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Produktinformation
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Asien im Spiegel der europäischen Aufklärung
Jürgen Osterhammel schärft den Blick für das Besondere
Das Zeitalter der Aufklärung, von dem wir noch heute zehren, war eine Epoche der geistigen Offenheit, die sich durch die Bereitschaft, von anderen zu lernen, auszeichnete. Nachdem die grossen Seefahrer die Welt für die Neugierigen Europas zugänglich gemacht hatten, war es die Aufgabe der Intellektuellen, die Berichte, die sie mit nach Hause brachten, zu einem neuen Weltbild zu ordnen. Asien, von alters her ebenso unergründlich wie verlockend, spielte dabei eine zentrale Rolle. Anders als die Neue Welt, die es zu entdecken und sich anzueignen galt, hatte es Asien für Europa immer gegeben.
Asiens Platz in dem neuen Weltbild zu bestimmen war ein Thema, das die Aufklärung durchzog, weil es viel mit Europas Selbstverständnis zu tun hatte. In seinem neuen Buch, «Die Entzauberung Asiens», versucht Jürgen Osterhammel eine historische Rekonstruktion dieses Prozesses, wobei er gleichzeitig bestrebt ist, Motive des heutigen Asienbildes ins 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Über Asien erfährt man dabei manches, mehr aber noch über den Prozess der Wissensaneignung seitens europäischer Reisender, Missionare und Gelehrter, die in Asien waren oder sich mit Asien beschäftigten.
Text und Welt
Osterhammel interessiert sich für den holprigen Weg, der vom gesponnenen Garn einzelner Abenteurer, die Fakten und Fabeln, Hörensagen und selbst Erlebtes nicht immer deutlich trennen, zur abgewogenen Synthese des narrativen Historikers führt, der nicht verifizierbare Aussagen nach Kräften vermeidet. Sein Gegenstand sind Texte, was er freilich nicht mit der Genugtuung postmoderner Dekonstrukteure feststellt, für die Geschichten und Geschichte dasselbe sind, sondern mit dem Bedauern des Geschichtswissenschafters, der weiss, wie unzuverlässig schriftliche Zeitzeugnisse sind, aber auch, dass er nicht auf sie verzichten kann. Statt so zu tun, als wäre die Welt ein Text, benutzt er die Lektüre diverser im 18. Jahrhundert verfasster Schriften, um nachzuzeichnen, wie seine eigene Zunft als Ausdruck der Aufklärung Methoden der Quellenkritik entwickelte; wie Fakten, Vorurteile und oft genug auch reine Fiktionen von Text zu Text vererbt wurden; wie europäische Gelehrte lernten, Texten zu misstrauen, Plagiate aufzuspüren; welche Rolle Übersetzungen spielten; wie aussereuropäische Texte ins europäische Blickfeld kamen.
Die Kanäle, durch die das Wissen über Asien nach Europa gelangte, waren vielfältiger Natur: Briefe, Reiseberichte, Mitteilungen von Missionaren. Daneben wurden Land und Leute, Natur und Kultur Asiens dem europäischen Publikum mit illustrierten Darstellungen nähergebracht. Seine umfassende Belesenheit erlaubt es dem Autor, das 18. Jahrhundert mit Asien im Zentrum auf faszinierende Weise ideengeschichtlich Revue passieren zu lassen. Dabei stehen ihm das deutschsprachige, das französische und das englische Schrifttum zu Gebote. Das ist viel, und man zögert deshalb, es nicht genug zu nennen. Aber, das sei dennoch angemerkt, dem reichen Schatz der niederländischen Ostindienliteratur räumt er nicht den ihm gebührenden Platz ein. Er findet seine Zeugen der Aufklärung vor allem in Frankreich, in Grossbritannien, dort speziell Schottland, und in Deutschland.
