"Die Entdeckung des Himmels" erzählt vom prallen satten Leben mit all seinen Lichtern und Schatten.
Harry Mulisch zeichnet darin zahlreiche, einzigartige Charaktere, die vor dem lesenden Auge lebendig werden. Einzelne Charakterzüge, isolierte Merkmale, begegnen uns vielleicht in der einen oder anderen Person in unserem Leben und wirken vertraut. Aber in ihrer Einmaligkeit und Zusammensetzung sind sie eine vollkommene Mulisch`sche NeuSCHÖPFUNG und ich bin glücklich, sie über Mulisch kennen zu lernen und habe zugleich das Gefühl, sie schon lange zu kennen. Anderseits bin ich traurig, dass sie mir in meinem echten Leben nicht begegnet sind und niemals begegnen werden.
Zum Beispiel Onno:
Onno ist stets ganz im Hier und Jetzt und das ausschließlich. Onno liebt Wort und Schrift. Er ist fasziniert vom geschriebenen Wort längst vergangener Kulturen, er liebt Hieroglyphen, seine Arbeit macht ihn glücklich und lässt ihn nicht los. Onno befindet sich permanent in einer Schaffensphase oder einer Schaffenskrise, die alles dominiert, seinen Alltag, seine Beziehungen und sein vernachlässigtes Äußeres. Sprachen und Schriften sind sein Leben. Onno beherrscht aber auch das gesprochene Wort. Er ist ein begnadeter Rhetoriker und es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Dieses Talent befähigt ihn nicht nur zum eigenbrötlerischen Forscherdasein, sondern auch zum Politiker. Seine familiale Herkunft, seine übergroße, allmächtige, weit verzweigte Verwandtschaft, sein Standesbewusstsein und die sich daraus ergebenden (beruflichen) Möglichkeiten durch Netzwerke unterstützen seine politische Karriere. Aber wer weiß - vielleicht sind Aufstieg und Fall seiner Forscher- und Politiker-Karriere nur Teil eines göttlichen Plans?
So sehr Onno Wort und Schrift bewegen, so emotionslos bleibt er beim Musikhören. Ganz anders Ada, die Cellistin. Ada ist zunächst in Max verliebt und später in Onno und mit beiden nacheinander zusammen. Ihre konzentrierte Art, Musik zu machen, erinnert an ihre reflektierte Art, Beziehungen zu leben und zu beenden, wenn es für sie an der Zeit ist. Ihr Kinderwunsch um des Kindes, und nicht um der Beziehung willen, sind Ada ` sche Charakterzüge, aber wer weiß - vielleicht ist dieser Kinderwunsch nur Teil eines göttlichen Plans?
Max ist ein erfolgreicher, ehrgeiziger und leidenschaftlicher Astronom und Onnos bester Freund. Im Unterschied zu Onno ist Max heimat-, beziehungs- und familienlos. Er lebt mit dem Gefühl, als einziger von der Familie - letztlich infolge des Holocausts - übrig geblieben zu sein und kann dauerhafte Beziehungen am besten dann leben, wenn sie keinen gemeinsamen Alltag haben. Das erklärt seine vielen kurzen Frauenaffären. Max ist stets gerührt und bewegt beim Hören von Musik, das wiederum erklärt seine Liebe zu Ada, aber wer weiß - vielleicht ist diese Liebe nur Teil eines göttlichen Plans?
Mulischs gesamtes Werk ist durchzogen von einem permanenten Zusammentreffen des Jetzt - Früher und Morgen. Diese Gleichzeitigkeit der Zeiten spiegelt sich in jedem einzelnen Protagonisten wider: besonders in Max, aber auch in Quinten, von dem wir Lesende - im Unterschied zu seinen beiden Vätern Onno und Max - wissen, wer der "Leibliche" ist und bei dem wir schon vor seiner Geburt ahnen, dass große Aufgaben auf ihn warten. Das Göttliche, die Metaebene, schwingt permanent mit und schaut aus dem JETZT heraus von oben auf uns, auf die Gegenwart. Die Pro- und Epiloge, die Intermezzi, die Perspektive des himmlischen "Chefs" und seines Assistenten sind literarische Kunstgriffe, die uns immer wieder der Gegenwart entreißen und eine Draufsicht auf die Ereignisse ermöglichen, inklusive Rückblenden und Ausblicken.
Das Buch fasziniert und macht ein bisschen neidisch auf die Freundschaft zwischen Onno und Max und auf die niederländische Lebensweise. Manchem Kind wäre zu wünschen, dass es in einem nur halb so anregenden Umfeld groß wird, wie Quinten. In einem Mehrgenerationen-Schloss auf dem Lande wächst Quinten mit Adas Mutter und Max auf. Verteilt auf mehrere Etagen und Wohntrakte leben dort die inspirierendsten Individualisten dieser Welt unter einem Dach, die es verstehen, ihrem Leben eine inhaltliche Bedeutung, ein Thema zu geben, die leidenschaftlich ihren jeweiligen, ganz unterschiedlichen Aufgaben nachgehen und ihr gemeinsames Leben in Schloss und Hof in respektvollem, wohltuend distanziertem Mit- oder Nebeneinander teilen, in gemeinschaftlicher aber nicht einengender Weise. Und der Mittelpunkt allen Schlosslebens ist Quinten, der von allen erzogen wird und der seinerseits alle erzieht.
Auch unabhängig von der konkreten Rahmenhandlung ist Mulischs Himmel ein Lesegenuss. Gespickt mit zahlreichen Essays, Nebensträngen und Seitenarmen erfahren wir ganz nebenbei etwas über alte Sprachen, Astronomie, Theologie, Architektur- und Kunstgeschichte und setzen uns mit den Themen Euthanasie, der Rolle Kubas in der 68-er Bewegung oder der Quantentheorie auseinander. Diese Exkurse sind für sich genommen literarische und intellektuelle Höhepunkte. All das macht den "Himmel" in meinen Augen zu einem literarischen Meisterwerk der Gegenwart und seit vielen Jahren zu einem meiner unangefochtenen Lieblingsbücher.