Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
51 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Hamburg zu Zeiten der Kapitulation, 2. September 2001
Von Ein Kunde
Ein Erzähler auf der Suche nach seinen Hamburger Kindheitserinnerungen möchte den Ursprung der Currywurst ergründen. Dazu macht er die frühere Inhaberin eines Imbißstandes am Hamburger Großneumarkt, deren Currywurst er früher regelmäßig genossen hat, in einem Altersheim ausfindig. Die hochbetagte Frau befriedigt seine Wißbegierde, erzählt ihm dabei aber eine ganz andere, nicht minder interessante und bewegende Geschichte.Hamburg in den letzten Apriltagen des Jahres 1945. Während Hitlers Deutschland kurz vor seiner Kapitulation steht, die Tage des Volkssturmes und der Durchhalteparolen angebrochen sind, lernt die damalige Kantinenangestellte Lena Brücker den jungen Bootsmann Hermann Bremer bei einem Kinobesuch kennen und lieben. Aus dem nur für einen Abend geplanten Besuch in ihrer Wohnung wird eine längere Zeitspanne. Angezogen von der ansehnlichen Lena und abgeschreckt von der Aussicht auf einen sinnlosen Tod zieht Bremer die Wärme ihres Bettes seiner Soldatenpflicht vor. Doch das Überleben hat seinen Preis. Als Deserteur wird er zum Gefangenen in Lenas Wohnung. Lena, die zuvor 5 Jahre lang allein gelebt hat, genießt ihre unverhoffte Zweisamkeit. Um sich ihr neues Glück länger zu bewahren, verheimlicht sie Bremer die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Während er noch von der Allianz Deutschland - England - USA träumt, die den Sowjets die eroberten Teile Deutschlands wieder abnehmen soll, genießt Lena die vergängliche Beziehung zu ihrem jungen Liebhaber. Wer sich durch den nach Trivialliteratur klingenden Titel nicht abschrecken läßt, den erwartet die von Uwe Timm glänzend erzählte Geschichte der besten Jahre einer lebenstüchtigen Frau, bei der sich sinnliche, heitere, bittere und traurige Momente in faszinierender Weise miteinander verbinden. Gleichzeitig erhält der Leser anhand des Beispiels der Stadt Hamburg kurz vor Ende des 2. Weltkrieges guten Einblick in ein Stück jüngerer deutscher Zeitgeschichte. Dem Autoren sind hierbei treffende Momentaufnahmen menschlichen Verhaltens in diesen schwierigen Zeiten gelungen. Kritisieren läßt sich allenfalls, daß auf Grund der Verschachtelung von Geschichte in Geschichte gelegentlich unklar ist, auf welcher Erzählebene sich die Novelle gerade befindet, auf der des Erzählers oder der des Bootsmannes Bremer. Trotzdem ein uneingeschränkt lesenswertes Stück Prosa.
|
|
|
7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ich habe die Currywurst schnell verschlungen, so gut war sie, 29. Juli 2009
Ich habe den Autor Uwe Timm bisher nur vom Namen her gekannt, so richtig auf ihn aufmerksam geworden bin ich erst durch ein Interview im Radio. Die "Currywurst" habe ich begeistert verschlungen. Irgendwie hat mich das Buch an den "Vorleser" erinnert, wohl wegen der Beziehung einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann, nur dass die "Currywurst" ungleich witziger und streckenweise unkonventionell geschrieben ist. Die Binnenhandlung ist schnell erzählt. Lena Brücker, eine Frau im vorgerückten Alter (wie Heinrich Böll schreiben würde), begegnet in den letzten Kriegstagen in Hamburg einem jüngeren Mann im Kino. Hermann Bremer, vom Fronturlaub zurück, hat keine Lust als Kanonenfutter zu enden und bleibt nach einer Bombennacht im Bunker als Deserteur bei Lena in der Dachwohnung. Lena geht jeden Tag zur Arbeit und verheimlicht Hermann das Ende des Krieges, um ihre schönste Zeit noch ein wenig zu verlängern, wohl wissend, dass Hermann eines Tages weg sein wird. - Die Rahmenhandlung der Novelle besteht aus sieben Besuchen des Erzählers bei Lena, die inzwischen im Altersheim lebt. Überaus reizvoll an dem Buch ist nun die gekonnte Verknüpfung der Handlungsebenen. Das beginnt schon damit, dass die direkte Rede ohne Anführungs- und Schlusszeichen in den Text eingearbeitet ist und eine Kontinuität zwischen der Rahmen- und Binnenhandlung herstellt. Zweitens kann man den Erzähler unschwer mit dem Autor gleichsetzen, zumindest über weite Strecken. Das gilt für die Frage von Lena: "Wie hältste das nur in München aus?" und geht über die verbürgte Kindheitserinnerung von in der Luft brennenden Gardinenfetzen, bis hin zu Lenas Beruf der Täschnerin (Uwe Timm war Kürschner). Drittens verwebt der Autor die beiden Zeitebenen durch abrupte Wechsel, beispielsweise als Lena eine falsche Krebssuppe zaubert, sich die beiden unterhalten und Lena im nächsten Satz im Altersheim strickt und die Landschaft auf dem Pullover zur Annahme verleitet, es handle sich um ihren Körper, der von Hermann liebkost wird. Überhaupt ist es diese Liebesgeschichte auf Zeit, die mich in ihrer Ehrlichkeit und voraussehbaren Begrenztheit in den Bann gezogen hat. Natürlich hat sie keine Chance, denn beide sind nicht ehrlich zueinander, Hermann verschweigt, dass er verheiratet und gerade Vater geworden ist und es scheint Lena auch klar, dass man die vergangene Zeit nicht mehr miteinander teilen kann, insofern ist die Spurensuche im fremden Leben vergebens und Lena resümiert: "Es war eine kurze Zeitspanne gewesen, ein paar Tage nur, aber damit ging in ihrem Leben etwas endgültig zu Ende ... sie würde danach alt sein." Von da ist es nur ein kurzer Weg zur Entdeckung der Currywurst und zum Tod von Lena im Altersheim, der nur von einem Pullover und dem Rezept überdauert wird; beides wartet in einem Päckchen auf den Autor. Wunderbar!
