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Die Enteigneten: Eine ambivalente Utopie
 
 
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Die Enteigneten: Eine ambivalente Utopie [Broschiert]

Ursula K. LeGuin , Joachim Körber
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Broschiert: 349 Seiten
  • Verlag: Edition Phantasia; Auflage: 1., korr. überarb. Neuausg. (Dezember 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3937897208
  • ISBN-13: 978-3937897202
  • Originaltitel: The Dispossessed. An Ambigious Utopia
  • Größe und/oder Gewicht: 20,2 x 13,6 x 3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 400.393 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Mehr über den Autor

Ursula K. Le Guin
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Überarbeitete Neuausgabe des berühmten Klassikers. Urras und Anarres, zwei Schwesterplaneten eines Sonnensystems, werden zwar von einem Volk bewohnt, allerdings von zwei unterschiedlichen politischen Systemen beherrscht: Als auf dem kapitalistischen Urras eine anarchistische Revolte ausbrach, gewährte man den Aufständischen freies Geleit. Jahre später sind sowohl das anarchistische Utopia auf Anarres wie auch die kapitalistische Gesellschaft auf Urras gefestigt. Als der Physiker Shevek eine bahnbrechende Erfindung macht, die den interstellaren Raumflug revolutionieren kann, fehlt auf Anarres das Geld für die Umsetzung, und so wandert er nach Urras aus. Fortan gilt er auf seinem Planeten als Verräter, aber auch auf Urras begegnet man ihm mit Mißtrauen. Ursula K. Le Guin unterzieht durch die Augen Sheveks die politischen Systeme Kapitalismus und Anarchismus einem Vergleich. Die Enteigneten gilt als einer der bedeutendsten Science-Fiction-Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, als eine der maßgeblichen politischen Utopien und steht gleichberechtigt neben Werken wie 1984 oder Schöne neue Welt. Der Roman, längst ein anerkannter Klassiker, liegt hier erstmals in der definitiven Fassung vor.

Über den Autor

Ursula K. Le Guin, 1929 in Kalifornien geboren, gehört zu den höchstdekorierten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Amerikas. Ihre Romane Winterplanet und Planet der Habenichste wurden jeweils mit dem Hugo und dem Nebula Award als beste Romane des Jahres ausgezeichnet. Mit dem Erdsee-Zyklus schuf sie das herausragendste singuläre Werk der modernen Fantasy. Ihr Gesamtwerk, das auch Gedichte, Kinderbücher und Essays umfaßt, wurde mit allen bedeutenden Genre-Preisen geehrt und war u. a. für den National Book Award, den American Book Award und den Pulitzerpreis nominiert.Joachim Körber wurde 1958 in Karlsruhe geboren. 1978/79 machte er sich als freier Übersetzer selbstständig. 1984 gründete Körber nach amerikanischem Vorbild zusammen mit Thomas Bürk (der 1993 ausschied) und Uli Kohnle den Verlag Edition Phantasia, um Science Fiction, Horror und Fantasy in gediegenen, numerierten, häufig illustrierten und von den Autoren und Illustratoren handsignierten Ausgaben auf den Markt zu bringen. 1998 erschien sein erster Roman. Daneben war Körber mehrfach in der Rubrik "Bester Übersetzer" für den Kurd Laßwitz Preis nominiert.

