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Von Sorel zu Mussolini: Zeev Sternhell über die Entstehung einer Ideologie
Von Stefan Breuer
Was immer der Faschismus sonst noch sein mag: zu politischer Macht ist er stets als Partei gelangt. Für die Begriffsbestimmung entscheidend ist deshalb die Frage, um welche Art von Partei es sich handelt. Nach einer bis heute grundlegenden Unterscheidung Max Webers können Parteien vorwiegend auf die Interessen von Ständen oder Klassen bezogen sein dann spricht man von ständischen oder Klassenparteien. Sie können sich an abstrakten Prinzipien orientieren dann spricht man von Weltanschauungsparteien. Und sie können primär nur den Machtinteressen der Führungsriege dienen dann spricht man von Patronageparteien. Der Versuch, den Faschismus als ständische oder Klassenpartei, vorzugsweise des Kleinbürgertums, zu definieren, kann heute auf Grund zahlreicher empirischer Befunde über Mitgliederstruktur und Wählerschaft als widerlegt gelten. Faschistische Parteien sind Omnibusparteien im Sinne Otto Kirchheimers, daher über soziale Verortungen nicht zu fassen. Bleibt die Alternative: Weltanschauungs- oder Patronagepartei.
Das Buch des israelischen Politikwissenschafters Zeev Sternhell und seiner Mitarbeiter kann als einer der bedeutendsten Versuche gelten, die Streitfrage im Sinne der ersten Möglichkeit zu entscheiden. Es basiert auf der These, dass die spezifische Differenz des Faschismus in einer Ideologie zu suchen ist, die «insgesamt ein konsequentes, logisches und gut strukturiertes Ganzes» war, nicht weniger kohärent und homogen als etwa der Liberalismus oder der Sozialismus. Diese Ideologie sei aus zwei Wurzeln erwachsen: einem neuen, «tribalen» (besser mit «ethnisch» als mit «völkisch» zu übersetzenden) Nationalismus, wie er in Frankreich durch Maurice Barrès und Charles Maurras, in Italien durch Enrico Corradini vertreten worden sei; und einer antimaterialistischen Revision des Marxismus, für die vor allem der Name Georges Sorel sowie der an ihn anknüpfende revolutionäre Syndikalismus stünden.
Gekappte Bezüge
Der neue Nationalismus habe die universalistischen und kosmopolitischen Bezüge gekappt, die noch dem alten, frühbürgerlichen Nationalismus eigen gewesen seien, und gegen das eher exklusive Verständnis von Nation ein neues, inklusives Konzept gesetzt, das auch das Proletariat einbezogen habe. Dadurch sei die Allianz mit jenen dissidenten Strömungen in der Arbeiterbewegung möglich geworden, die, wie der revolutionäre Syndikalismus, das Ziel einer Besserstellung der «Produktiven» hauptsächlich über eine Optimierung der Konkurrenzbedingungen für die eigene Nation verfolgt hätten. Die Wendung zur Inklusion und die Generalisierung des alten Klassengegensatzes zum Konflikt zwischen Produktiven und «Parasiten» hätten eine Synthese von Nationalismus und Sozialismus ermöglicht, die nichts anderes gewesen sei als Faschismus avant la lettre. Schon vor dem Ersten Weltkrieg seien damit alle Elemente vorhanden gewesen, aus denen die faschistische Revolution hervorwuchs.
Das Buch vermag für diese These viele Belege anzuführen. Es bietet ein vorzügliches Kapitel über Sorel, nicht minder informative Ausführungen über den im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannten Sorelianismus (Berth, Lagardelle), den 1911 gegründeten «Cercle Proudhon», der die Anhänger von Sorel und Maurras vereinte, den italienischen Syndikalismus und seine unübersichtliche, schwer zu erschliessende Publizistik; nicht zuletzt enthält es einige eindringliche und beunruhigende Studien über jene zahlreichen Grenzgänger, Frontwechsler und Renegaten, die in dieser Zeit von einem Extrem zum anderen sprangen: Robert Michels, Hugo Lagardelle, Benito Mussolini . . . Wie schon in früheren Arbeiten über Barrès und de Man demonstriert Sternhell auch hier sein Gespür und seine Faszination für jene Schwellenwesen, Virtuosen der Liminalität, die für die politische Landschaft der ersten Jahrhunderthälfte so charakteristisch sind (und die im übrigen auch heute nicht ausgestorben sind). Dies alles geschieht auf so kundige und profunde Weise, dass das Buch aus der Diskussion über den Faschismus nicht wegzudenken sein wird.
