Hubert Schneider ist ein Fach-Historiker, und dementsprechend ist seine Studie über die Bochumer "Judenhäuser" zu lesen. Nur auf den ersten Blick handelt es sich bei dem, was er über die Ausgrenzung der Juden in Bochum während der Jahre um 1940 schreibt, um ein Stück Lokalgeschichte. Was in Bochum geschah, geschah in Flensburg wie in Konstanz, in Insterburg wie in Aachen. Insofern handelt es sich um die lokale Variante eines allgemeinen Geschehens, das Schneider oft mit schmerzender Genauigkeit darstellt.
In einer ausführlichen Einleitung erzählt der Autor zunächst, wie ab 1939/40 im Deutschen Reich der eng gewordene Markt für Wohnraum rechtsförmig dadurch erweitert wurde, dass Juden sukzessive das Wohnrecht und das Recht auf Eigentum beschnitten und schließlich verweigert wurde; er macht zugleich klar, dass es sich dabei um den integralen Teil einer lang angelegten Politik handelte, jüdische Menschen aus der deutschen Gesellschaft auszugrenzen, aus dem Lande zu treiben und zu ermorden.
Im Hauptteil dokumentiert Schneider dann umfassend die Geschehnisse um die neun zu "Judenhäusern" erklärten Bochumer Wohnhäuser und um das Gebäude der Israelitischen Schule. (Die Synagoge war am 9./10 Nov. 1938 niedergebrannt.) Er legt die jeweiligen Eigentumsverhältnisse dar und beschreibt den Wechsel der Besitzverhältnisse bis in die 60er Jahre hinein, dann ermittelt er die Bewohner sowie deren Wechsel und schildert auf der Grundlage eines breiten Quellenmaterials ihre Schicksale, soweit das heute noch möglich ist. Insgesamt kann Schneider in diesem vorletzten Kapitel dessen, was damals die "Endlösung der Judenfrage" hieß, die Lebensläufe von 179 namentlich genannten Personen und einer nicht mehr genau zu übersehenden Zahl von weiteren Angehörigen schildern. Nicht nur sind diese Berichte quälend zu lesen, auch das nahtlose Ineinandergreifen von hergebrachtem Antisemitismus, Propaganda, Gesetzgebung, staatlichen Zwangsmaßnahmen, Verwaltungshandeln und perssönlicher Habgier lässt erschrecken. Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass sich nach 1945 die "Wiedergutmachung" für die einen nicht selten zu einem ernüchternden, quälenden Prozess, für die anderen oft zu einem profitablen Geschäft entwickelte. Schneiders Buch stellt nicht nur eine akribische Dokumentation dar, es ist darüber hinaus ein Mahn- und Gedenkbuch.