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
gelungen - und schwierig! 10. Dezember 2009
Von Stefan Erlemann HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT
Format:Broschiert
Shevek verlässt Anarres. Seine Brüder und Schwestern halten seine Reise nach Urras für Verrat an ihren Idealen. Shevek hingegen will dort nach dem Gemeinsamen suchen oder es erschaffen. Vor einhundertsiebzig Jahren verließen seine Vorfahren Urras. Sie folgten dem Manifest von Odon und bildeten ein Volk, das Individualität ablehnte. Sie besiedelten den unwirtlichen, wüstenhaften Mond Anarres einzig aus einem Grund: Sie wollten sich dem Besitzdenken der Menschen auf Urras entziehen.
Doch Shevek glaubt, dass es eine gemeinsame Zukunft aller Menschen gibt. Er setzt alles daran, Urras und Anarres zu vereinen und die gegenseitige Abneigung zu überwinden. Immer stärker jedoch bedrängen ihn seine Erinnerungen. Er fühlt immer mehr, dass er seine Utopie aus den Augen verliert und von Urras instrumentalisiert wird. Seine Hoffnung, mit Hilfe seiner physikalisch bahnbrechenden Theorien einen Konsens zwischen Urras und Anarres, ja zwischen allen Völkern des Universums zu erlangen, scheint zu trügen. Er spürt immer stärker, dass die Gräben zwischen den "Besitztümlern" von Urras und den "Habenichtsen" von Anarres durch seine Bemühungen eher tiefer wird.
Doch welcher Welt soll er sich zuwenden? Der Welt des Besitzes, der uneingeschränkten Freiheit des Geistes und des Überflusses, oder der Welt des gemeinsamen Strebens, des Mangels und der Gleichheit aller Individuen?

"Der Planet der Habenichtse" - so der ursprüngliche deutsche Titel des Romans "The Dispossessed" - erschien 1974 und erhielt mit dem "Hugo Award" und dem "Nebula Award" zwei der bedeutendsten, weltweit wichtigsten Preise, die es in der Science-Fiction-Literatur zu gewinnen gibt.
Der als "moderne Utopie" bezeichnete Roman beschäftigt sich intensiv mit zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen. Im Prinzip könnte man sie als die Gegenüberstellung des sozialistischen oder kommunistischen Systems und des kapitalistischen Gesellschaftssystems bezeichnen. Doch Ursula K. Le Guin erweitert diese Systeme, verfremdet sie und idealisiert sie gleichzeitig. Sie entzieht ihren Roman damit geschickt der Gegenwart und verleiht ihm etwas Zeitloses. Sie konzentriert beide Systeme in der Existenz eines Individuums, das in beiden Systemen seine Heimat sucht und zwischen ihnen taumelt.
In diesem Buch geschieht nichts. Keinerlei Action, keine außerirdischen Kontakte, keine nennenswerten Zukunftstechnologien werden erläutert, keine wirklichen utopischen Ideen oder Systeme umrissen. Darüber hinaus wird die Handlung durch Rückblenden erzählt und konzentriert sich komplett auf die Gedankenwelt eines einzigen Menschen. Seine Ideen, seine Reflexionen, seine Schlussfolgerungen sind alleiniger Gegenstand der Betrachtung. Dies geschieht in einer sehr komplexen, schwierig nachvollziehbaren Sprache und Struktur.
Ursula K. Le Guin macht es dem Leser nicht leicht, sich in den Roman zu vertiefen. Sie fordert absolute Konzentration. Will man verstehen, was "Shevek" - also Le Guin - denkt, muss man ihm und seinen Gedankengängen bedingungslos folgen. Der sperrige Aufbau, der komplexe Verlauf und das offene Ende erschweren den Zugang zu diesem Roman. Hinzu kommt, dass das Buch nun über dreißig Jahre alt ist und sowohl Kommunismus als auch Kapitalismus an Grenzen gelangt sind und sich verändert haben.
Funktioniert diese "alte Utopie" auch heute noch? Kann ein Buch, das zwischen den damaligen gegensätzlichen Gesellschaftsformen frei mäandriert und sie in eine theoretische Zukunft versetzt, in eben dieser Zukunft noch funktionieren?
Bedingt, denn spannend und ereignisreich ist dieses Buch nicht, man erlebt kein Abenteuer, keine Heldensagen, keine Science-Fiction-Literatur im herkömmlichen Sinn. Doch dieses Buch ist intellektuell fordernd, anregend und irritierend.
Dank der "Edition Phantasia" hat man ein neu übersetztes Meisterwerk in den Händen, das zeitlos zu sein scheint. Auch dreißig Jahre nach seiner Entstehung sind die Gedanken zur Individualität und zum Gemeinschaftssinn des Menschen aktueller denn je.
Wer dieses Buch liest, wird in seinem eigenen Leben und seiner Haltung zu seinen Mitmenschen beeinflusst und verändert, und das kann man wirklich nicht von vielen Science-Fiction-Büchern sagen.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
die nicht besessenen 8. Juni 2009
Format:Broschiert
der originaltitel im englischen heißt: the dispossessed. schade, dass es bisher kein deutscher verlag geschafft hat, ihn richtig zu übersetzen. von inhalt her müsste es heißen: die besitzlosen. oder: die nicht besessenen (die nicht vom besitz besessenen).

