Rezension zu: Eduard Kotschergin Die Engelspuppe"
persona verlag Lisette Buchholz 2009
Im gemischten Chor des deutschen Literaturbetriebs
ist die Sehnsucht nach echten literarischen Stimmen groß.
Dass es sie noch gibt, zeigt die Neuerscheinung des
Mannheimer persona verlags:
Die Engelspuppe von Eduard Kotschergin!
Mit diesem Erzählband ist der Verlegerin Lisette Buchholz
und der Dolmetscherin Elena Tsesis, welche die Telefonverbindung
zu dem Autor nach St. Petersburg leitete, ein herausragendes Buch gelungen.
Eduard Kotschergin ist in seiner Heimat ein bekannter und
gefeierter Bühnenbildner am Großen Dramatischen Theater in
St. Petersburg.
Die vorliegenden Erzählungen handeln von seiner Flucht
aus einem Kinderheim des Geheimdienstes von Sibirien bis
Leningrad, wo er nach vielen Jahren im Milieu der Diebe
seine 1939 verhaftete Mutter wieder fand.
Eduard Kotschergin ist einer der seltenen Autoren, denen es gelingt,
mittels der Sprache die Welt anzuhalten. Wir betrachten atem-
beraubend schöne Bilder, in denen sich der Alltag von unbekannten
Menschen im Russland der 1940er bis 1970er Jahre spiegelt:
Kinder auf der Flucht, Huren, Soldaten, Krüppel,
Kriegsinvaliden, Kräuterhexen, Künstler, Taschendiebe.
Die eigene Geschichte ist nur der Aufhänger für einen maßlos
Staunenden und leidenschaftlichen Beobachter der Menschheit
in ihren tragisch-komischen Abgründen und der überragenden
Liebesfähigkeit Einzelner.
Immer ist es ein neutrales Auge, das sieht und beschreibt.
Der Autor nutzt nie die eitle Pose des Schriftstellers oder des
Welterfahrenen, um uns sehen zu lassen, was er erlebt hat, was
dort im fernen, uns nahen Russland geschah und geschieht.
Die Übersetzer Ganna-Maria Braungardt und Renate und Thomas
Reschke leisten Außergewöhnliches: Oder haben Sie schon
einmal etwas von frisch gewaschenen Mösen im Seidengeschirr
gehört?
Nein, dann müssen Sie mit der Petrograder Prosituiertengemeinschaft
ins Kirow-Theater reisen und die Verdorbene Arischka
die hübschen Ballerinas beschreiben hören.
Ich kann nur sagen: Die Reise lohnt!
Das Buch ist eine Weltsensation! Brigitte Läufer