Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
10 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Muße tut Not, 18. November 2003
Eine Enzyklopädie mit nur 190 Seiten. Beim Thema Faulheit wird es wohl reichen. Natürlich hätte mehr Fleiß zu mehr Material geführt. Allein Herr Schneider hat gut ausgewählt und der Verlag hat dafür gesorgt, dass das Buch liebevoll und handwerklich perfekt gestaltet ist. Ich habe das Buch meinem Sohn "vorlesend" gelesen. Wir haben viel gelacht und manchmal gelacht.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
4.0 von 5 Sternen
Nachdenkliches über Müßiggang und Arbeit, 15. Juli 2006
Der Mensch ist nicht erschaffen, um zu arbeiten. Der Beweis: Er wird davon müde" (A. Dumas). Diese und viele weitere - teils amüsante, teils nachdenkenswerte - Aussagen von Dichtern und Denkern von der Antike bis heute, die zu einem Lobgesang auf die Faulheit anstimmen, sind in der lesenswerten Enzyklopädie der Faulheit" zu finden. Neben zahlreichen literarischen und philosophischen Texten hat der Journalist, Diplomhistoriker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Schneider (1938 - 2003), der zwei Wochen nach der Abgabe seines Manuskripts bei einem Autounfall ums Leben kam, eine beachtliche Sammlung von Sprichwörtern, Fakten und Kuriositäten rund um die Faulheit zusammengestellt.
Zu den vom Autor aufgespürten Freunden der Faulheit bzw. des Müßiggangs gehören u. a. die Philosophen Aristoteles, Bertrand Russell, Arthur Schopenhauer und Soeren Kierkegaard. Für Aristoteles, der bekanntlich die körperliche Arbeit den Sklavinnen und Sklaven zugedacht hat, gilt, dass die Muße der Angelpunkt ist, um den sich alles dreht. Denn wenn auch beides sein muss, so ist doch das Leben in Muße dem Leben der Arbeit vorzuziehen, und das ist die Hauptfrage, mit welcher Tätigkeit man die Muße auszufüllen hat." (S. 101)
Und unter der Überschrift Schlechte Schüler" füllt Wolfgang Schneider sechs Seiten mit Anmerkungen über Berühmtheiten wie Bertolt Brecht, Winston Spencer Churchill, Albert Einstein, Carl von Ossietzky und Richard Wagner, deren Schulerfahrungen im wesentlichen mit denen von Thomas Mann übereinstimmen: Faul, verstockt und voll lächerlichen Hohns über das Ganze: So saß ich die Jahre ab." (S. 43)
In einem Beitrag mit zahlreichen Beispielen aus dem Tierreich findet eine Auseinandersetzung mit der These statt, wonach Tiere sich unablässig auf der Suche nach Essbarem befänden und stets wachsam und aktiv seien. Doch der Autor führt zahlreiche tierische Verhaltensweisen als Gegenbeispiele an. So verbringe die angeblich so fleißige Biene gerade mal 20 Prozent ihrer Lebenszeit mit Arbeit und auch für die Ameise wird ein auf einer wissenschaftlichen Studie beruhender Befund angeführt: 78 Prozent ihrer Lebenszeit ruhe sich die Ameise aus. Und als die englische Jungbrieftaube Billy zu einer Ärmelkanal-Überquerung von der französischen Küste zurück in den Nordwesten Englands fliegen sollte, tauchte die zunächst vermisste Taube einige Wochen später in den USA auf. Es werde vermutet, dass sich die ihre Kräfte sparende Taube einfach auf einen Dampfer gesetzt und mit dessen Hilfe den Atlantik überquert habe.
Mögen sich die Leserinnen und Leser bei den Schul- und Tiergeschichten noch darüber streiten, ob es sich hier tatsächlich um Faulheit oder nicht doch eher um eine mehr oder weniger intelligente und angemessene Anpassung an vorgegebene Situationen handelt, so ist der im Buchtitel auftauchende Begriff Faulheit für fast alle philosophischen, literarischen und sonstigen Textauszüge, Sprichwörter und Zitate irreführend. Die bereits erwähnten Philosophen plädieren (vgl. Aristoteles) für Müßiggang und Muße - und nicht für Faulheit. Muße ist aber nicht identisch mit dem Nichtstun. Der Müßiggänger hat Zeit, sich um Geist und Gesundheit zu kümmern; er besitzt Weisheit und hat mit Dogmatikern nichts zu schaffen. Gutgelaunt, so Robert Louis Stevenson (1850 - 1894) in seinem in die Enzyklopädie aufgenommenen Beitrag, schlendert er die Seitenwege des Lebens entlang.
Wolfgang Schneider betont den Unterschied zwischen Faulheit und Müßiggang. In seinen die einzelnen Kapitel einleitenden Texte setzt er hinter dem Begriff Faulheit des Öfteren den Zusatz bzw. Müßiggang" und in seinem Nachwort heißt es: Aber gerade diesem vermeintlichen Widerspruch will der vorliegende Band nachgehen: Dass nämlich bewusster Müßiggang nicht gleichzusetzen ist mit dumpfer Untätigkeit." (S. 173) Und wenn sich der Rezensent bereits einleitend positiv zu der Text- und Zitatensammlung von Wolfgang Schneider geäußert hat, so bezieht sich dies mit Gewissheit nicht auf den Lobgesang der Faulheit, sondern auf die in diesem Buch aufgenommenen nach- und bedenkenswerten Überlegungen zu einem Leben, dass nicht allein in Ungeduldigkeit und monotoner Arbeit aufgeht. Und so sieht es wohl auch der Verfasser selbst, der offenbar aus Marketinggründen gemeinsam mit dem Verlag den provokanteren Begriff Faulheit statt Muße gewählt hat, wenn er schreibt: Arbeit (ist) ein (Lebens-)Mittel, kein (Lebens-)Zweck. Sie sollte nicht selbst zum Bedürfnis werden - was nicht bedeutet, dass sie nicht angenehm, spannend, herausfordernd, befriedigend, sinnstiftend sein darf -, sondern die Befriedigung von Bedürfnissen ermöglichen." (S. 18)
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
|