nach wie vor ist ursula k. le guins roman eine der plausibelsten und beeindruckendsten darstellungen einer (funktionierenden) nicht-autoritären staatslosen gesellschaftsform im kontrast zur bekannten demokratisch-kapitalistischen.

sehr logisch, sehr kritisch, da selbst die vom konzept her freieste gesellschaft angesichts eines kreativen und außergewöhnlichen individuums zum ausgrenzen und zur bürokratischen machtentwicklung zu neigen droht.

le guin macht dies begreifbar und erlebbar. spannend, lebendig und mit einem konstruktiven schluss.

empfehlung für alle "intellektuellen" sozialismus-theorie-diskussions-ermüdeten und geschädigten. und eine lebendige gesellschaftsskizze, die gerade heutzutage benötigte, neue konzepte liefert.
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11 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Broschiert
Eines der besten Werke der Science-Fiction des 20.Jahrhunderts ist zweifelsohne der in Deutschland unter dem fast ironisch überzeichneten Titel bekannt gewordene Planet der Habenichtse". Nach Die Geißel des Himmels" legt die Edition Phantasia diesen elementaren und zumindest für die siebziger Jahre provokativen Roman in einer Neuübersetzung von Joachim Körber wieder auf. Ungekürzt. Auch der deutsche Titel Die Enteigneten" entspricht eher dem Original The Dispossed". Wie in vielen elementaren Werken aus dem Übergang der New Wave zu einer politisch pointierten gesellschaftskritischen Science Fiction dient die Zukunft nur als Bühne gegenwärtiger - und in diesem Fall auch historischer - Ereignisse auf der Erde. Obwohl die Handlung auf einem fernen Planeten spielt, ist die Heimat der Menschheit zumindest im Hintergrund spürbar. LeGuin entfremdet ihre Leser nicht von ihr, sondern extrapoliert teilweise ein wenig überzogen politische Tendenzen, die in den endlosen Weiten des Alls und ihren vielen besiedelbaren Planeten eher blühen und nicht immer gedeihen können als auf der räumlich beengten Erde. Dabei ist ihre Vision des technologischen Fortschritts eher begrenzt und dient nur als notwendiges Übel, um zwischen den beiden unterschiedlichen Gesellschaftssystemen" pendeln zu können. In der Tradition des Briten Swift hätten auch Handelsschiffe auf einem endlos weiten Ozean genügt, um den gleichen Effekt zu erzielen.

In diesem Roman steht nicht die Beschreibung futuristischer Technik im Vordergrund. Es ist vielmehr die Utopie einer Gesellschaftsordnung, die sich vom Kapitalismus losgesagt hat und nach kommunistischen Grundlagen aufgebaut ist. Aus heutiger Sicht wirkt LeGuin Vision in Hinblick auf einen zerfallenen Ostblock und im Bereich Chinas als Vorreiter eines globalen kaum getarnten Kapitalismus - man kann das Kind wirtschaftspolitisch auch mit anderem Namen nennen, aber die aggressive Expansion ist eine industrielle Revolution, nur einhundert Jahre später und nicht weniger menschenverachtend wie in England, Arbeiter bleiben willenlose Sklaven - altbacken und manchmal ein wenig naiv. Sie verschweigt allerdings schon in diesem vor dreißig Jahren veröffentlichten Buch nicht die Schwächen des Systems, sieht aber keine Alternativen.

