Literaturverfilmungen dürften wohl zu den am schwierigsten zu realisierenden und am meisten kritisierten Filmprojekten gehören.
Möglichst werkgetreu sollen sie sein, insoweit herrscht wohl Einigkeit.
Nun erreicht man "Werktreue" aber nicht unbedingt dadurch, ein Buch einfach haargenau Szene für Szene, Dialog für Dialog nachzustellen; vielmehr möchten die Stimmung und die Athmosphäre der Vorlage möglichst genau eingefangen sein.
In "Die Erbin" ist dies wunderbar gelungen.
Enorm stilsicher, mit detailgetreuer Ausstattung, schöner Kameraarbeit und vor allem vier wunderbaren Hauptdarstellern wird die Geschichte von Catherine (Olivia De Havilland) erzählt, eine gebildete, aber auch schüchterne, wenig wortgewandte und nur mäßig attraktive junge Frau, die von ihrem verwitweten Vater (Ralph Richardson) aufgrund dieser Eigenschaften nur gering geschätzt wird.
Als sie jedoch den gutaussehenden Morris Townsend (Montgomery Clift) kennenlernt, der sie hofiert, blüht sie zusehends auf und widersetzt sich sogar erstmals ihrem Vater, der in Morris sofort einen Mitgiftjäger sieht und die Beziehung zu unterbinden versucht.
Catherine und Morris wollen "durchbrennen" und heimlich heiraten, aber als Morris erfährt, daß Catherine in diesem Fall kein Geld von ihrem Vater zu erwarten hat, lässt er sie sitzen.
Jahre später nimmt die inzwischen zur alten Jungfer und reichen Erbin gewordene Catherine eiskalte und perfide Rache an dem ehemaligen Geliebten...
Obwohl der Film einige Dialoge aus dem Buch nahezu wörtlich übernimmt, nimmt er andererseits auch einige recht deutliche Veränderungen vor:
So kommt zum Beispiel Dr Slopers zweite Schwester, die im Buch die einzige Person ist, deren Ratschläge der gefühlsarme und wenig zugängliche Doktor akzeptiert, im Film nicht weiter vor, Morris' Schwester wird deutlich lebensküger und sympathischer dargestellt, was ihr im Film mehr Respekt Dr Slopers einbringt und im Buch wird Catherine trotz allem von ihrem Vater enterbt, so daß ihr nach seinem Tod "nur" das Einkommen aus dem kleinen Vermögen ihrer Mutter bleibt.
Einige der stärksten Szenen des Filmes, so die, in der Catherine eine Nacht lang vergeblich auf Morris wartet, oder auch die wunderbare letzte Szene zwischen Catherine und ihrem Vater, kommen im Buch so gar nicht vor.
Der Film schafft es aber auf nahezu unglaubliche Weise, daß man diese Änderungen, auch, wenn man den Roman kennt, nicht als störende Verfälschung empfindet.
Ich bin vielmehr geneigt zu sagen, daß der Film das Kunststück vollbringt, trotz (oder gerade wegen?) einiger zum Teil sogar deutlicher Veränderungen den Effekt des Buches noch zu verstärken.
Die Tatsache, daß Morris merklich sympathischer dargestellt wird, als dies der auktoriale Ich-Erzähler in James' Roman tut, führt sogar dazu, daß der Film deutlich mehr Interpretationsmöglichkeiten bietet als der Roman.
Wenn zum Beispiel Catherine im Film ihrem Vater sagt, daß sie auch mit ihm zwanzig Jahre lang zusammengelebt habe, ohne daß dieser sie je geliebt habe und daß sie in einer Ehe mit Morris zumindest die Chance gehabt hätte, irgendwann seine wahre Liebe zu erringen, so zeugt dies von mehr erlangter Reife und Scharfsichtigkeit, als Henry James sie seiner Romanheldin zugesteht.
Und Catherines Bemerkung über Morris "Damals wollte er nur mein Geld, jetzt ist er gierig geworden und will meine Liebe dazu" ist ebenfalls ein Aspekt, den der Film eigenständig der Geschichte hinzufügt.
Es bleibt so im Film die Frage offen, ob Morris Catherine nicht doch immer schon gemocht und letztlich auch zu lieben begonnen hat (wenngleich er natürlich auch gerne in eine reiche Familie einheiraten wollte).
Der geniale Schluss mit Catherines letzten Worten "I can be very cruel - I have been tought by masters" kommt im Buch übrigens so auch nicht vor und ist ein wahrer Kunstgriff der Drehbuchautoren Ruth und Augustus Goetz, der das Ende des Romanes nicht verfälscht, aber ungemein effektvoll ergänzt.
Es liegt mir fern zu behaupten, daß William Wyler hier aus einem mittelmäßigen Roman einen guten Film gemacht hat, die Romanvorlage von Henry James ist ein ohne Zweifel fesselndes und psychologisch einfühlsames Buch.
Wyler ist hier vielmehr etwas ganz anderes gelungen, nämlich aus einem schon sehr guten Buch einen sogar noch besseren Film zu machen.
Absolut empfehlenswert!