Dennoch bleiben Einwände. Festgehalten werden muss, dass das Buch insofern hinter seiner eigenen Zielsetzung zurückbleibt, als es sich überwiegend mit dem Zustrom von links befasst und denjenigen von rechts nur streift. Es gibt nur wenige Hinweise auf die Action Française, kaum etwas über Corradini und seine Zeitschrift «Il Regno», fast nichts über die wichtige Associazione Nazionalista Italiana. Die Konturen dieses neuen Nationalismus bleiben unscharf, nur die Übereinstimmungen mit dem revolutionären Syndikalismus werden notiert, nicht aber die Differenzen, die diese Strömung zu einer durchaus eigenständigen Grösse gemacht haben.
Und auch was den revolutionären Syndikalismus angeht, ist die These nicht wirklich zwingend. Zugestanden, dass es im antimaterialistischen Revisionismus Tendenzen gab, die dem Faschismus entgegenkamen. Das aber heisst doch nicht, dass dieser Revisionismus seiner Logik nach zum Faschismus führen musste, führte er doch, wie Sternhell und andere einräumen, auch zur Opposition gegen den Faschismus, etwa bei De Ambris und Leone. Selbst die zu Mussolini übergeschwenkten Syndikalisten konnten diesen Schwenk doch nur vollziehen, indem sie zentrale Ziele des Syndikalismus aufgaben, allen voran: die Leitung der Produktion durch Gewerkschaften.
So ist denn auch durch dieses bedeutende Buch die Gegenthese nicht widerlegt: dass der Faschismus seine Einheit und seine Durchschlagskraft nicht in erster Linie ideologischen, sondern politisch-organisatorischen Faktoren zu verdanken hat. Es mag ja zutreffen, dass es im revolutionären Syndikalismus wie im neuen Nationalismus Oszillationen gegeben hat, die sich der Faschismus zunutze machen konnte. Sehr gut denkbar ist jedoch, dass dies nicht zu einer hegelianischen Synthese führte, die aus zwei Positionen eine dritte macht, sondern zu einem blossen Aggregat, einem äusserlichen Zusammenschluss von Komponenten unterschiedlicher Weltanschauungen, die dadurch nichts von ihrer Heterogenität verloren und auch weiterhin zueinander in Spannung standen.
Zuviel Ehre
Vielleicht tut man dem Faschismus zuviel Ehre an, wenn man ihn als Weltanschauungspartei begreift; vielleicht kommt man ihm näher, wenn man ihn als Patronagepartei denkt: als eine auf Machtgewinn ausgerichtete Sammlungsbewegung, deren Führer zwar keine reinen Nihilisten sind, aber eher Ideen folgen, die nach Art des «wilden Denkens» zusammengebastelt sind, ohne System, ohne Kohärenz, so flexibel, dass ihre Komponenten je nach Opportunität aktualisiert oder inaktualisiert werden können. Mussolini nahm aus den Angeboten der ideologischen Supermärkte seiner Umgebung nur das, was er brauchte, und liess alles übrige unbeachtet. Dasselbe tat Hitler mit dem neuen Nationalismus der Strasser und Goebbels, dem völkischen Nationalismus der Eckart und Feder und dem Neoaristokratismus der Himmler und Darré Ideenkonglomeraten, die sich zum Teil noch heftiger widersprachen als im italienischen Fall. Beide «Führer» exzellierten nicht durch ihre Syntheseleistungen auf ideellem Gebiet, sondern durch den Spürsinn, mit dem sie den kleinsten gemeinsamen Nenner herausfanden; und durch ihre Fähigkeit, sich für alles, was darüber hinausging, und sei es auch noch so heterogen, als den gegebenen Mann zu präsentieren. Eine Partei aber, die nur in bezug auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigermassen klare Konturen besitzt, im übrigen aber ein diffuses (was nicht heisst: beliebiges) Möglichkeitsspektrum aufweist, ist nicht eben das, was unter einer Weltanschauungspartei zu verstehen ist.
Ein Wort zur Übersetzung. Sie ist durchweg flüssig, aber nicht immer zuverlässig, etwa, wenn sie den Nationalisten Alfredo Rocco die faschistische Partei mitbegründen lässt, wovon im Text nichts steht. Man sollte deshalb stets das Original mit zu Rate ziehen.
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