In einem fernen Sonnensystem: Nach der Niederschlagung der Revolution auf Urras, erlaubte man den Überlebenden, um sie loszuwerden, auf den Nachbarplaneten Anarres auszuwandern, um dort eine Gesellschaft nach ihren Idealen aufzubauen. Die neue Heimat der "Anarchisten" war ein unwirtlicher Wüstenplanet, auf dem es weder eine reiche Vegetation, noch höherentwickelte Tiere gab. Das Lebensnotwendigste musste der menschenfeindlichen Natur mit harter, gemeinsamer Arbeit abgerungen werden. Und auch nachdem Anarres besiedelt und das Überleben der Anarresti gesichert war, wurde aus der kargen Natur des Planeten kein Paradies.

Die Geschichte selber entspinnt sich um Shevek, der Jahrzehnte nach der Besiedelung auf Anarres geboren wird. Als Physiker macht Shevek eine Erfindung, die revolutionär für die Raumfahrt sein könnte. Der Isolationismus seiner Welt und die Ablehnung seiner Idee durch seine Arbeitskollegen führen schließlich dazu, dass sich Shevek entschließt, eine Einladung nach Urras anzunehmen, auch wenn er damit für viele auf seiner Welt als Verräter gilt.

Auf Urras wird er mit einer Welt konfrontiert, die alle Ressourcen im Überfluss besitzt, in der es aber trotzdem nicht genug für alle gibt. Denn die Schönheit der reichen und vielfältigen Natur ist nur die eine Seite. Die Gesellschaft auf Urras ist hochkapitalistisch - ein Spiegelbild der westlichen Staaten auf der Erde. Und so existiert arm neben reich, obwohl doch eigentlich genug für alle da wäre - und natürlich gibt es gesellschaftliche Kämpfe ob dieser Ungerechtigkeit.

Shevek kam in dem Glauben nach Urras, dort frei wissenschaftlich arbeiten zu können. Doch schon bald muss er feststellen, dass er nur den antikommunistischen Propagandazwecken der Ausbeuter auf Urras dienen soll. Schließlich verweigert er sich der Ausnutzung durch die Herrschenden und findet Kontakt zur Widerstandsbewegung.

Der besondere Reiz für den Leser liegt darin, diese kapitalistische Gesellschaft mit den Augen eines Außenstehenden zu sehen. Ursula Le Guin ist es gelungen, zumindest vordergründig und mit Distanz die herrschenden Verhältnisse zu betrachten. Sie ist intelligent genug, die Unvernunft auf beiden Seiten - Überfluss ungerecht verteilt, Arbeit nicht effektiv und ohne Kostenkontrolle eingesetzt - zu beschreiben und nur selten gleich an den Pranger zu stellen. Im Leser selbst bildet sich eine Meinung, da die Perspektive des Romans sich fast gänzlich auf Sheveks Vergangenheit - die Rückblenden in seine Jugend wirken seltsam statisch und LeGuin hat versucht, verschiedene Botschaften zu integrieren, ohne dabei wirklich überzeugen zu können - und seine Reise beschränkt, lässt sich dieses Bild sehr leicht manipulieren. An mehreren Stellen unterliegt die Autorin schließlich auch dem Drang, insbesondere ihre feministische Einstellung zu deutlich und zu einseitig zu präsentieren. Auch wenn sie nicht unbedingt die strengen Ansichten vieler Feministinnen bis zum Exzess verfolgte, hat ihr die Frauenbewegung sehr viele emanzipatorische Impulse für ihr Werk gegeben. Selten wird diese fast ambivalente Einstellung deutlicher als in den - wie auch im Vorwort erwähnt - unerotischen, statischen und mindestens einmal naiv dargestellten Liebesszenen. Insbesondere in das Gefühlsleben eines Mannes kann und will sie sich im Gegensatz zu einer Reihe anderer herausragender Science Fiction Autoren insbesondere der siebziger Jahre nicht hereinarbeiten.

