Diese Buch ist wunderbar entspannend, da es eigentlich alles Wesentliche mitteilt. Wie generell in der östlichen Spiritualität geht es um die Ichlosigkeit, also um die Einsicht, dass das Ich ein Konstrukt ist, dass man genauso hat wie Schluckauf oder sonst etwas, dass es zwar nützlich ist, das aber weder das Wahrnehmen noch das Leben an sich von diesem Ich abhängig ist. Diese Ansicht halte ich mittlerweile auch von der Neurologie untermauert, die in weiten Teilen davon ausgeht, dass ein Willensimpuls erst zusammen mit dem Antrieb zur Handlung entsteht oder ihm sogar nachgeschaltet ist. Das Ego hat also teilweise nützliche Funktionen der Reflektion oder Beschäftigung mit komplexen Sachverhalten, es ist aber für unsere eigentlichen Handlungen nicht verantwortlich. Gerhard Roth stellt das in "Aus Sicht des Gehirns" so dar, dass es eine Art Zwischeninstanz ist, sowohl der Antrieb zur Handlung wie auch die eigentliche Ausführung wird vom Unbewussten generiert, dazwischen schiebt sich teilweise das Ich, um komplexe Sachverhalte aufzudröseln und das Ergebnis als "Sachbearbeiter" an das Unbewusste abzugeben, das die eigentliche Entscheidung trifft.
Peter Pfrommer stellt ganz ohne mystischen Brimborium dar, wie man nun mit der Erkenntnis leben kann, dass das ich weniger Funktion hat, als man sich das nun so einbildet und dazu auch keine eigenständige. Was im Grunde wegfällt, ist das ewige Gegrüble und Gedankem machen, was man hätte besser machen können, wenn man einsieht, dass die Handlungen nicht aus dem Ich kommen, sondern dass das Ich auch nur eine funktionelle Instanz ist, die sich "einfügen" muss. Was nun bei einer solchen Sichtweise geschehen kann, ist, dass die Wahrnehmung der Gegebenheiten, das "Gewahrsein", sich außerhalb des unbeeinflussbaren Geschehens in die Erkenntnis ihrer Unbeeindruckbarkeit kristallisiert. Man könnte es auch ganz dreist "Gleichgültigkeit" nennen, nicht im Sinne einer Handlungsunfähigkeit, sondern im dem Sinne, dass man über seine Handlungen nicht nachgrübelt, da man sich gar nicht mehr als betroffen davon sieht.
Sicher ist das alles nichts Neues, das kennt man von Ramesh Balsekar und anderen, das macht den Sachverhalt aber nicht weniger richtig, sondern es macht Spaß, ihn aus allen Perspektiven zu drehen und zu wenden.
Zu dem Vorwurf, Pfrommer habe keine "tiefgreifenden" Erfahrungen gemacht, vertrete ich die Ansicht, dass diese nicht notwendig sind und auch nicht angestrebt werden sollten. In der Historie hat es sicher immer mal wieder Leute gegeben, die aufgrund irgendeines neurologischen Zustands das Syndrom der "ozeanischen Entgrenzung" hatten (in der Neurologie ein patholgischer Zustand) und die tatsächlich zuschauen durften, wie ihnen das Ego entflogen ist - und vermutlich waren diese seltenen Fälle auch Anreiz für andere, spirituelle Erkundungen zu unternehmen.
Jedoch werden meiner Meinung nach 99,99 Prozent der Menschen diesen Zustand niemals erleben und ich habe auch den Verdacht, dass auch der Großteil der entsprechenden spirituellen Autoritäten diese "echte" Erleuchtung nie erlebt hat. Vielleicht ist das auch besser so, denn das Ego hat durchaus seinen angemessenen Platz im Leben, aber als Diener und nicht als Herr. Daher ist nichts vekehrt daran, sich auf praktischer Ebene über die Funktion des Ego Gedanken zu machen, ohne auf den großen Posaunenchor zu warten, der einem den Weg ins Nirvana weist.
Fazit: Ein gutes, leicht verständliches und hilfeiches Buch.