Benedict Anderson geht keinesfalls davon aus, dass die Nation eine reine Erfindung sei. Dies legt zwar die sehr freie und reißerische deutsche Übersetzung des Buchestitels nahe, das ist jedoch falsch. Denn Anderson zeigt, dass auf Grundlage einer Medien- und Kommunikationsrevolution in der Moderne neue gemeinschaftsbildende Beziehungen, die er als Nationen identifiziert, entstanden seien. Die Nation seine somit zwar eine Vorstellung, die allerdings auf einem ganz realen Wandel beruhe.
Wie argumentiert Anderson? Zunächst präsentiert er eine griffige Nations-Definition, die er prägnant erläutert:
"Nation ist eine vorgestellte politische Gemeinschaft - vorgestellt als begrenzt und souverän." (S. 14)
Vorgestellt, weil ein Mitglied der Gemeinschaft wohl nie viele andere Mitglieder persönlich kennen lernen wird, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert. Damit sind alle Gemeinschaften ab der Dorfgemeinschaft vorgestellte Gemeinschaften.
Der Terminus Gemeinschaft unterstreicht das Prinzip, reale Ungleichheiten zu verdecken zugunsten einer Vorstellung eines Verbunds von Gleichen.
Begrenzt, weil sie sich nur in Abgrenzung zu anderen Einheiten definieren kann: "Keine Nation setzt sich mit der Menschheit gleich" (S. 15).
Und schließlich souverän, weil Nationen stets den Anspruch erheben nicht von fremden Mächten, wie etwa von kosmopolitischen Adelsgeschlechtern (Dynastien), sondern von "eigenen Führern" regiert zu werden
In diesem skizzierten Sinn versteht Anderson Nation und Nationalismus als kulturelle Produkte der Moderne, die zugleich "den am universellsten legitimierten politischen Wert unserer Zeit" (S. 12) darstellten.
Dieser konstruktivistische Ansatz geht von der Annahme aus, dass es Nationen nicht schon immer gegeben habe, bzw. sie nicht Teil einer natürlichen Ordnung seien. Bei der Genese der Nationen stellten allerdings kulturelle Entwicklungen ein wesentliches Moment dar. Neue Zeit- und Raumvorstellungen - entstanden durch die Herausbildung von Einheitssprachen, Verbreitung von Massenmedien und steigender Mobilität - seien die Ausgangsbedingungen für das Entstehen eines Nationalbewusstseins gewesen. Insbesondere dem neuen Zeitgefühl der Moderne, welches er mit dem Begriff der "Gleichzeitigkeit" beschreibt, räumt Anderson dabei einen hohen Stellenwert ein. Erst durch die genannten kulturellen und technischen Fortschritte sei es möglich gewesen, sich seine "Landsleute" überhaupt vorzustellen; dass sie genauso leben wie man selbst, dass sie die gleiche Sprache sprechen, dass sie tagtäglich ähnliche Handlungen vollziehen. Nationen seien somit keine bloßen Erfindungen, so das Argument Andersons, sondern Konsequenzen eines fundamentalen strukturellen Wandels in der Moderne.
Auch die universelle Gültigkeit des Konzepts Nation sei erst in der Neuzeit vorstellbar. Wo früher dynastische Herrschaft sich durch Heirat und Eroberung ausweiten konnte, werde in der Moderne nur dann Macht zu Herrschaft, wenn sie sich real - oder auch nur formal - national legitimiere. Heutzutage sei unser ganzes weltpolitisches System in Nationen gedacht, wie sich beispielsweise an einer Organisation wie der UN zeige. Daher plädiert Anderson dafür, den Nationalismus nicht als eine politische Kategorie zu begreifen, sondern vielmehr als ein kulturelles gemeinschaftsbildendes System, wie etwa Verwandtschaft oder Religion. So schließe der Nationalismus nicht die Zugehörigkeit zu einer politischen Ideologie aus, sondern bilde vielmehr den Rahmen für das Ganze.
Typologisch unterscheidet Anderson zwischen "offiziellem Nationalismus" und "Volksnationalismus". Ersterer gehe aus dem Bestreben hervor, alte dynastische Herrschaften durch neue nationalistische Legitimierung zu sichern, während letzterer sich meist in nationalen Befreiungsbewegungen äußere.
Mein Fazit: Der sprachliche Duktus ist klar und verständlich. Die Argumentation erfolgt souverän und oft sehr zugespitzt, wie beispielsweise in der Definition der Nation. Allerdings kommt zuweilen der Eindruck der Beliebigkeit bei der Beispielwahl auf. So wird z.B. die Neuheit des Namens Vietnam oder Indonesiens als Beleg für die Neuheit des Nationalismus angeführt, während dieses beispielsweise für Japan nicht gilt.
Diese Beliebigkeit zeigt sich ebenfalls bei Andersons Auswahl an Fachliteratur. Um mittelalterliches Zeitgefühl und Gemeinschaftsvorstellungen zu beschreiben, greift Anderson lediglich auf zwei Werke von Marc Bloch zurück, die aus den vierziger Jahren stammen, sowie eine Literaturstudie von Erich Auerbach. Dagegen hat die Nachkriegsmediävistik auf diesem Gebiet spätstens seit den siebziger Jahren ein anderes, differenziertes Bild herausgearbeitet. Danach war es den Menschen schon im Frühmittelalter bewusst, dass sie mit vielen anderen ein spezifisches Territorium bewohnten und auch eine Gemeinschaft bildeten. Insbesondere in Kriegszeiten kamen ja die Männer eines ganzen Herrschaftsgebietes zusammen, um zu kämpfen. So wurde diese Gemeinschaft für die Kämpfenden durch direkten Kontakt erfahrbar, während die daheim Gebliebenen mittels einer speziellen Kriegsliturgie in die Gemeinschaft eingebunden waren.
Ein weiteres Manko besteht in der Vernachlässigung der Akteursebene und der konkreten politischen Prozesse. Insbesondere nationale Bewegungen interpretierten die von Anderson beschriebene Kommunikationsrevolution in einer spezifischen nationalen Weise. So war innerhalb des deutschen Nationsbildungsprozesses das Konzept einer württembergischen oder bayerischen Nation dem einer deutschen, das sich dann aber durchsetzte, zeitweise überlegen. Warum sich ein bestimmter Nationalismus etablierte, beantwortet Anderson nicht.
Insgesamt stellt das Buch Andersons allerdings eine Pionierleistung in der Nationalismusforschung dar, die kaum zu überschätzen ist. Anderson zählt mit zu den ersten (vor ihm allerdings schon Max Weber und Ernest Renan), die durch einen konstruktivistischen Ansatz die Natürlichkeit der Nationen als bloße Vorstellung der Nationalisten entlarvt haben: "Der objektiven Neuheit von Nationen aus dem Blickwinkel des Historikers steht das subjektive Alter in den Augen der Nationalisten gegenüber." Dadurch dass er diese Perspektive aber auf strukturelle Faktoren zurückführt, gibt er dem radikalen Konstruktivismus ein empirisches Fundament, welches sein Konzept so attraktiv macht.