Dr. Henri F. Ellenberger ( 1905-1993) stellt in diesem fast 1200 umfassenden Buch - sehr spannend und gut nachvollziebar geschrieben - die Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freut, Adler und Jung dar.
Die Psychiatrie ist ein Fachgebiet der Medizin , das sich mit der Diagnose, Erforschung und Behandlung psychologischer Störungen befasst. Hierzu zählen Neurosen, Psychopathien, Psychosen u. a. seelische Krankheiten. Die dynamische Psychiatrie findet ihren Ausdruck in der Psychoanalyse. Als Untersuchungs- und Behandlungsmethode zielt die Psychoanalyse darauf ab unbewusste psychische Prozesse und verdrängte Inhalte mithilfe freier Assoziation und psychoanalytischen Deutungen von Wünschen, Träumen etc. aufzudecken. In den analytischen Gesprächen kommt es zu einer emotional- affektiven Aufarbeitung von Konflikten durch die Wiederholung kindlicher Gefühle und Einstellungen auf den Therapeuten und Gegenübertragungen, sowie zum Widerstand des Klienten gegen die aufdeckende Arbeit.
Ellenberger beleuchtet zunächst sehr breit die Ursprünge der dynamischen Psychotherapie, die er u.a. in der Heilung durch die Beichte, in magischer Heilung, in Tempelheilung und der philosophischen Psychotherapie, aber auch in religiöser Heilung und Seelsorge sieht.
Als Entstehungsdatum der dynamischen Psychiatrie gibt er das Jahr 1755 an. Der Autor thematisiert hier den Zusammenstoß zwischen dem Arzt Mesmer mit dem Exorzisten Gassner .Dargestellt in der Folge werden u.a. Mesmers längst überholten Anschauungen von Hypnose und Suggestion.
Ebenfalls thematisiert wird Charcot und die Schule der Salpetière.
Es folgen breitgefächerte Betrachtungen zur ersten dynamischen Psychiatrie in den Jahren zwischen 1775- 1900. Zur Sprache kommt nicht zuletzt auch die multiple Persönlichkeit. Da im 19. Jahrhundert immer mehr Fälle von multipler Persönlichkeit veröffentlicht wurden , begann man ihre klinischen Varianten zu unterscheiden und zu klassifizieren.
Erwähnt werden anschließend auch Beispiele klinischer Krankheitsbilder wie Hysterie. In der Folge wird dann u.a. die Lehre von Darwin kurz skizziert, auch Nietzsche bleibt nicht ausgespart, bis schließlich die psychologische Analyse Pierre Janets, die Psychoanalyse Sigmund Freuds, die Individualpsychologie Alfred Adlers und die analytische Psychologie Carl Gustav Jungs ausgiebig in Augenschein genommen werden.
Ellenberger berücksichtigt hierbei auch die sozioökonomischen, politischen und kulturellen Umstände, die die Persönlichkeit der Forscher und ihre Lehren nachhaltig beeinflusst haben .
Ein beeindruckendes Buch, in dem es sich immer wieder zu lesen lohnt.
Peter Sloterdijk konstatiert: " Der Ellenberger " ist der beste Fremdenführer durch das eigene Innere. Niemand führt so diskret, so eindringlich, so wohlinformiert, so umfassend durch die Katakomben der Tiefenpsychologie ". Diesem Urteil schließe ich mich an.