|
|
|
23 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Die Entdeckung der Currywurst, 22. Dezember 2005
Es gibt diese einfachen Dinge im Leben, die sprechen eine unmissverständliche Sprache, die scheinen so selbstverständlich gegeben, dass man glaubt, sie müssten schon immer so da gewesen sein. Dinge, wie sie einem an all den Straßenecken eines Lebens oft genug begegnen, um sie guten Gewissens übersehen zu können. Alltägliche Dinge. Kaum der Mühe wert, sich Fragen zu stellen. Und dann passiert es doch, dass einer sich interessiert, dass er mehr wissen will über das, was sich da so leise in seinen Kosmos des Unbezweifelbaren geschlichen hat. Um das Wie und Wo geht es dann, um das Warum und Überhaupt. Es sind grundlegende Fragen nach Herkunft und Sinn, es könnten die Fragen eines Kindes sein.
Längst schon aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist der Erzähler in Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“. Aber er erinnert sich, noch sehr genau, wie das war, als kleiner Junge im Hamburg der Nachkriegszeit.
Die Tante in der Brüderstraße, der er so viele heimliche Besuche abstattete, um die Ecke der Großneumarkt, ein rauer Platz im Hafenviertel, Frau Brückers Imbissstand. Da wo er nicht hin durfte, kein Platz für Kinder, wie sein Vater immer meinte. Schmeckte ihm Frau Brückers Currywurst deshalb so gut? Es scheint der große Geschmack seiner Kindheit zu sein, aufgenommen und immer wieder genossen an jenem schäbigen Bretterverschlag, an dem Lena Brücker Tag für Tag die Pfannen schwing. Und immer war es sonnenklar für ihn, dass nur sie diejenige sein konnte, die die Currywurst irgendwann einmal erfunden hat.
Aber man streitet sich. Man diskutiert. Bundesdeutsche Imbisskultur, mancher lässt hier nicht mit sich spaßen. Unzählige Entstehungsgeschichten, unzählige Meinungen, plötzlich scheint nichts mehr festzustehen. Also forscht der Erzähler nach. Lena Brücker steht schon längst nicht mehr am Grill, doch sie hat noch etwas zu erzählen und was man schließlich von ihr erfährt, ist weit mehr als nur die Bestätigung der historischen These. Es ist die Geschichte ihres Lebens.
Uwe Timm gelingt es, hinter der Frage nach dem ganz Banalen das ausgesprochen Außergewöhnliche zu entdecken und seine unglaubliche Geschichte freizulegen. Mit großem Erzähltalent schildert er ein Schicksal, dass sich in den letzten Kriegstagen, in einer Zeit von Hunger und Entbehrung, zu einem ganz persönlichen, zu einem großen Glück erhebt. Beinahe magisch mutet es an, wie er Erzählstränge verwebt und auf 180 Seiten eine Romanwelt schafft, die gerade deshalb so nachhaltig fesselt, weil sie den Pfad des zutiefst Menschlichen niemals verlässt. Es ist ganz zurecht keine Heldengeschichte und dennoch zollt sie dem Leben ihrer Protagonisten den höchsten Respekt. Weil es schnörkellos bleibt und weil es ehrlich ist, nicht im reinsten Sinne des Begriffs, sondern schlichtweg vorstellbar, weil auf jede Lüge eine Einsicht folgt und weil alles einen Grund zu haben scheint. 1940 wurde Uwe Timm in Hamburg zur Welt gebracht und auch wenn seine Novelle keine Autobiographie sein will, so ist doch nicht zu verkennen, dass ihr Autor mit dem Blick des Erlebten schreibt. Und das kommt seinem Werk auf die denkbar beste Möglichkeit zu Gute. Denn so authentisch wie er sich im historischen Rahmen bewegt, so verspielt bleibt er, wenn er von den vielen Tagen einfacher Leben erzählt. Und nur allzu gut ist vorstellbar, wie Uwe Timm selbst in den Straßen seiner Novelle steht und alles aufschreibt, was er dort beobachtet. Lebendig ist sein Werk, eine große Leinwand spannt sich vor dem Leser auf und zeigt großes Kino. In dieses Szenario fügt sich Timms Sprache nahtlos ein. Sie lässt sich nicht von grammatikalischen Regeln einbinden, sie transportiert eine Freiheit, die selten anzutreffen ist im deutschen Literaturbetrieb. Verspielt und pointiert, das Wesentliche nie aus den Augen lassend und sich dennoch jeden notwendigen Raum nehmend kommt sie daher. Es ist ganz unumstritten, dass „Die Entdeck-ung der Currywurst“ ohne diesen besonderen Sprachfluss, den Uwe Timm so gekonnt zur Handlung trägt, nicht das Buch wäre, das so wunderschön und rührend anmutet, wie es letztlich dann geschieht. Dass sich die Geschichte eigentlich weniger um die Currywurst, als vielmehr um die schillernden Schicksale ihrer Figuren dreht, scheint erst einmal verwirrend, löst sich aber mit jeder verschlungenen Seite in zustimmendes Wohlgefallen auf. Hut ab vor Uwe Timm. Mit „Die Entdeckung der Currywurst“ ist ihm ein feiner, ein außergewöhnlicher Wurf gelungen.
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|