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Die Einheit des Wissens
 
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Die Einheit des Wissens [Gebundene Ausgabe]

Edward O. Wilson , Yvonne Badal
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 442 Seiten
  • Verlag: Siedler; Auflage: 1. Aufl. (1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3886806200
  • ISBN-13: 978-3886806201
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 14,6 x 4,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 491.773 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Der Biologe Edward O. Wilson ist ein Wissenschaftler, wie es sie selten gibt: Während seiner langen Karriere hat er entscheidende Beiträge zur Populationsgenetik, Evolutionsgenetik, Entomologie und Ethologie geleistet. Zudem hat er sich ausgiebig mit Philosophie und den Geistes- und Sozialwissenschaften beschäftigt. Mit Einheit des Wissens ("Einheit" bedeutet hier, daß die einzelnen Zweige menschlichen Wissens zusammenkommen sollen) liegt nun das Ergebnis dieser lebenslangen und weitreichenden Forschungen vor. Das Buch ist eine wundervoll breitgefächerte Studie, mit der Wilson alle Wissenschaftler ermutigt, die Kluft zu überbrücken, die in vielen Bereichen zwischen und innerhalb der Kulturen von Natur- und Geisteswissenschaften besteht. Diese Kluft sollte es nicht geben, so Wilson, denn Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Kunst hätten ein gemeinsames Ziel: dem Verständnis einen Sinn zu geben, uns alle zu "einer Überzeugung zu führen, die weit mehr ist als der logische Satz, daß die Welt einer Ordnung unterliegt und mit wenigen Naturgesetzen erklärt werden kann". Mit diesem sythentischen Argument untersucht Wilson die Art und Weise (sei sie richtig oder falsch), in der Wissenschaft ausgeübt wird. Er rätselt über die postmodernen Diskussionen, die sich in akademischen Kreisen ausbreiten, und bringt Ideen zur Religion und zur menschlichen Natur hervor, die einen zum Nachdenken anregen. Anhand von Fallstudien großer Evolutionsbiologen und der Gelehrten der Aufklärung zeigt Wilson, wie Wissenschaft richtig angewandt wird, er betrachtet den Lebenszyklus von Ameisen und Berglöwen und drängt immer wieder darauf, daß unsere Suche nach einem Sinn präzise und kraftvoll vorangetrieben werden muß. Jetzt ist die Zeit gekommen, so Wilson, zu der wir lernen müßten, diese Suche nach Wissen besser zu verstehen. Denn "der Mensch, das erste wirklich freie Wesen, ist dabei, die natürliche Selektion auszuschalten, die Kraft, die uns geschaffen hat... Bald müssen wir tief in uns hinein sehen und entscheiden, was wir gerne werden wollen." Wilsons Weisheit, die sich elegant auf den Seiten dieses großartigen, lebendigen, umfassenden Werkes entfaltet, wird uns auf dieser Suche eine große Hilfe sein.

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Soziobiologische Blaupausen

Edward O. Wilson sucht die Einheit des Wissens

Der Anfang des Buches ist geeignet, auch den gutwilligsten Leser abzuschrecken. In den ersten vier Kapiteln glaubt Edward O. Wilson, noch einmal den Gang der modernen Gesellschaft erklären zu müssen. Das ist nicht nur langweilig und überflüssig, sondern auch fehlerträchtig. So behauptet Wilson, die Parole «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» stamme von Rousseau, und zwar aus seiner Schrift über den Gesellschaftsvertrag. Politologen mögen in den Augen Wilsons zwar verbohrte Spezialisten ohne den Blick für die befreiende Kraft naturwissenschaftlichen Denkens sein, aber ihr Blick in die Schriften Rousseaus hat ihnen schon lange enthüllt, dass diese Behauptung Wilsons ebenso unsinnig ist wie die, Rousseau habe in seinem «Emile» den «Schlaf der Vernunft» gefordert. Wilson behauptet entgegen jeder Sachkenntnis, Robespierre habe die Ideen Rousseaus in terroristischer Manier umgesetzt.

