Es hätte so schön werden können. Ein erprobter Stoff, ein Action-Regisseur, der mindestens zweimal schon gezeigt hat, daß er den Zuschauer auf eine tosende Achterbahnfahrt schicken kann ("Crimson Tide", 1995, und "Man on Fire", 2004) und ein Top-Schauspieler, der in dem zuletzt genannten Film unter eben diesem Regisseur eine großartige Leistung erbracht hat. Aber trotz alledem fährt die Pelham 123 die meiste Zeit mit angezogener Handbremse.
Man sollte dem Remake "The Taking of Pelham 123" (2009) von Tony Scott auf keinen Fall Unrecht tun, indem man es mit Joseph Sargents Original aus dem Jahre 1974 vergleicht, denn eine solche Gegenüberstellung kann schwerlich objektiv sein - Nostalgie verhindert eben oft klares Denken - und würde dem Film außerdem unnötigerweise das Recht absprechen, als ein eigenständiges Werk betrachtet zu werden. Statt dessen möchte ich zum Vergleich zwei Filme jüngeren Datums heranziehen, die ebenfalls von einem Psychoduell um eine Gruppe Geiseln handeln - Spike Lees "Inside Man" (2006) und F. Gary Grays "The Negotiator" (1998).
Sowohl Lee als auch Gray lassen in ihren Filmen die Fronten zwischen Gut und Böse nicht so geradlinig verlaufen, wie dies in Scotts Film geschieht. Besonders "The Negotiator" macht es dem Zuschauer nicht leicht, sich vom Protagonisten zu distanzieren - trotz des verwerflichen Mittels, das er anwendet, um seine Unschuld zu beweisen. Auch in "Inside Man" können wir uns einer gewissen Sympathie für die Geiselnehmer - die ja immerhin eines der schlimmsten Verbrechen begehen - nicht erwehren, während Tony Scott seinen Schurken Ryder als einen so eindimensionalen und psychopathischen schweren Jungen, mit Knasttätowierungen und allem Drum und Dran, zeichnet, daß sich John Travolta an dieser Rolle sichtlich einen Bruch hebt. Den Ryder mögen wir gar nicht, nicht eine Sekunde lang, seinen von Denzel Washington verkörperten Gegenspieler, Walter Garber, dagegen sehr. Scott zeichnet Garber als einen bescheidenen, aber willensstarken und, trotz eines zweifelhaften Vorwurfs gegen seine Redlichkeit im Amt, anständigen Durchschnittsbürger, also als jemanden, mit dem man sich gern identifiziert. Doch das war's dann auch schon. Trotz des dunklen Punktes in seiner Vergangenheit bleibt Garber eine äußerst oberflächlich gezeichnete Figur ohne Ecken und Kanten, und ich glaube, daß es nur dem schauspielerischen Geschick Washingtons zu verdanken ist, daß wir nicht nach den ersten zwanzig Minuten jegliches Interesse an ihm verlieren.
Denn das Drehbuch nötigt kein großes Interesse ab: Garbers fieser Vorgesetzter gleitet recht schnell in die Passivität ab,* der von John Torturro gespielte Polizeibeamte Camonetti überwindet sein anfängliches Mißtrauen gegen Garber früh, und der einzig verbleibende Konflikt - der böse Ryder gegen den guten Garber - wird nicht gerade durch packende Dialoge zu einem abendfüllenden Psychoduell aufgewertet. Statt dessen gibt es dann den altbekannten Heldenbrei, wie Camonettis Satz "Da weiß man, wofür man kämpft", als er und Garber in einem Hubschrauber über die Stadt New York fliegen. Sicher, hier wird auf die vielen Alltagshelden im New York nach 9/11 angespielt, aber hätte dies nicht ein wenig subtiler geschehen können?
Auch eine weitere absolut notwendige Bedingung für einen Geiselnehmerthriller wird nicht erfüllt: die Geiseln erhalten keine glaubwürdigen Konturen, sondern bleiben stereotype Nebenrollen. Da ist der junge Mann, der mit seinem Laptop Kontakt zur Außenwelt herstellt, aber warum ist der da eigentlich? Da ist die junge Mutter, die sich um ihren kleinen Sohn sorgt - der auch prompt von Ryder zum Erschießen ausgewählt wird, denn Ryder ist ja bööööse, harharhar -, und für den sich ein ehemaliger Soldat opfert. Aber das alles wird in hektischer Eile dargeboten, gerade so als wolle Scott möglichst jede Minute irgendwie mit seinen beiden Stars Washington und Travolta füllen. Das Ergebnis ist ein ermüdendes Psychoduellchen zwischen einer Karikatur und einer oberflächlich gezeichneten Identifikationsfigur im luftleeren Raum.
Scott unterliegt zu allem Überfluß noch der Eitelkeit, möglichst viel Action in seinen Film packen zu wollen, was dazu führt, daß seine Polizisten wie die letzten Deppen handeln, indem sie den Transport mit dem Lösegeld nicht mit einem Helikopter, sondern in einem kleinen Konvoi - über nicht abgesperrte Straßen, wohlgemerkt! - abwickeln. Das dient einzig dem Zweck, ein paar Autos und Motorräder durch die Luft wirbeln zu lassen. Doch vielleicht sollte sich Scott vor seiner nächsten Inszenierung eines Autounfalls mal das ein oder andere Billardspiel ansehen oder ein Buch über Kybernetik lesen. Ich will hiermit keinesfalls behaupten, daß ein Thriller hundertprozentig realistisch sein sollte - aber Realitäts- und Logikbrüche sollten dem Vorantreiben der Geschichte und dem Unterstreichen der Prämisse untergeordnet werden, denn ansonsten könnte der Zuschauer am Ende argwöhnen, man wolle ihn für dumm verkaufen.
So sehr ich auch einige Filme Tony Scotts schätze, ein Ticket für die Pelham 123 würde ich ganz gewiß nicht wieder ziehen.
* Wenn ich da an die fiesen Vorgesetzten und selbstsüchtigen Politiker in den Dirty-Harry-Filmen denke, dann frage ich mich, warum Scott hier so leichtfertig gute Nebenrollen verschenkt hat.