"Gewöhnlich ging es in der Reservebankeinheit allerdings vor allem um wissenschaftliche Humanversuche. In Wirklichkeit wurden wir in erster Linie dazu verwendet. In Wirklichkeit versuchte man, uns so lange wie möglich am Leben zu halten, und es kam vor, dass Individuen mit sehr guter Kondition sechs oder sieben Jahre in der Einheit lebten, bis sie schließlich zur Endspende in die Klinik aufgenommen wurden."
Eine Wahl hat Dorrit Wegner wohl nicht, als sie kurz nach ihrem 50. Geburtstag eines Samstags einfach abgeholt wird, um in die Reservebankeinheit gebracht zu werden. Denn sie gehört zu den "Entbehrlichen", denen, die keine Kinder groß ziehen, die auch sonst irgendwie nicht von größerem Nutzen für die Gesellschaft zu sein scheinen, außer, ihren Körper in den Dienst der Wissenschaft zu stellen und ihre Organe nach und nach den "Benötigten" zu spenden. Allerdings war sie vorbereitet, und das war es, was mich schon von Anfang an stutzig gemacht hat an dieser Sache: Schon Monate vor diesem Abholtermin weiß Dorrit im Grunde, was auf sie zukommt, und sie nimmt es hin, sie hält es fast für selbstverständlich. Und auch in der "Einheit", in der es den Bewohnern an nichts fehlt außer an der Freiheit, allein über ihren Körper zu entscheiden, geht es harmonisch und liebevoll unter den Bewohnern zu. Einer hilft dem anderen, mit dem Leben dort fertig zu werden. Zwar liest man hier und da, dass Dorrit, die aus Ich-Perspektive ihre Geschichte selbst erzählt, sich erschrickt über Frauen in der Sauna oder im Schwimmbad ob ihrer vielen Narben (hier eine gespendete Niere, da ein gespendeter Teil des Dünndarms etc.), aber so richtig erbost ist über sein Schicksal kein einziger.
Auch die "Humanversuche" sind meistens alles andere als harmlos: Eine von Dorrits Freundinnen wird mit Hormonen behandelt, die sie männlich werden lassen, in Stimme und Körperbau, eine andere bekommt Asthma. Erst als ein Humanversuch zum Tod von 15 Insassen führt (die natürlich vorher im Dienste der Gesellschaft zur Endspende überwiesen werden), scheint es einen kleinen Skandal zu geben.
Die Bewohner in dieser Einheit leben fast wie im Paradies, und etwa die erste Hälfte des Buches lese ich darüber, wie gut es sich Dorrit ergehen lässt: Endlich kann sie - frei von wirtschaftlichen Zwängen - tun und lassen, was sie will. Sie geht ins Theater, ins Kino, schwimmen, saunen, kocht und isst mit Freunden, geht im wunderschönen Wintergarten spazieren, kann ihrer Schriftstellerei nachgehen. Das lässt sie auch ein wenig über den schweren Verlust ihres Hundes hinwegkommen. Aber es gibt auch immer wieder diesen oder jenen, der eben zur Endspende überwiesen wird oder an schweren Nebenwirkungen von wissenschaftlichen Versuchen leidet. Das Leben in dieser Einheit geht abseits von der normalen Gesellschaft "draußen" vor sich, unter einer riesigen Glaskuppel.
Und wie unter einer Glaskuppel habe ich mich auch beim Lesen manchmal gefühlt. Die Sprache ist schlicht, aber eindringlich, die Stimmung beklemmend, aber nicht düster, aber wenn ich über diese Welt las, war ich fast selbst da drin. Einmal habe ich dieses Buch eine halbe Stunde im Wartezimmer beim Zahnarzt gelesen; als ich das Buch zuklappte und aufstand, war ich fast ein wenig benommen von allem, was ich da gelesen hatte, dass mir das Wartezimmer erst irreal vorkam. Ich war erschrocken ob der Selbstverständlichkeit, mit der diese Zweitgesellschaft existierte, obwohl an mehreren Stellen im Buch erwähnt wird, dass Schweden, in dem diese Geschichte spielt, doch eine Demokratie sei. Selbst ihre eigene Nierenspende beschreibt die Erzählerin ganz sachlich und neutral.
Nur an ganz wenigen Stellen blitzt ein wenig Aufbegehren durch, zum Beispiel, wenn Dorrits Freundin Elsa diesen Apparat als "Luxuschlachtereimaschinerie" bezeichnet. Aber niemand plant einen Aufstand, niemand plant eine Flucht. Im Gegenteil, als einer ein wenig meckert, fühlt sich Dorrit "peinlich berührt".
Selbst als später Dorrit sich in einen Mitbewohner verliebt, mit ihm fast zusammenlebt und doch immer die "Endspende" (welch zynischer Begriff!) vor Augen hat, bleibt trotzdem alles, wie es ist, bis etwas passiert, das Dorrit völlig aus der Bahn wirft ...
Was ich davon zu halten habe, weiß ich ehrlich gesagt immer noch nicht so genau. Die Ich-Erzählerin enthält sich jeglicher Wertung und Bewertung, sodass dies völlig dem Leser überlassen bleibt, und das ist es vielleicht, was dieses Buch so aufrüttelnd macht, so schwierig.
Es gibt m. E. einige kleinere logische Schwächen, über die ich aber angesichts der gut und bewegend erzählten Geschichte hinwegsehen kann. Über die gesamte Länge des Romans schafft die Autorin es, mich als Leser in den Bann zu ziehen. Dieses Buch, das mich sehr berührt hat, habe ich übrigens nur tagsüber gelesen, da ich Angst hatte, dass es mich am Abend zu sehr aufwühlen würde, um noch schlafen zu können (und damit, abends noch ein gruseliges Buch zu lesen, habe ich normalerweise keine Probleme), obwohl tatsächlich Horrorelemente, wie sie manchmal in Medizin-Thrillern vorkommen, völlig fehlen.
Dass die Idee dieser Geschichte so realistisch erscheint, machte es ebenfalls nicht einfacher, und ich bin mir nicht sicher, ob es nicht heute schon auch in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die von Politik und Gesellschaft auf irgendeine Art und Weise - vielleicht nicht ganz so drastisch wie hier - als "entbehrlich" angesehen werden. Irgendeinen Grund wird die Autorin Ninni Holmqvist wohl gehabt haben, diesen lesens- und beachtenswerten Roman zu schreiben.