Es stellt sich der unangenehme Eindruck ein, dass Wilson Ressentiments für Argumente hält und sich einen Teufel um Textkenntnis schert. Fehler der zitierten Art und zahllose Ungenauigkeiten unterminieren den Anspruch des Autors, eine «Einheit des Wissens» wenigstens ansatzweise zu skizzieren. Wenn einer schon nicht weiss, was man nachlesen und wissen kann, wie soll er wissen können, was jetzt noch niemand weiss? Zweifel sind – also – erlaubt. Aber nach mühsamem Anlauf zieht das Buch den Leser doch in seinen Bann. Das geschieht genau im 5. Kapitel und hält bis zum 8. Kapitel vor. Die letzten vier Kapitel kann man genausogut vergessen wie die ersten vier. Woran liegt das? Daran, dass Wilsons Programm der Einheit des Wissens im kulturellen Bereich nur Aussagen von allergrösster Allgemeinheit ermöglicht. Man könnte auch von Trivialität sprechen.

Der Blick des naturwissenschaftlich umfassend gebildeten Biologen aber fasziniert im Mittelteil des Buches deswegen, weil er die Irrtümer der Vereinfacher seiner 1975 zuerst vorgetragenen soziobiologischen Theorien korrigiert. Dabei muss aber gesagt werden, dass Wilson an den überzogenen Ansprüchen seiner Anhänger nicht unschuldig ist, denn er stellt selbst unmögliche Forderungen auf. Er will tatsächlich die Kultur aus der Biologie heraus erklären, sie darauf reduzieren: «Wir werden schliesslich eine reine biologische Theorie gewonnen haben, die all die umfangreichen und umständlichen Beschreibungen von Lebensprozessen, mit welchen die Wissenschaft heute noch arbeitet, vollständig ablösen wird. Ihre Prinzipien werden die Forschungsreise in den Verstand, in das Bewusstsein und in die Ökosysteme beschleunigen.»

Forderungen und Formulierungen dieser Art finden sich zahlreich in diesem Buch, und fast noch zahlreicher sind die Differenzierungen, die Wilson flugs hinterherschickt. Er wirkt wie ein Autoverkäufer, der seinen Kunden erklärt, dass das Vehikel auch fliegen könne, um gleich hinzuzufügen, dass die Landung allerdings mit gewissen Unbequemlichkeiten verbunden sei. Immerhin: Der nüchterne naturwissenschaftliche Blick reduziert die Natur nicht einfach auf ein paar Prinzipien, sondern weckt ein neues Interesse an der Vielfalt.

So erörtert Wilson die Frage, ob es eines Tages Computer oder Roboter mit menschlicher Intelligenz geben könnte. Dabei ist für ihn Intelligenz nicht gleich Rechnen, denn das menschliche Gehirn ist in seinen Augen eine schlechte Rechenmaschine. Es kalkuliert nicht blitzartig, wie die Rational-Choice-Theoretiker annehmen, in jeder Situation den maximalen Nutzen. Dafür aber verfügt das menschliche Gehirn über andere Eigenschaften. Es orientiert sich an zahllosen «ererbten Blaupausen», die uns beispielsweise dazu bringen, bedrohten Mitmenschen spontan und auch unter Lebensgefahr zu Hilfe zu kommen. Wie, so fragt Wilson, soll denn das gesamte stammesgeschichtliche «Wissen», von dem wir ja selbst noch gar nicht viel kartographiert haben, in Computer eingegeben werden? In wenigen Sätzen entfaltet Wilson hier ein Plädoyer für das Humanum, wie es eindringlicher kaum von einem Soziologen oder Theologen gehalten werden könnte.

Im Jahr 1975 wollte Wilson in seiner «Soziobiologie» die heikle Frage beantworten, welche Rolle die Vererbung im menschlichen Verhalten spielt. Als Ameisenforscher hatte er vorher Weltruhm geerntet, und nun schien sein Ehrgeiz darin zu bestehen, die Menschen lediglich als intelligente Ameisen beschreiben zu wollen. Sein neues Buch nimmt die Debatten um diese These auf und differenziert: Sprache, Kultur, Politik, Wissenschaft und Kunst seien selbstverständlich nicht aus den Genen ablesbar, sie folgten nicht aus festen Programmierungen, es handele sich um eine «genetisch-kulturelle Koevolution».

