Magd Eilika ist grünäugig, rothaarig und so arm, daß sie nicht einmal ein eigenes Kleid besitzt. Also trägt sie die abgelegten Klamotten einer Freundin auf - und da die Freundin zart gebaut ist, quellen Eilikas üppige Formen regelmäßig aus dem Ausschnitt und ziehen die Aufmerksamkeit des Mannsvolkes auf der Bernburg auf sich. Doch ehe der Bösewicht Reinmar - zu erkennen an Knollennase und schmalen Lippen - sich an ihr vergreifen kann, eilt Ritter Robert zur Hilfe - zu erkennen an kantigem Kinn und stahlblauen Augen. Eilika flüchtet von der Bernburg, wird mehrere Male fast vergewaltigt, begegnet Ritter Robert unbekleidet an einem Wasserfall, wird in Rekordzeit von einer alten Kräuterfrau zur Heilerin ausgebildet, lernt nebenbei noch Lesen und Schreiben und rettet diverse Soldatenleben. Irgendwann findet sie auch den zwischenzeitlich verloren gegangenen Ritter Robert wieder, und wenn sie nicht gestorben sind, dann tummeln sie sich noch heute unter ihrem Wasserfall.
Wirklich beeindruckend an diesem Roman ist nicht die ebenso glaubwürdige wie originelle Handlung, sondern die experimentelle Sprache der Autorin. Besonders gelungen ist ihr dabei das Heraufbeschwören des mittelalterlichen Kontextes, der durch Ausdrücke wie "Klasse!" und "Toll!" immer wieder zeitgemäß unterstrichen wird. Wer eine besondere Vorliebe für verschachtelte Nebensätze, an deren Ende, das für gewöhnlich ziemlich weit vom Anfang entfernt liegt, niemand mehr weiß, wovon eingangs die Rede war, hat, kommt hier sprachlich vollends auf seine Kosten. Auch Freunde von Füllwörtern werden vermutlich an diesem Buch wohl stilistisch ziemlich viel Freude haben, insbesondere an dem ziemlich aussagekräftigen und daher wohl auch bei so ziemlich jeder Gelegenheit auftauchenden Wort "ziemlich".
Die solchermaßen beschriebenen Charaktere zeichnen sich durch besondere Tiefe und Vielschichtigkeit aus, sie wecken Sympathien und reißen den Leser mit. Ritter Robert mit den stahlblauen Augen und die dralle Magd Eilika wirken so realistisch, daß man sich kaum von ihnen trennen mag. Bleibt zuletzt noch der faszinierende historische Kontext des Romans zu erwähnen, in dem der Leser Bemerkenswertes über die sächsische Regionalpolitik des Hochmittelalters erfährt - immer ein gutes Thema für den nächsten Smalltalk.
PS: Bei der Lektüre dieses Buches lag ich fiebernd im Bett. Das könnte meine Urteilsvermögen getrübt haben.