Lena Brücker ist eine fiktive Person und steht stellvertretend für viele fleißige Frauen des deutschen Nachkriegsdeutschlands, die sich nicht unterKRIEGen ließen. Ihnen hat Uwe Timm, dessen Liebesgeschichte vor zeitgeschichtlichem Hintergrund liebevoll und - von Politischem einmal abgesehen - nah am Buch bleibend von Ulla Wagner verfilmt wurde, ein stilles, jdeoch eindrucksvolles literarisches Denkmal setzen wollen. Was gelungen ist. Seiner Erinnerung nach hat er bereits 1947 am Hamburger Großneumarkt in einer Imbissbude zum ersten Mal eine Currywurst gegessen, die offiziell doch erst 1949 und natürlich in Berlin erfunden wurde. Wie dem auch sei, um die Currywurst geht es in diesem Film erst ganz am Schluss und nur am Rande. Um die Wurst geht es im Frühjahr 1945 jedoch für Hermann Bremer (Alexander Khuon in seiner ersten Hauptrolle), der als junger Marinesoldat in Hamburg gestrandet ist, mit dem Befehl, sich zum "Endkampf an der Heimatfront" zur Verfügung zu stellen. Geistig immer noch gesund, auch nach all den Kriegsjahren, in denen er sich so durchmanövriert hat, will er das natürlich nicht, sieht aber keine Alternative. Bei seiner Frau und seinem kleinen Jungen kann er nicht bleiben, sterben will er aber weder als Fahnenflüchtiger noch als Kanonenfutter. Vor einem Kino trifft er auf Lena Brücker (Barbara Sukowa), deren Mann und fast noch halbwüchsigen Kinder der Wirbel des Krieges weit weg von zuhause geweht hat. Nicht, dass ihr Mann dazu einen Krieg bräuchte, der führte auch schon vorher ein sehr ungebundenes Leben. Seit Jahren ist sie allein, arbeitet als Kantinenleiterin und hofft jeden Abend darauf, ihre Wohnung nicht ausgebombt vorzufinden. Im Kino will sie das alles hinter sich lassen, für eine kleine Weile, wenn nicht, wie so häufig, Fliegeralarm dazwischen kommt. So findet sie sich schon bald mit dem sympathischen Soldaten zuerst im Luftschutzkeller und anschließend in ihrer Wohnung. Die körperliche Anziehungskraft zwischen den beiden entlädt sich, Wärme, Zärtlichkeit, Leidenschaft gegen Kälte, Grausamkeit und alle Widrigkeiten dieser so trostlos gewordenen Welt. Bremer bleibt und Lena Brücker lebt auf: "Du gehst heute so anders? Wie eine satte Creme Caramel!" fällt dem mit ihr befreundeten Koch auf, "der aus nichts etwas zaubern kann und aus wenig etwas Wunderbares". Holzinger (Wolfgang Bock in einer schönen Nebenrolle) denkt in kulinarischen Kategorien, auch wenn es um Subversion geht. Doch der Krieg, der schon eine gefühlte Ewigkeit dauert, geht seinem Ende entgegen und damit Lena Brückers vielleicht letzte Liebesgeschichte. Danach kommen, wenn sie es will, nur noch die alten Männer, oder noch schlimmer, ihr eigener Mann, den sie einst liebte und jetzt nicht mehr. Mit einer großen Lüge erkauft sie sich noch wenige zweisame Tage, während dem jungen Soldaten das Gefühl des Eingesperrtseins immer mehr zur Qual wird. Er baut auf die Zukunft, die für sie ein unspektakuläres Frauenleben in einer zugigen Imbissbude bereithält. Und wenigstens äußeren Frieden, für beide, Erinnerungen inklusive.
Die wunderbare Barbara Sukowa, die bereits für Fassbinder und von Trotta vor der Kamera stand, macht sich rar auf der Leinwand, die sie perfekt beherrscht. Die Rolle der - auch im wirklichen Leben - nahezu 30 Jahre älteren Frau, die einen jungen Mann liebt, meistert sie unprätentiös und virtuos. Aber auch Alexander Khuon überzeugt. Obwohl im Film auch nackte Haut zu sehen ist, spielt sich die brüchige Liebesgeschichte vor allem in den Augen der beiden ab. Eine überzeugende Leistung. Gerade in den letzten Tagen konnte, wer wollte, viel Hollywoodzuckerzeug konsumieren. Das hier ist ein Schwarzbrotschnitte mit Schinken und Gurke-Film, nachhaltig sättigend, im Gegensatz zur Currywurst, die unter modernen Ernährungsgesichtspunkten zwar bedenklich ist, aber herrlich schmecken kann, wenn sie von Könnern zubereitet wird. Meine Lieblingscurry gab es einst in Esslingen bei Fred, das ist lange her, derzeit befindet sich an seiner Stelle ein Computerladen, glaube ich.
Helga Kurz
3. Januar 2010