Das Buch ist leider nicht viel mehr als durchschnittlich geworden. Das gilt sowohl im Vergleich zu etwa der "Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa", die ebenfalls von Hansjörg Küster stammt, als auch im Vergleich zu anderen aktuellen Büchern über Flüsse, ganz besonders zum Buch von Bruno P. Kremer über den Rhein:
Während Küster in seiner "Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa" gut strukturiert und aufeinander aufbauend die Entstehung der Landschaften darstellt (und nur die letzten Kapitel deplatziert wirken), wirkt sein Buch über die Elbe wie eine Aneinanderreihung von Kapiteln, die lediglich dem Flusslauf folgt, aber sonst keine innere Verbindung aufweist. In einem Kapitel sind diese, in einem anderen Kapitel jene Aspekte der Elbe oder im Zusammenhang mit der Elbe stehende Aspekte thematisiert; dabei wirken die Kapitel teilweise wie eine Wiederverwertung von Material älterer Bücher - z.B. seiner "Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa" - oder wie Nebenprodukte zu Recherchen zu eben diesen. Das wäre weder schlimm noch ungewöhnlich, wären diese Teile von ihm zu einem neuen Ganzen verbunden worden. Genau daran mangelt es jedoch. Zu selten steht wirklich die Elbe im Mittelpunkt, zu häufig ist das alleinige oder das Hauptaugenmerk auf Landschaftsaspekte entlang der Elbe gerichtet. Nebenaspekte können ein Thema bereichern, ersetzen können sie es nicht. Konkrete Angaben zu Strömungsgeschwindigkeiten, Durchflussmengen, Hoch- und Niedrigwasserwerten zu den einzelnen Flussabschnitten und seinen Zuflüssen fehlen völlig. Zudem hätte man desöfteren gerne Grafiken zum Text, die das Beschriebene veranschaulichen, allein die Landkarte vorne und hintem im Buch reicht meist nicht aus. Auch das Layout ist nicht das eines modernen Sachbuches (ein positives Beispiel wäre wiederum das Rheinbuch von Kremer), sondern eher das einer schlichten Geschichtenerzählung (abgesehen von den grauen Balken besonders im Inhaltsverzeichnis, die aber eher merkwürdig als modern wirken). Das Buch enthält zwar mehrere Fotos, doch scheint der Autor aus einem nicht erkennbaren Grund häufig auf eigene Fotos zurückgegriffen zu haben, die mehr als nur einmal nicht die Anforderungen an eine Buchgrafik erfüllen - z.B. das Foto der zugefrorenen Spree in Kap. 16, das offenbar aus einem fahrenden Zug oder Auto heraus aufgenommen wurde.
Auch in den inhaltlichen Details kann das Buch nicht überzeugen. Dass Küster wie auch in anderen seiner Publikationen vom "Zweiten Deutschen Kaiserreich" u.ä. schreibt, obwohl das kein Eigenname, sondern nur eine Bezeichnung ist und somit nicht groß geschrieben wird, dass er vom "Landkreis Pinneberg" (S. 286) schreibt, obwohl diese Kommunalörperschaften in Schleswig-Holstein "Kreis" heißen, dass er den Mittellandkanal als den wichtigste Kanal Mitteleuropas bezeichnet (S. 159) - es ist der Nord-Ostsee-Kanal, der ebenfalls noch in Mitteleuropa liegt, dass er ungenau schreibt, dass die in der Wilstermarsch gelegene tiefste Landstelle Deutschlands "fast 4 m" unter Meeresspiegel liege (S. 271) - sie liegt 3,5 m u. NN - oder dass nicht gewiss sei, ob die auch wirklich die tiefste Landstelle ist (ebd.), obwohl dies amtlich ist - Küster widerspricht sich übrigens in seiner "Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa" selbst, indem er den Riepster Hammrich mit bis zu 3 m u. NN als die tiefste Landstelle bezeichnet (S. 223 f.), - all das und wirklich viele(!) weitere Kleinigkeiten wird man ihm in einem Buch über die Elbe noch nachsehen können.
Problematisch ist es aber, dass er in einem Buch, dass die Elbe zum Gegenstand hat, die Wortherkunft des Namens "Elbe" auf die Bedeutung "Fluss" - die sprachwissenschaftlich kaum noch vertreten wird - zurückführt und dann eine alternative Herkunft mit der Bedeutung "weiß" - die heute vorwiegend vertreten wird - nennt und beide sich ausschließenden Alternativen zu "weißer Fluss" kombiniert (S. 7), dass er auch bei den Deutungen der Namen einiger Nebenflüsse fragwürdige Ausführungen macht, dass er selbst die Begriffe "Damm" und "Deich" nicht richtig verwendet (er scheint sie synonym zu gebrauchen) und dass Standardfakten fehlen (etwa zum hydrologischen Verhältnis von Havel und Spree oder zur Binnen- und Außenelbe).
Auch scheint dem Autor nicht nur über Einzelneaspekte hinausgehendes historisches Hintergrundwissen zu fehlen, an dessen Stelle häufig falsche Behauptungen und Schlussfolgerungen treten, sondern er scheint zumindest stellenweise auch unsauber gearbeitet zu haben (so wird aus der Relation von 350m zu 100m statt "3,5 Mal so lang" oder "2,5 Mal länger" fälschlicherweise "dreieinhalb Mal länger", S. 68) und das Buch, dass ja 2007 erschien, nicht unbedingt auf den aktuellen Stand gebracht zu haben (so ist oft das Elbehochwasser von 2002 genannt, aber nicht das von 2006) - Anderes, wie die Anerkennung des Wattenmeeres als Weltnaturerbe, ereigneten sich dann aber tatsächlich erst nach Erscheinen des Buches.
Insgesamt hat sich der Autor sicherlich Mühe gegeben und auch ein persönliches (und nicht ein nur kommerzielles) Interesse an der Erstellung des Buches gehabt. Er hätte jedoch vernünftigerweise sowohl einen Historiker, als auch einen Sprachwissenschaftler hinzuziehen sollen, um die nun publiken falschen und fragwürdigen Aussagen zu vermeiden. Auch hätte er sich eines der aktuellen Sachbücher über Flüsse zum Vorbild nehmen sollen, um wirklich den Fluss als Gegenstand des Buches zu behandeln und einen roten Faden im Buch zu haben. Die erste Auflage ist leider nicht viel mehr als eine Aneinanderreihung von Einzelthemen, die sich oft nichteinmal direkt auf die Elbe beziehen; insofern besteht außer im Medium und im Preis kein Unterschied zu einer Informationssammlung im Internet, etwa der Wikipedia. Zum Ausleihen aus einer Bibliothek, um einen Überblick zu gewinnen, mag sich das Buch noch eignen; wer hingegen korrekte Details und mehr als bereits jetzt zugängliche Informationen zur Elbe erfahren möchte, sollte auf eine grundlegend verbesserte Auflage warten.