar mitzusprechen!): z.B. Bernal Díaz del Castillo, Villa Rica de la Vera Cruz usw. Oder wie wär's mit den indianischen Namen für Personen und Städte? Die Hauptstadt Mexikos, Tenochtitlan, ist da noch ziemlich einfach. Schwieriger wird es bei Huitzilopochtli, Ixtlilxochitl oder Cuauhtémoc.
Wer bereits andere Werke von Thomas kennt - wie das voluminöse "Cuba" (leider nur gekürzt u. ungenügend ins Dt. übersetzt) oder "The Atlantic Slave Trade" (noch keine dt. Ausg. erschienen) - weiß seinen Stil sicher zu schätzen und kann sich mit diesem Buch in gewohnter Ausführlichkeit auf die spannende Reise nach Mexiko begeben. Für alle, die Hugh Thomas noch nicht gelesen haben: Kauft! Lest! - Und lasst euch nach Mexiko entführen!