Eines der besten Werke der Science-Fiction des 20.Jahrhunderts ist zweifelsohne der in Deutschland unter dem fast ironisch überzeichneten Titel bekannt gewordene Planet der Habenichtse". Nach Die Geißel des Himmels" legt die Edition Phantasia diesen elementaren und zumindest für die siebziger Jahre provokativen Roman in einer Neuübersetzung von Joachim Körber wieder auf. Ungekürzt. Auch der deutsche Titel Die Enteigneten" entspricht eher dem Original The Dispossed". Wie in vielen elementaren Werken aus dem Übergang der New Wave zu einer politisch pointierten gesellschaftskritischen Science Fiction dient die Zukunft nur als Bühne gegenwärtiger - und in diesem Fall auch historischer - Ereignisse auf der Erde. Obwohl die Handlung auf einem fernen Planeten spielt, ist die Heimat der Menschheit zumindest im Hintergrund spürbar. LeGuin entfremdet ihre Leser nicht von ihr, sondern extrapoliert teilweise ein wenig überzogen politische Tendenzen, die in den endlosen Weiten des Alls und ihren vielen besiedelbaren Planeten eher blühen und nicht immer gedeihen können als auf der räumlich beengten Erde. Dabei ist ihre Vision des technologischen Fortschritts eher begrenzt und dient nur als notwendiges Übel, um zwischen den beiden unterschiedlichen Gesellschaftssystemen" pendeln zu können. In der Tradition des Briten Swift hätten auch Handelsschiffe auf einem endlos weiten Ozean genügt, um den gleichen Effekt zu erzielen.
In diesem Roman steht nicht die Beschreibung futuristischer Technik im Vordergrund. Es ist vielmehr die Utopie einer Gesellschaftsordnung, die sich vom Kapitalismus losgesagt hat und nach kommunistischen Grundlagen aufgebaut ist. Aus heutiger Sicht wirkt LeGuin Vision in Hinblick auf einen zerfallenen Ostblock und im Bereich Chinas als Vorreiter eines globalen kaum getarnten Kapitalismus - man kann das Kind wirtschaftspolitisch auch mit anderem Namen nennen, aber die aggressive Expansion ist eine industrielle Revolution, nur einhundert Jahre später und nicht weniger menschenverachtend wie in England, Arbeiter bleiben willenlose Sklaven - altbacken und manchmal ein wenig naiv. Sie verschweigt allerdings schon in diesem vor dreißig Jahren veröffentlichten Buch nicht die Schwächen des Systems, sieht aber keine Alternativen.
In einem fernen Sonnensystem: Nach der Niederschlagung der Revolution auf Urras, erlaubte man den Überlebenden, um sie loszuwerden, auf den Nachbarplaneten Anarres auszuwandern, um dort eine Gesellschaft nach ihren Idealen aufzubauen. Die neue Heimat der "Anarchisten" war ein unwirtlicher Wüstenplanet, auf dem es weder eine reiche Vegetation, noch höherentwickelte Tiere gab. Das Lebensnotwendigste musste der menschenfeindlichen Natur mit harter, gemeinsamer Arbeit abgerungen werden. Und auch nachdem Anarres besiedelt und das Überleben der Anarresti gesichert war, wurde aus der kargen Natur des Planeten kein Paradies.
Die Geschichte selber entspinnt sich um Shevek, der Jahrzehnte nach der Besiedelung auf Anarres geboren wird. Als Physiker macht Shevek eine Erfindung, die revolutionär für die Raumfahrt sein könnte. Der Isolationismus seiner Welt und die Ablehnung seiner Idee durch seine Arbeitskollegen führen schließlich dazu, dass sich Shevek entschließt, eine Einladung nach Urras anzunehmen, auch wenn er damit für viele auf seiner Welt als Verräter gilt.
Auf Urras wird er mit einer Welt konfrontiert, die alle Ressourcen im Überfluss besitzt, in der es aber trotzdem nicht genug für alle gibt. Denn die Schönheit der reichen und vielfältigen Natur ist nur die eine Seite. Die Gesellschaft auf Urras ist hochkapitalistisch - ein Spiegelbild der westlichen Staaten auf der Erde. Und so existiert arm neben reich, obwohl doch eigentlich genug für alle da wäre - und natürlich gibt es gesellschaftliche Kämpfe ob dieser Ungerechtigkeit.
Shevek kam in dem Glauben nach Urras, dort frei wissenschaftlich arbeiten zu können. Doch schon bald muss er feststellen, dass er nur den antikommunistischen Propagandazwecken der Ausbeuter auf Urras dienen soll. Schließlich verweigert er sich der Ausnutzung durch die Herrschenden und findet Kontakt zur Widerstandsbewegung.
