Mit gut 200 Seiten gehört der unvollendete Roman Poes zu den umfangreichsten Werken des Autors. Die Reise entwickelt sich zu einer waghalsigen Odyssee, die erst im Südpolarmeer ihren Höhepunkt erreicht und dort plötzlich und unerwartet abbricht. Am spannendsten Punkt, als Arthur Gordon Pym und sein Gefährte Dirk Peters hinter dichten, weißen Nebelschwaden eine riesenhafte, menschliche Gestalt wahrnehmen, endet der Roman. Edgar Allan Poe war sich wohl selbst nicht schlüssig, welchen Verlauf die Geschichte nehmen sollte und ließ den Bericht mit dem lapidaren Hinweis abbrechen, dass Arthur Gordon Pym verstorben sei, bevor er die letzten drei Kapitel seines Reiseberichts abliefern konnte. Der Roman wurde bis zu dem verunglückten Ende unheimlich dicht und spannend erzählt und gehört sicherlich zu den düstersten Erzählungen des Autors. Die erste Hälfte ist zwar sehr abenteuerlich, aber durchaus authentisch. Der Überlebenskampf der Gefährten auf hoher See nimmt einen beklemmenden Verlauf, wenn die Freunde untereinander auslosen, wer von ihnen geopfert werden soll, um den anderen als Nahrung zu dienen. Nicht minder schaurig ist die Begegnung mit einem havarierten Schiff, dessen Besatzung einem Unglück zum Opfer gefallen ist:
In der zweiten Hälfte werden die Überlebenden der Grampus von der englischen Brigg Jane aufgelesen, deren Kapitän William Guy, die Schiffbrüchigen herzlich willkommen heißt. Arthur Gordon Pym und Dirk Peters schließen sich der Besatzung an. Mit dem Anlaufen einer Inselgruppe im Südpolarmeer betritt Edgar Allan Poe wahrhaft fantastische Gefilde, denn die Inseln sind von schwarzhäutigen Eingeborenen bewohnt, die einen sonderbaren Abscheu gegenüber alles Weißem hegen. Bei der Begegnung eines riesigen Polarbären sei dem Autor seine dichterische Freiheit verziehen, denn in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, in dem die Antarktis, so gut wie kaum erforscht war, dürfte noch nicht bekannt gewesen sein, dass Eisbären lediglich am Nordpol vorkommen.
Des Weiteren seien dem Autor einige Ungereimtheiten und Kapriolen in der Handlung verziehen, denn nach dem Kampf mit den Meuterern an Bord der Grampus, ist von Pyms treuem Hund Tiger keine Rede mehr. Mit keinem Wort erwähnt Poe, ob das Tier bei einem Unwetter ums Leben kam, oder anderweitig getötet wurde. Dass der Hund das Zeitliche segnete kann aber mit Sicherheit angenommen werden, den andernfalls hätte man bestimmt erst den Hund geschlachtet und verzehrt, bevor man einen Kameraden opfert. Ein Spießrutenlauf gepflegter Langweile ist Kapitel 16, gottlob in der hier besprochenen Ausgabe nur 6 Seiten lang. In diesem Kapitel fühlt sich der Verfasser genötigt vorrangegangene Expeditionen ins Südpolarmeer mit den exakten geografischen Koordinaten zu beschreiben.
Der offene unvollendete Schluss der unheimlichen Reise des Arthur Gordon Pym inspirierte viele namhafte Schriftsteller zu Fortsetzungen und eigenen Erzählungen. Die bekanntesten Epigonen dürften H.P. Lovecraft und Jules Verne sein. Ersterer verfasste nach den Motiven von Edgar Allen Poes Roman seine umfangreiche Erzählung 'Berge des Wahnsinns', während Jules Verne in seinem Werk 'Eissphinx' eine direkte Fortsetzung verfasste.
Die Geschichten von Edgar Allen Poe, insbesondere 'Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym' übten auf Jules Verne eine ungebrochene Anziehungskraft aus und schlägt sich in vielen seiner eigenen Erzählungen nieder. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Verne zu der unvollendeten Novelle Poes eine eigenen Fortsetzung schrieb. Dass er diese allerdings gewinnbringend publizierte war dem Verlag Poes ein arger Dorn im Auge und es kursieren die Gerüchte, dass Verne keinen einzigen Franc für sein Werk 'Die Eissphinx' gesehen hat. Die Geschichte beginnt auf den Kerguelen, die auch Pym besuchte und die Halbrane läuft im Zuge ihrer Expedition die gleichen Stationen an, wie einst Poes tragischer Held mit der Jane. Im Gegensatz zum Roman von Edgar Poe legt Jules Verne gesteigerten Wert auf wörtliche Rede, was die Geschichte stellenweise lebendiger gestaltet, doch die subtile Spannung, die Horrorelemente, die Poes Novelle auszeichnen, sucht man in 'Die Eissphinx' vergebens. Auch Verne beschäftigte sich gern mit Breiten- und Längengraden, verfällt aber nie in derart exzessive Beschreibungen, wie sein amerikanisches Idol. Sehr viel dichterische Freiheit erlaubt sich Verne, als er auf der zerstörten Insel Tsalul die Besatzung der Halbrane das Halsband von Pyms Hun Tiger finden lässt. Wie oben bereits erwähnt, ist es völlig unlogisch, dass der Hund so lange überlebt hat, und a) mit keinem Wort von Pym erwähnt wird, und b) nicht an Parkers statt geschlachtet und verspeist wurde.
Doch die Beziehungen und Intrigen unter den Seeleuten der Halbrane und den neu angeheuerten Matrosen auf den Falklandinseln machen aus diesem späteren Roman Vernes einen durchaus spannenden Seefahrer-Epos, dem es allerdings nicht besser gelingt, für Poes offenes Ende einen zufriedenstellenden Schluss zu finden.