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In seinem neuen Roman Die Eismine wagt sich Appelfeld erstmals ins Zentrum des Schreckens: Er erzählt vom Leben (oder besser: vom Existieren) im Ghetto und im Arbeitslager, aus der Perspektive eines Achtzehnjährigen. Selten sind die Mechanismen, mit der Tod, Hunger, Gewalt und Angst zur Normalität werden, so leise und beiläufig und dabei doch so eindringlich beschrieben worden. Appelfelds Name wird immer wieder ins Spiel gebracht, wenn es um einen würdigen Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis geht - verdient hätte er ihn, schon allein für dieses Buch. --Christoph Nettersheim -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Aharon Appelfelds Saga jüdischer Traurigkeit
Lange haben sie sich eingeredet, dass es ihnen nicht passieren würde. Jedes Mal waren sie dumpf erleichtert, wenn andere abgeholt wurden: zum Glück nicht wir. In der Nacht hören sie Schüsse und Schreie, danach versinkt das Ghetto wieder in bodenlose Stille. Als es dann doch eintritt, ist in Sekunden alles vorbei. Ohne Abschied findet Erwin sich auf einem Lastwagen, von Wachleuten umringt, und er wird deportiert in ein Lager, über dessen Tor geschrieben steht: «Arbeit macht frei, Arbeit macht rein.»
Erwin, die Hauptfigur aus Aharon Appelfelds jüngstem Roman, «Die Eismine» (1997 in Israel erschienen), ist ein Jude, der 1943 mit seinen Eltern in einem Ghetto in der Bukowina lebt und als Zwangsarbeiter Uniformen für das Deutsche Reich näht. Abends geht er mit seiner Freundin Ida in das geheime Café in Honigs Keller. Dieses ist der Treffpunkt des Ghettos, Nachrichtenbörse und Gerüchteküche, dort hockt man zusammen bis spät in die Nacht, trinkt, diskutiert, hält Reden oder schweigt einfach nur. Das Café gaukelt eine Normalität vor, die es längst nicht mehr gibt, und lässt das Ghetto etwas erträglicher werden, die Schikanen der Aufseher, die harten Strafen für die, die sich widersetzen, die Angst vor der Deportation und vor allem die bange Frage, wann die Deutschen denn endlich aufgeben in Russland und der Spuk ein Ende hat.
Als Ida schwanger ist, planen sie die Flucht in die Karpaten, doch ehe es dazu kommt, wird Erwin deportiert. In einem Arbeitslager in der Ukraine muss er mit den anderen Männern eine Brücke über einen Fluss bauen. Willkürherrschaft und Demütigung, Schinderei und Hunger prägen den Alltag. Der Tod, im Ghetto noch verdrängt, «geht hier ein und aus, als wäre er einer von uns». Er ist allgegenwärtig und ambivalent, ist Feind und Freund zugleich: Wer zu schwach zum Arbeiten ist, wird von den Aufsehern in den schwarzen, wilden Fluss gestossen; wer es nicht mehr aushält, gibt der «betörenden Sehnsucht» nach und springt freiwillig. Auch die Natur hat sich gegen die Männer verschworen, der Winter scheint fest entschlossen, sie alle umzubringen. Doch dann, Anfang 1944, ist die russische Armee auf dem Vormarsch, die Deutschen ziehen sich zurück, und plötzlich ist alles vorbei. Erwin hat überlebt, aber nach zweihundertvierundsiebzig Tagen im Lager ahnt er, «dass ich nicht mehr der bin, der ich einmal war, und wenn ich in meine Stadt zurückkehre, wird man mich nicht erkennen».