Der besondere Reiz für den Leser liegt darin, diese kapitalistische Gesellschaft mit den Augen eines Außenstehenden zu sehen. Ursula Le Guin ist es gelungen, zumindest vordergründig und mit Distanz die herrschenden Verhältnisse zu betrachten. Sie ist intelligent genug, die Unvernunft auf beiden Seiten - Überfluss ungerecht verteilt, Arbeit nicht effektiv und ohne Kostenkontrolle eingesetzt - zu beschreiben und nur selten gleich an den Pranger zu stellen. Im Leser selbst bildet sich eine Meinung, da die Perspektive des Romans sich fast gänzlich auf Sheveks Vergangenheit - die Rückblenden in seine Jugend wirken seltsam statisch und LeGuin hat versucht, verschiedene Botschaften zu integrieren, ohne dabei wirklich überzeugen zu können - und seine Reise beschränkt, lässt sich dieses Bild sehr leicht manipulieren. An mehreren Stellen unterliegt die Autorin schließlich auch dem Drang, insbesondere ihre feministische Einstellung zu deutlich und zu einseitig zu präsentieren. Auch wenn sie nicht unbedingt die strengen Ansichten vieler Feministinnen bis zum Exzess verfolgte, hat ihr die Frauenbewegung sehr viele emanzipatorische Impulse für ihr Werk gegeben. Selten wird diese fast ambivalente Einstellung deutlicher als in den - wie auch im Vorwort erwähnt - unerotischen, statischen und mindestens einmal naiv dargestellten Liebesszenen. Insbesondere in das Gefühlsleben eines Mannes kann und will sie sich im Gegensatz zu einer Reihe anderer herausragender Science Fiction Autoren insbesondere der siebziger Jahre nicht hereinarbeiten.
In Sheveks Erinnerungen und Rückblenden erlebt der Leser außerdem die kommunistische Gesellschaft der Anarresti, die auf dem Gebot der Brüderlichkeit basiert. Der Autorin gelingt es dabei, diese Gesellschaft mit ihren Problemen nicht nur kurz zu umreißen, sondern auch Details anzusprechen, so die turnusmäßige Erledigung ungeliebter oder gefährlicher "Schmutzarbeiten", die (überzogene) Ablehnung von Privatbesitz oder die gemeinschaftliche Erziehung der Kinder. Ihr Bild ist sehr viel von einem optimistischen Theorismus geprägt, der sehr viel Hoffnung und Vertrauen in das Individuum setzt. Erstaunlicherweise lässt sie die dunklen Seiten dieser idealtypischen kommunistischen Systeme - Machtmissbrauch, Tyrannei und Neid - gänzlich außen vor. Wie krass der Unterschied zwischen den beiden Systemen ist, lernt insbesondere Shevek als Lehrer kennen, als er seinen Schülern allen - gezwungen, Klausuren zu schreiben - eine gute Note geben will und diese dagegen energisch protestieren. Da inzwischen viele Kleinigkeiten insbesondere des DDR Schulsystems bekannt geworden sind - die ebenfalls nicht ohne Noten auskamen - wirkt diese Szene wie eine gut geschriebene Phrase, sie hätte die Satire auf die Spitze treiben können, in dem Schüler Shevek Geld oder andere Dienstleistungen für gute Noten angeboten hätten, um das System per se zu pervertieren. Hier bleibt LeGuin fast brav- naiv hinter den inzwischen veränderten Erwartungen einer neuen Lesergeneration zurück.
Dabei geht es Ursula Le Guin nicht darum, überhaupt den Ansatz einer perfekten Gesellschaft zu präsentieren. Sie zeigt deutlich, wo die Gefahren und möglichen Abweichungen liegen können. Zwar wird die Aneignung von Mehrbesitz schon durch die Art der Gesellschaft verhindert, da aber die Gemeinschaftlichkeit für die Anarresti so überlebenswichtig ist, spielt die öffentliche Meinung eine sehr große Rolle. Sie wird teilweise so zwingend, dass sie die Individualität beschneidet. Aber die Gesellschaft auf Anarres ist andererseits optimal, denn sie bietet gleichzeitig alle Möglichkeiten, um solche Abweichungen wieder zu korrigieren. Bloß ist dieses System nicht nur anfällig, sondern dem Untergang geweiht. Zumindest in einer elementaren Passage - überall auf dem Planeten brechen Notstände auf, die ungeschulten Männer sind überfordert und dank eines durch Fahrlässigkeit herbeigeführten Zugunglücks müssen die Helfer mehr als sechzig Stunden in einem Zug ausharren, hungern und leiden - erkennt die Autorin für ihren Protagonisten die Einschränkungen dieses Systems ganz deutlich, ihr fehlt aber die Kraft, ihre in einer fiktiven Gegenwelt gebündelten Strömungen der beginnenden ökologischen, der anarchistischen und vor allem der feministischen Bewegung wirklich zu einem komplexen und überzeugenden Gedankenmodell zu vereinen. Was in den siebziger Jahren revolutionär wirkte, ist inzwischen durch die Historie teilweise ad absurdum geführt worden. Einige dieser Bewegungen sind gescheitert - insbesondere der Anarchismus als Antwort auf den Sozialdarwinismus hat sich gänzlich von der nicht unbedingt großen politischen Bühne verabschiedet. Was bleibt ist ein ungemein politisches Manifest, eine Anklage gegen die Kapitalisten und die Kommunisten, allerdings zu weit von den bei Le Guin in hohen Ansehen stehenden Naturbewegungen - sowohl die Indianerkultur Amerikas als auch die Taoistische Bewegung - als dass sie aus dieser Schrift auch wirklich eine These zimmern könnte. Zumindest heute nicht mehr.
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