Wenn man sich die bisher hier vertretenen Positionen so anschaut, gewinnt man den Eindruck, dass Paolo Giordano mit seinem Roman polarisiert: Man liebt ihn oder man langweilt sich. Vielleicht hilft es manchen Unentschlossenen ja weiter, wenn jemand, der weder enttäuscht noch euphorisch ist, eine Stellungnahme abgibt...
Die Einsamkeit der Primzahlen schildert zwei junge (später nicht mehr ganz so junge) Menschen in einer psychischen Ausnahmesituation auf sehr eindringliche Weise. Die Sprache besticht durch Schlichtheit, der Aufbau ist chronologisch mit mehreren Zeitsprüngen. Dem gegenüber steht die komplexe Thematik von Schuld. Verletzung, Einsamkeit, Magersucht. Insgesamt ist es ein Buch, über das man länger nachdenkt als man darin liest (was ja positiv ist).
Gerade weil hier ernste Themen so aufmerksam geschildert werden, ist es allerdings ein bisschen irritierend, dass man manchmal das Gefühl hat, wichtige Erklärungen blieben einem vorenthalten. Sich zu fragen, ob es im Italien der 80er Jahre üblich war, schwer behinderte Kinder (das fragliche Mädchen kann nicht sprechen und kaum auf seine Umwelt reagiern) einfach in die Grundschule zu schicken, kann schlicht auf eigene Wissenslücken hindeuten. Warum aber ein gehbindertes Mädchen am Sportunterricht teilnimmt, ist schon weniger einfach wegzuerklären. Und wieso hat sie eigentlich ein steifes Knie, aber eine Operationsnarbe an der Hüfte? Und, was den Protagonisten Mattia angeht: Wieso kommt seine ganze, von gravierenden Selbstverletzungen geprägte Jugend über niemand- weder Eltern, noch Lehrer, noch Ärzte- auf die Idee, ihn mal zu einem Therapeuten zu schicken?
Oder ist das vielleicht passiert, und wir erfahren es nur nicht? Zwischen den detailgetreu geschilderten Episoden lässt der Autor nämlich große Lücken. Nur selten bekommt man einen Hinweis darauf, was in der Zwischenzeit passiert ist, und diese spärlichen Informationen kommen irgendwie nicht gegen den Eindruck an, dass die Geschichte zwischendurch einfach still steht. Alices Mann, ein Arzt, bekommt zum Beispiel schon beim ersten Date einen mehr als deutlichen Hinweis auf ihre Magersucht, ist aber erst im nächsten Abschnitt (einige Jahre später) bereit darauf zu reagieren.
Abgesehen von den offenen Fragen ist es vor allem das Verhältnis zwischen den Hauptpersonen, das meine Begeisterung für das Buch etwas dämpft. Für sich genommen erscheinen Mattia und Alice als glaubwürdige Charaktere, einsam und abgeschieden von den anderen (und das übrigens von Anfang an). Was sie dagegen aneinander finden, erschließt sich nicht wirklich. Mattia hängt zwar seinen Gedanken zufolge an Alice, in ihrer Gegenwart erscheint er aber immer genervt und abwesend. Und sie hält die Beziehung trotz ständiger Ablehnung seinerseits aufrecht, kommt aber in zehn Jahren nicht auf die Idee, herauszufinden, was ihn zu seiner Selbstverstümmelung treibt? Mit anderen Worten: Was die beiden Protagonisten trennt, ist deutlich genug, was sie zusammenhält bleibt im Dunkeln- und erweist sich am Ende auch als nicht besonders stabil.
Mein Fazit: Ein Buch, das berührt und nachdenklich macht, in mancher Hinsicht aber noch nicht ganz überzeugen kann.