In Sheveks Erinnerungen und Rückblenden erlebt der Leser außerdem die kommunistische Gesellschaft der Anarresti, die auf dem Gebot der Brüderlichkeit basiert. Der Autorin gelingt es dabei, diese Gesellschaft mit ihren Problemen nicht nur kurz zu umreißen, sondern auch Details anzusprechen, so die turnusmäßige Erledigung ungeliebter oder gefährlicher "Schmutzarbeiten", die (überzogene) Ablehnung von Privatbesitz oder die gemeinschaftliche Erziehung der Kinder. Ihr Bild ist sehr viel von einem optimistischen Theorismus geprägt, der sehr viel Hoffnung und Vertrauen in das Individuum setzt. Erstaunlicherweise lässt sie die dunklen Seiten dieser idealtypischen kommunistischen Systeme - Machtmissbrauch, Tyrannei und Neid - gänzlich außen vor. Wie krass der Unterschied zwischen den beiden Systemen ist, lernt insbesondere Shevek als Lehrer kennen, als er seinen Schülern allen - gezwungen, Klausuren zu schreiben - eine gute Note geben will und diese dagegen energisch protestieren. Da inzwischen viele Kleinigkeiten insbesondere des DDR Schulsystems bekannt geworden sind - die ebenfalls nicht ohne Noten auskamen - wirkt diese Szene wie eine gut geschriebene Phrase, sie hätte die Satire auf die Spitze treiben können, in dem Schüler Shevek Geld oder andere Dienstleistungen für gute Noten angeboten hätten, um das System per se zu pervertieren. Hier bleibt LeGuin fast brav- naiv hinter den inzwischen veränderten Erwartungen einer neuen Lesergeneration zurück.

Dabei geht es Ursula Le Guin nicht darum, überhaupt den Ansatz einer perfekten Gesellschaft zu präsentieren. Sie zeigt deutlich, wo die Gefahren und möglichen Abweichungen liegen können. Zwar wird die Aneignung von Mehrbesitz schon durch die Art der Gesellschaft verhindert, da aber die Gemeinschaftlichkeit für die Anarresti so überlebenswichtig ist, spielt die öffentliche Meinung eine sehr große Rolle. Sie wird teilweise so zwingend, dass sie die Individualität beschneidet. Aber die Gesellschaft auf Anarres ist andererseits optimal, denn sie bietet gleichzeitig alle Möglichkeiten, um solche Abweichungen wieder zu korrigieren. Bloß ist dieses System nicht nur anfällig, sondern dem Untergang geweiht. Zumindest in einer elementaren Passage - überall auf dem Planeten brechen Notstände auf, die ungeschulten Männer sind überfordert und dank eines durch Fahrlässigkeit herbeigeführten Zugunglücks müssen die Helfer mehr als sechzig Stunden in einem Zug ausharren, hungern und leiden - erkennt die Autorin für ihren Protagonisten die Einschränkungen dieses Systems ganz deutlich, ihr fehlt aber die Kraft, ihre in einer fiktiven Gegenwelt gebündelten Strömungen der beginnenden ökologischen, der anarchistischen und vor allem der feministischen Bewegung wirklich zu einem komplexen und überzeugenden Gedankenmodell zu vereinen. Was in den siebziger Jahren revolutionär wirkte, ist inzwischen durch die Historie teilweise ad absurdum geführt worden. Einige dieser Bewegungen sind gescheitert - insbesondere der Anarchismus als Antwort auf den Sozialdarwinismus hat sich gänzlich von der nicht unbedingt großen politischen Bühne verabschiedet. Was bleibt ist ein ungemein politisches Manifest, eine Anklage gegen die Kapitalisten und die Kommunisten, allerdings zu weit von den bei Le Guin in hohen Ansehen stehenden Naturbewegungen - sowohl die Indianerkultur Amerikas als auch die Taoistische Bewegung - als dass sie aus dieser Schrift auch wirklich eine These zimmern könnte. Zumindest heute nicht mehr. Lesen Sie weiter... ›
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