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Eine gründliche und erstaunlich leicht lesbare Studie, 29. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Entdeckung des Unbewußten: Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung (Gebundene Ausgabe)
Zählt man die ausführlichen Namens- und Sachregister ab, bleiben noch immer knapp 1200 Seiten Text, auf denen allerdings jeweils unten auch die zahlreichen Anmerkungen aufgeführt sind. Und obwohl der Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meint, man könne Ellenbergers Forschungsarbeit zur Geschichte der dynamischen Psychiatrie auch wie einen fesselnden Roman lesen, neige ich doch eher zur Ansicht, es sei als Nachschlagewerk konzipiert. So habe jedenfalls ich mich dem Werk genähert. Ich studierte das detaillierte Inhaltsverzeichnis und ließ mich von der Neugier und den Überschriften leiten.
Die interessante Zeitreise beginnt mit dem Kapitel über die Ahnen der dynamischen Psychotherapie, weshalb auch gleich der heute verpönte Begriff "Die Primitiven" fällt. Aber Henri F. Ellenberger wurde beim Schreiben zum Glück kein Gefangener der politischen Korrektheit. Was man zu einem gewissen Zeitpunkt so oder so nannte, ließ er stehen. Daher spricht er über die rationale Behandlung in der primitiven Medizin, über grundlegende Merkmale der primitiven Heilkunst und über religiöse Heilung und Seelsorge.
Die Entstehung der dynamischen Psychiatrie setzt der Autor mit Gassner und Mesmer an. Im gleichen Kapitel fallen dann natürlich auch die Namen von Puységur und Charcot. Keine große Rolle spielt der Spiritismus dann im dritten Kapitel, in dem Ellenberger die Zeitperiode von 1775-1900 beschreibt und weitere Wege zum Unbekannten in der Seele aufzeigt. Also ist auch von Hypnose, magnetischen Krankheiten und multiplen Persönlichkeiten die Rede. Und immer versucht der Autor die jeweiligen Hauptmerkmale eines Zugangs oder eines Modells herauszuarbeiten. Mit den Hintergründen der dynamischen Psychiatrie beschäftigt sich Ellenberger dann im vierten Kapitel. Daher rücken soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Einflüsse ins Zentrum. Von solchen Umfeldern handelt auch das fünfte Kapitel, in dem Nietzsche zu seinem ersten Auftritt kommt. Und zum ersten Mal fällt auch das Wort Sex. Ein eigenes Kapitel ist dann Pierre Janet und seinem großen Einfluss gewidmet. Die nächsten drei Kapitel gehören schließlich ganz den unbestrittenen Größen Freud, Adler und Jung. Im zehnten und letzten Kapitel zieht Ellenberger ein chronologisch aufgebautes Fazit, das etwa 200 Seiten umfasst.
Mein Fazit: Wer sich an Anmerkungsnummern und kursiv geschriebenen Begriffen nicht stört, kann den Versuch ja starten, diese Studie als fesselnden Roman zu lesen. Ich benutze diese Forschungsarbeit lieber als Nachschlagewerk, das mir bekannte Größen der Psychiatrie und deren Suche nach dem Unbewussten auf neue Weise näherbringt. Wer nach wie vor der naiven Ansicht ist, über das Unbewusste ließen sich keine wissenschaftlichen Aussagen machen, soll sich doch die Mühe nehmen, den spannenden Ausführungen von Henri F. Ellenberger aufmerksam zu folgen. Denn der 1905 in Rhodesien geborene und 1993 in Montreal verstorbene Professor für Psychiatrie und Kriminologie hat ein ebenso faszinierendes wie aufschlussreiches Werk über die menschliche Seelenlandschaft und ihre Entdecker geschrieben.
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" Alle menschlichen Verfehlungen sind das Ergebnis eines Mangels an Liebe" ( Alfred Adler), 3. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Entdeckung des Unbewußten: Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung (Gebundene Ausgabe)
Dr. Henri F. Ellenberger ( 1905-1993) stellt in diesem fast 1200 umfassenden Buch - sehr spannend und gut nachvollziebar geschrieben - die Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freut, Adler und Jung dar.
Die Psychiatrie ist ein Fachgebiet der Medizin , das sich mit der Diagnose, Erforschung und Behandlung psychologischer Störungen befasst. Hierzu zählen Neurosen, Psychopathien, Psychosen u. a. seelische Krankheiten. Die dynamische Psychiatrie findet ihren Ausdruck in der Psychoanalyse. Als Untersuchungs- und Behandlungsmethode zielt die Psychoanalyse darauf ab unbewusste psychische Prozesse und verdrängte Inhalte mithilfe freier Assoziation und psychoanalytischen Deutungen von Wünschen, Träumen etc. aufzudecken. In den analytischen Gesprächen kommt es zu einer emotional- affektiven Aufarbeitung von Konflikten durch die Wiederholung kindlicher Gefühle und Einstellungen auf den Therapeuten und Gegenübertragungen, sowie zum Widerstand des Klienten gegen die aufdeckende Arbeit.
Ellenberger beleuchtet zunächst sehr breit die Ursprünge der dynamischen Psychotherapie, die er u.a. in der Heilung durch die Beichte, in magischer Heilung, in Tempelheilung und der philosophischen Psychotherapie, aber auch in religiöser Heilung und Seelsorge sieht.
Als Entstehungsdatum der dynamischen Psychiatrie gibt er das Jahr 1755 an. Der Autor thematisiert hier den Zusammenstoß zwischen dem Arzt Mesmer mit dem Exorzisten Gassner .Dargestellt in der Folge werden u.a. Mesmers längst überholten Anschauungen von Hypnose und Suggestion.
Ebenfalls thematisiert wird Charcot und die Schule der Salpetière.
Es folgen breitgefächerte Betrachtungen zur ersten dynamischen Psychiatrie in den Jahren zwischen 1775- 1900. Zur Sprache kommt nicht zuletzt auch die multiple Persönlichkeit. Da im 19. Jahrhundert immer mehr Fälle von multipler Persönlichkeit veröffentlicht wurden , begann man ihre klinischen Varianten zu unterscheiden und zu klassifizieren.
Erwähnt werden anschließend auch Beispiele klinischer Krankheitsbilder wie Hysterie. In der Folge wird dann u.a. die Lehre von Darwin kurz skizziert, auch Nietzsche bleibt nicht ausgespart, bis schließlich die psychologische Analyse Pierre Janets, die Psychoanalyse Sigmund Freuds, die Individualpsychologie Alfred Adlers und die analytische Psychologie Carl Gustav Jungs ausgiebig in Augenschein genommen werden.
Ellenberger berücksichtigt hierbei auch die sozioökonomischen, politischen und kulturellen Umstände, die die Persönlichkeit der Forscher und ihre Lehren nachhaltig beeinflusst haben .
Ein beeindruckendes Buch, in dem es sich immer wieder zu lesen lohnt.
Peter Sloterdijk konstatiert: " Der Ellenberger " ist der beste Fremdenführer durch das eigene Innere. Niemand führt so diskret, so eindringlich, so wohlinformiert, so umfassend durch die Katakomben der Tiefenpsychologie ". Diesem Urteil schließe ich mich an.
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