Aus der Amazon.de-Redaktion
"O Frühling, du bist ein Brief, den ich ihr schreibe... Wie groß ist es, geliebt zu werden! Und um wieviel größer, zu lieben! Das Herz wird heldisch durch seine Liebe. Es ist einzig aus Reinheit zusammengesetzt, nichts ist in ihm als Ewiges und Erhabenes. Ein unwürdiger Gedanke vermag in ihm sowenig zu keimen wie eine Brennessel auf Gletschereis. Die hohe und lautere Seele, unzugänglich den niederen Leidenschaften und Erregungen, wohnt im Himmelsblau. Beherrschend die Wolken und die Schatten dieser Welt, den Wahnsinn, die Lüge, den Haß, die Eitelkeit, die Not, empfindet sie nur noch die tiefen, unterirdischen Erschütterungen des Schicksals, wie die Gipfel der Berge das Beben der Erde empfinden... Wäre niemand mehr, der liebte, die Sonne würde erlöschen."
Wer kann die Liebe ergreifender schildern als Victor Hugo? Wer vermag es, all ihre Erhabenheiten und Abgründe perfekt in Worte zu kleiden? Wenn das überhaupt möglich ist, hat Victor Hugo es vollbracht. Sein Werk wird von den größten Gefühlen, zu denen ein menschliches Wesen fähig ist, getragen, ob sie sich nun in Helligkeit entfalten bis aufs Äußerste oder die weitesten Dimensionen annehmen in ihrer Düsternis. Schonungslos und mit erschreckender Plastizität führt er uns das Dasein der Ärmsten unter den Armen im Frankreich des 19. Jahrhunderts vor Augen. Er beschreibt ihren erbitterten Kampf, den tiefsten Sümpfen des Jammertals zu entrinnen und eine gerechtere Welt zu schaffen. Und doch wird dort nicht nur gekämpft und geweint. Hugo entblättert unsere Existenz in seiner ganzen Bandbreite, ob wir von unserer Bestimmung her begnadigt sind oder nicht. Jedes Leben durchzieht ein kleines Glück, auch wenn es einem erbarmungswürdigen Schicksal folgt und an unwürdigen Klippen zerschellt. Hugo befreit die Erniedrigten von ihrem Schmutz und stellt sie zurück in das Licht ihrer Würde, die jedem Menschen, egal wie sehr er beleidigt wurde, innewohnt.
Ich halte Hugos Werk hoch über meine kleine Bibliothek, weil es lebensspendenden Idealen folgt, weil es sich einer Moral verpflichtet, die mächtiger ist als die gesellschaftliche Moral, weil es den Blick auf die Welt komplett umdreht und die Sicht darauf freimacht, wie schön sie aussehen könnte, und letztlich, weil das Edle über das Gemeine im Menschen siegt. Und ich liebe es wegen seines hohen Gehaltes an Wahrheit, der gelungenen Mischung aus Realismus und Absurdität. Viel Gutes muß der Grausamkeit des Lebens zum Opfer fallen, ehe das wirklich Erhabene seinen glänzenden Sieg davontragen kann. Hugo beschönigt nichts. Trotzdem ist sein Weltbild nicht pessimistisch. Er beschreibt die Kluft zwischen Arm und Reich. Er zeigt, daß Armut böse machen kann und Reichtum blind. Dennoch siegt am Ende die Weisheit über die Dummheit und die Liebe über den Haß.
Abgestumpft von vielen Jahren auf der Galeere und als gefährlicher Mensch von der Gesellschaft geächtet, nimmt der Bischof von Digne Jean Valjean, den ehemaligen Galeerensträfling, auf und bewirkt bei ihm durch einen peinlichen Vorfall und durch seine beispiellose Güte, eine wundersame Verwandlung. Jean Valjean, durch 19 Jahre Gefangenschaft vom Bösen zersetzt und verdorben, erkennt sein ganzes Elend in einem Schlüsselerlebnis und entwickelt sich daraus zu einem Beschützer der Schwachen und Bedürftigen. Doch unerbittlich bleibt ihm seine Vergangenheit auf den Fersen. Sie verfolgt ihn in der Gestalt des Polizeiinspektors Javert, der als Reinkarnation von seelenloser Spießbürgerlichkeit und menschenverachtender Gesetzestreue bis an sein Lebensende versucht, ihn wieder hinter Schloß und Riegel zu bringen.
Rein stilistisch ist Victor Hugos dreibändiger Roman eine Schöpfung erster Güte. Wie eine Pyramide baut sich die Geschichte um Jean Valjean auf. Scheinbar völlig unabhängig voneinander beginnen hier und dort Steinwälle aus dem Boden zu wachsen, um sich irgendwann ganz unerwartet aneinanderzufügen und in einer einzigen Spitze zusammenzulaufen. Genauso entspinnt sich in Hugos Roman hier und da eine von der bisherigen Handlung unabhängige Geschichte, die sich irgendwann ganz plötzlich und zur Überraschung des Lesers nahtlos in das Gesamtbild einfügt. Am Anfang finden wir lauter einzelne geheimnisvolle Fragmente, am Ende ein klares, in sich perfekt geschlossenes Kunstwerk.