Osterhammel macht kein Hehl daraus, dass er das geistige Klima des 18. Jahrhunderts liebt. Er erfreut sich an der Vielfalt möglicher Weltdeutungen, die nebeneinander standen. Eine Kritik des Ethnozentrismus, stellt er fast wehmütig fest, war damals noch möglich, im 19., im nationalistischen Jahrhundert ging sie verloren. Der Blick auf Asien wurde dadurch getrübt. Nicht die Seefahrer und Entdecker waren es, die Europas Dünkel nährten. Noch für Voltaire, William Jones, Alexander von Humboldt und viele ihrer weniger bekannten Zeitgenossen war Asien eine geistige Welt, die gleichberechtigt und gleich bedeutsam neben dem Abendland stand. Daran zu erinnern und zu zeigen, dass der Prestigeverlust des Orients im europäischen Bewusstsein erst mit der Dampfschiffahrt und der expansionistischen Phase des Kolonialismus begann, ist ein grosses Verdienst dieses Buches.
Im 19. Jahrhundert erst kam es zu dem, was Osterhammel etwas modern die «Ökonomisierung der Wahrnehmung kultureller Unterschiede» nennt. Die materielle Überlegenheit Europas, die sich bemerkbar zu machen begann, färbte auf die Haltung gegenüber dem Andersartigen ab. Das Unbekannte und Rätselhafte wurde oft zum Minderwertigen. Manche Frage des 18. Jahrhunderts verfestigte sich im 19. zu einem Stereotyp. Das Herrschaftswesen zum Beispiel interessierte die Asienforscher. Als die Aufklärer sich mit politischer Theoriebildung beschäftigten und über gerechte Formen der Regierung in Europa nachdachten, blickten sie auch nach Asien. Dessen Herrscher wurden von ihnen, wie unser Autor belegt, keineswegs ausnahmslos als grausame Tyrannen dargestellt und verurteilt, obwohl man sich über Despoten wie Dschingis Khan, Nadir Schah und Muhammad ibn Tughliq, den Sultan von Delhi, keine Illusionen machte. Vielmehr suchten sie nach einer angemessenen Beschreibung der politischen Verhältnisse Asiens. Die geistigen Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts verloren diese Differenziertheit, um immer mehr auf den Tops vom uralten Despotismus des Ostens hin zu konvergieren. Hegel und Marx trugen dazu gleichermassen bei.
Allgemeines und Besonderes
Der universalistische Erkenntnisanspruch der Aufklärung wurde dort, wo sich die sozialen Verhältnisse Asiens zu offensichtlich von denen Europas unterschieden, zum Problem, das manchmal dadurch umgangen (mehr als gelöst) wurde, dass scheinbar nicht übertragbare Beschreibungskategorien verwendet wurden. Das barg die Gefahr, Phänomene wie die soziale Schichtung, das Verhältnis der Geschlechter im privaten und im öffentlichen Bereich oder auch die Auswirkungen des Klimas auf die soziale Ordnung so darzustellen, als seien sie mit europäischen Verhältnissen völlig unvergleichbar. Nur wenige Berichterstatter und Gelehrte Carsten Niebuhr, Constantin François de Volney und Alexander von Humboldt etwa zitiert Osterhammel besonders gern vermochten es, das Allgemeine zu erkennen, ohne die eigenen Massstäbe absolut zu setzen und den Blick für das Besondere zu verlieren.
Sich von den Asiaten oder ebenso vage abgegrenzten Bevölkerungsgruppen und Ländern wie etwa den sogenannten Tataren und der Tatarei ein Bild zu machen, war unter den im 18. Jahrhundert gegebenen Reise- und Informationsbedingungen sehr viel schwieriger, als es heute noch immer ist. Für die Aufklärer aber war das kein Grund, es nicht zu versuchen. Über «den anderen» alles schon zu wissen und alles, was ihn betrifft, mit den vorgestanzten Kategorien eines gegen jede Einsicht resistenten Begriffssystems zu erfassen, ist bequem. Dagegen anzukämpfen war ihre grosse Leistung. Ihren Bemühungen war es zu danken, dass Europas Asienbild schärfere Konturen gewann. Freilich konnten sie nicht Garanten dafür sein, dass nichts von dem Erreichten zurückgenommen, dass ein einmal entlarvtes Vorurteil nicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder wirksam wurde. Das offenbart Osterhammels akribischer Literaturbericht, der dadurch zu einem wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis des komplizierten Verhältnisses von Europa und Asien wird.
Florian Coulmas -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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