Ich bin Physiker, und das Buch über einen Physiker wollte ich eigentlich gar nicht lesen. Aber dann fesselte mich sein Autor Ralf Bönt schon mit den ersten Zeilen. Durch seine aufs äußerste verknappte und trotzdem so bildhaft-eindringliche Sprache. Und plötzlich war Michael Faraday auch für mich interessant, als ungeheuer begeisterungsfähiger Mensch wie als unermüdlicher Wissenschaftler.
Er bildete sich selbst aus, indem er alles las, was ihm in die Hände fiel. Erst als Zeitungsbote und Buchbinderlehrling, dann als weitgehend übersehener Diener eines renommierten Londoner Wissenschaftlers und miserabel bezahlter Flaschenspüler in dessen Labor. Aber er experimentierte in jeder freien Minute selbst, entdeckte zwei bis dato unbekannte Elemente und atmete dabei reichlich giftige Dämpfe ein, die ihm erst seine Denkfähigkeit dann sein Leben raubten. So lange sein Verstand funktionerte, erfand er jedoch den ersten Dynamo und kam er zu brillanten Erkenntnissen über den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus, die magnetischen Eigenschaften des Lichts. Kein Wunder, dass Albert Einstein rund hundert Jahre später ein Bild Faradays über seinem Schreibtisch hängen hatte.
Ralf Bönts Lebenslauf ähnelt ein bisschen dem seines Romanhelden. Er machte eine Handwerkerlehre, studierte dann erst Physik und war so gut, dass er unter anderem am Genfer CERN forschen durfte. Wozu nur die Besten eingeladen werden. Aber dann wechselte er den Beruf, begann zu schreiben, erntete mit seinen Erzählungen, Hörspielen und Essays reichlich Lob unter professionellen Kritikern, aber das Publikum blieb weitgehend abstinent. "Die Entdeckung des Lichts" könnte das ändern:
Dieser außergewöhnliche Roman über Faraday und - in der zweiten Hälfte - Einstein ist mindestens so gut wie der Bestsellererfolg "Die Vermessung der Welt" über den Mathematiker Gauss und den Forschungsreisenden Alexander von Humboldt von Daniel Kehlmann. Eigentlich ist er noch besser, weil er, ohne es einem aufzudrängen, tatsächlich von der Wissenschaft selbst erzählt. So erfährt man über Felix Eberty und die Ursprünge des Einstein'schen Denken mehr als in jedem Lehrbuch und ohne je das Gefühl zu haben eines zu lesen.
In der Schilderung von Faradays erstaunlichem Leben vermischt Bönt höchst raffiniert und mit leichter Hand die zärtliche Liebe des Self-made-Forschers zu Sarah (und die Faszination, welche die exzentrische Gräfin und Tochter Lord Byrons, Ada Lovelace trotzdem auf ihn ausübt) mit seiner rücksichtslosen Hingabe an die Wissenschaft. Er eröffnet einen neuen Blick auf die vielen Faradayschen Forscherkollegen, die in ganz Europa verbissen miteinander konkurrierten, ihre eigenen Überlegungen und Erkenntnisse aber oft auch erstaunlich großzügig teilten. Er macht Geschichte lebendig und einen Mann des 19. Jahrhunderts, an dessen Namen die meisten sich allenfalls aus dem Physik- oder Chemieunterricht erinnern, dunkel, wieder aktuell. Nicht nur als genialen Entdecker, sondern als kennens- und liebenswerten Menschen.
"Die Entdeckung des Lichtes" wird niemand enttäuschen, der nach einem so fundiert-interessanten wie warmherzigen wie großartig geschriebenen Roman sucht. Ralf Bönt hat es verdient, dass das Buch auf den Bestsellerlisten steht.