Keinem Film wird es jemals gelingen, die tausend Ebenen und haarfeinen Verästelungen dieses Romans darzustellen, ohne Wesentliches auszulassen. Keinem Theater. Und keiner Oper. Zu viele Geschichten in einer Geschichte. Zu viele wichtige Botschaften. Zu viele große Gedanken. Zu viele Feinsinnigkeiten. Zu viele grandiose Beschreibungen. Zu viele komplizierte Zusammenhänge. Sicher, man kann sich auf die leidenschaftliche Liebe zwischen Mario und Cosette konzentrieren oder auf die Geschehnisse während der Julirevolution oder auf das haarsträubende Katz- und Mausspiel zwischen Valjean und Javert. Doch man wird immer nur einen Ausschnitt erfahren, der die wahre Größe des Gesamtwerkes nicht zu erfassen weiß.
Der stürmische Kampf zwischen Gut und Böse, in dem das Gute trotz aller Tragik triumphiert, die unvergleichliche Komplexität des Werkes und die Art, wie es geschrieben ist, nämlich nicht nur mit der Vernunft des Kopfes und der Allwissenheit des Geistes, sondern auch mit inniger Anteilnahme der Seele und dem Blut des Herzens, machen dieses Werk zu meinem Lieblingsbuch seit ich sechzehn bin, und und kein anderes Buch konnte ihm in den folgenden zwölf Jahren den Rang ablaufen, obwohl ich in der Zwischenzeit bestimmt tausend andere Bücher gelesen habe. --Daphne Großmann
Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Die Elenden
OT Les misérablesOA 1862 DE 1862 Form Roman Epoche Romantik
In dem Roman Die Elenden gelingt Victor Hugo eine Verknüpfung verschiedenster literarischer, politisch-ideologischer und philosophischer Tendenzen seiner Zeit. Wegen seines Eintretens für die Menschlichkeit ist der Roman der bedeutendste des Schriftstellers und der meistgelesene der französischen Literatur.
Entstehung: Hugo arbeitete insgesamt 17 Jahre an dem Roman. Er entstand vor dem historischen Hintergrund der Restauration, der Julirevolution (1830) sowie der Pariser Arbeiteraufstände von 183234.
Inhalt: Jean Valjean, der wegen einer Bagatelle 20 Jahre im Gefängnis gesessen hat, wird nach seiner Freilassung von Bischof Myriel aufgenommen und sucht einen Weg zurück in die Gesellschaft. Allmählich findet er zu Wohlstand und Anerkennung in der Bevölkerung und wird sogar Bürgermeister von Montreuil-sur-Mer.
Eine besondere Beziehung verbindet Valjean mit Cosette, der Tochter der verstorbenen Prostituierten Fantine, für die er wie ein Vater sorgt. Doch Valjean muss ins Gefängnis zurück, als seine wahre Identität aufgedeckt wird. Er kann fliehen und baut sich wiederum unter falschem Namen in Paris eine neue Existenz auf. Einzig der Polizist Javert ist argwöhnisch und lässt Valjean heimlich beobachten. Cosette, die bei Valjean ist, verliebt sich einige Zeit später in den jungen Advokaten Marius Pontmercy. Valjean versucht die Beziehung zu unterbinden, um sich nicht von seiner Ziehtochter trennen zu müssen. Als die Aufstände Paris heimsuchen, rettet er Marius und Javert aus den umkämpften Barrikaden. Valjean berichtet Marius von seiner Vergangenheit, worauf dieser seine Geliebte aus den Händen Valjeans befreien möchte. Nach langen Gewissensbissen verzichtet Valjean auf Cosette und gestattet beiden die Hochzeit. Auf dem Sterbebett gibt er bekannt, nur eines in der Welt zähle: »einander zu lieben«.
Aufbau: Im Mittelpunkt stehen vier Menschen, deren aufrichtiger Charakter nie gefährdet wird: Bischof Myriel, Fantine, Cosette und Valjean. Um sie herum platziert Hugo die Welt der »Elenden«, eine Welt der Armut, des Verbrechens, der Aufstände und Bedrohungen. Die Menschen der Pariser Gesellschaft werden zum konstituierenden Merkmal des Romans. Sie können ihr Glück nur von einer tief greifenden, progressiven Änderung der Gesellschaftsstruktur erwarten. Daneben hat Hugo verschieden lange Beschreibungen eingefügt, in denen u. a. die Schlacht von Waterloo (1815) oder das Kanalsystem von Paris erklärt wird.
Wirkung: Aufgrund der Vielfalt an Motiven, die an Abenteuer- oder Schauergeschichten erinnern, des Reichtums an Figuren und des leidenschaftlichen Plädoyers für Menschlichkeit avancierte das Buch beim Publikum schnell zu einem der auch heute noch meistgelesenen Werke französischer Literatur.
Hugo selbst hat an einer Dramatisierung des Stoffs gearbeitet, die jedoch erst 1899 zur Uraufführung kam. C. V.