Appelfeld kennt die Lebensgeschichten seiner Figuren aus eigener Erfahrung: Er wurde 1932 in der Bukowina geboren und hat als Kind im Ghetto von Czernowitz gelebt, 1941 wurde er deportiert, flüchtete aus dem Lager und schloss sich 1944 als Küchenjunge der Roten Armee an. Doch er versteht sich nicht als literarischer Historiograph «die jüdische Erfahrung im Zweiten Weltkrieg war nicht historisch. Wir wurden mit archaischen, mythischen Kräften konfrontiert, einer Art dunklem Unterbewusstsein, dessen Bedeutung wir nicht kannten und bis heute nicht kennen.» Appelfeld lässt seine Figuren die Perspektive der damaligen Zeit einnehmen; indem er sich als Historiker zurückhält, erzeugt er eine Atmosphäre, die umso unheimlicher ist, als die Verunsicherung und Desorientierung der Figuren mit dem Erfahrungsvorsprung der Leser, die den historischen Kalender im Kopf haben und wissen, was passieren wird, kontrastiert.
Nicht historische Aufarbeitung des Holocaust also ist Appelfelds Anliegen vielmehr möchte er, wie er in einem Interview erklärt hat, sein Werk gelesen wissen als eine Saga jüdischer Traurigkeit, deren letzte Kapitel er zu erfassen suche. Das dunkelste dieser letzten Kapitel, die Erfahrung der Juden in Ghetto und Lager, hatte Appelfeld bisher ausgeklammert Thema seiner Romane und Erzählungen waren die Vorgeschichte oder die Konsequenzen von Judenverfolgung und Holocaust. Etwa in «Für alle Sünden» (1993 und 1996 schon auf Deutsch erschienen und jetzt neu aufgelegt), einem Roman, der nach der Auflösung der Lager spielt und der obgleich früher entstanden sich wie eine Fortsetzung zur «Eismine» liest. Der junge Jude Theo flieht bei Kriegsende aus einem Lager; er hält sich bewusst fern von den anderen Flüchtlingen, um auf dem schnellsten Wege in seine Heimat zurückzukommen. Aber es gelingt ihm nicht, die traumatische Erfahrung des Lagerlebens abzuschütteln, er geht im Kreis, und je mehr er über die Eltern und die Zeit vor dem Lager nachdenkt, desto klarer wird ihm, dass es keinen Weg zurück gibt. Die Heimkehr ist eine Illusion, er hat kein Zuhause mehr, und dieser Verlust ist unwiderruflich.
Die Vorahnung von Fremdheit, existenzieller Einsamkeit und Unbehaustheit, die Erwin am Schluss der «Eismine» verzweifeln lässt, wird für Theo zu einer beklemmenden Realität. Sie ist eine Konstante jüdischen Lebens, deren Erfahrung Appelfeld ebenfalls mit seinen Figuren teilt. Er kehrte nach dem Krieg nicht in seine Heimat zurück, sondern ging 1946 nach Palästina, wo er Hebräisch lernte. Appelfeld ist ein hebräischer Erzähler, der sich als europäischer jüdischer Autor definiert und seine geistigen Wurzeln in der Tradition der klassischen Moderne sieht: Bruno Schulz, Samuel Beckett, Franz Werfel fühlt er sich verwandt, insbesondere aber Franz Kafka, mit dem ihn nicht nur die gemeinsame Muttersprache Deutsch, sondern auch die Sprache des Absurden verbindet: «Ich wusste, worüber er redete. Es war keine geheime Sprache für mich, ich brauchte keine Erklärungen. Ich kam aus dem Lager, aus einer Welt, die das Absurde verkörperte, und nichts in dieser Welt war mir fremd.»
Aharon Appelfeld hat diese Verkörperung des Absurden in der «Eismine» nach mehr als fünfzig Jahren nun erstmals ins Zentrum eines seiner Werke gestellt und Leben und Sterben im Lager beschrieben ein heikles Sujet, das zudem die Gefahr der Banalisierung oder des Pathos birgt. Der Appelfeld aber nie erliegt, im Gegenteil: Die Sprache ist klar und nüchtern, der Stil distanziert, leidenschaftslos, fast unterkühlt. Der Schrecken liegt zwischen den Zeilen.
Dorothea Trottenberg -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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