Am Beispiel der Schlangen, die in Träumen ebenso vorkommen wie in Kulten, entwickelt Wilson seine These von der «Epigenese». Wilson erläutert sie damit, dass eine Abneigung gegen Schlangen schon bei Affen programmiert sei und natürlich beim Menschen. Nun sieht er eine Drift: vom Überlebensreflex zum schauerlich-faszinierenden Inhalt kultureller Phantasien. Ganz ähnlich zieht er das Inzesttabu als Beweismittel für seine Epigenese heran. Freud habe sich furchtbar geirrt, als er behauptete, es gebe eine heimliche Neigung zum Inzest. Vielmehr habe der finnische Anthropologe Edward A. Westermarck bereits 1891 nachgewiesen («Die Geschichte der Ehe»), dass eine statistisch belegbare Abneigung dagegen bestehe, innerhalb jenes Kreises zu heiraten, in dem man auf Tuchfühlung von klein auf gelebt habe. Neuere Forschungen zeigten dies auch detailliert an Tieren. Das Inzesttabu stecke also in den Genen und verhindere «mangelhafte Reproduktion».

Diese Beispiele sind beeindruckend, doch stellt sich die Frage, ob sie das belegen, was sie belegen sollen. Kein vernünftiger Mensch wird noch bestreiten, dass es ererbte Wahrnehmungs- oder Handlungsweisen gibt. Der Mensch erfindet sich schliesslich nicht jeden Tag neu. Aber ganz ähnlich, wie sich Wilson mit Recht dagegen verwahrt, den Biologen einen plumpen genetischen Determinismus zu unterstellen, muss eingewandt werden, dass die Kultur Modulationen ererbter Eigenschaften vornimmt, die eben nicht aus den Genen abgeleitet werden können. Im Grunde sagt das Wilson an vielen Stellen selbst: Kleinste Unterschiede in der Umwelt können bei gleicher genetischer Ausstattung zu ganz verschiedenen Reaktionen oder Verhaltensmustern führen.

Gleichwohl hält Wilson an der These fest, dass da doch etwas Ererbtes sein müsse und man die Kultur besser verstehe, wenn man dieses Substrat naturwissenschaftlich ermittle. Denn allein die Naturwissenschaft kann in seinen Augen die «Einheit des Wissens» verbürgen. Folgerichtig unternimmt er naturwissenschaftliche Expeditionen in mehrere Bereiche der Kultur, so auch in die Kunst. Wilson stellt sich vor, jemand höre eine Bach-Kantate und ein anderer lese auf einem Monitor dessen Hirnströme und wisse, was der andere gerade höre und empfinde. Angenommen, dass dies jemals möglich wäre, so handelte es sich trotzdem bei Wilsons Argumentation um einen Kategorienfehler. Denn um die Hirnströme lesen und mit der erwähnten Bach-Kantate in Zusammenhang zu bringen, muss der Lesende so viel Kenntnisse und innere Gefühle mitbringen wie ein Musiker, der beim Anblick einer Partitur in helle Verzückung gerät. Wir landen also wieder in der «Innerlichkeit», für die die Wissenschaft eigentlich nur einen Umweg bedeutet. Pech für Wilson, der die Naturwissenschaft zur letzten Instanz machen will, gleichwohl selber erklärt: «Wer der Wissenschaft alle Autorität zuschreibt, riskiert die Konversion zu selbstzerstörerischer Ehrfurchtslosigkeit.»

Stephan Wehowsky


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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
40 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Schwache Übersetzung 21. Juni 2000
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
E. O. Wilson ist ein bekannter Biologe und ein interessanter Autor. So machte ich mich mit Vorfreude an die Lektüre seines neuen Buches. Damit war es bald vorbei. Bereits auf der ersten Textseite (S. 9) beginnen die Merkwürdigkeiten, die wohl überwiegend der Übersetzerin anzulasten sind. Es mag Geschmackssache sein, ob man "genus" mit "Genus" und "species" mit "Spezies" übersetzt, anstatt die gleichbedeutenden deutschen Worte "Gattung" und "Art" zu benutzen. Wenn man aber die Gattung Corvus als "alle zur Spezies Krähen gehörenden ..." zusammenfasst, so ist das schlicht falsch. Wenige Zeilen weiter findet man: "... Stamm (Phyle) ..." Das Wort "Phyle" gibt es im Deutschen nicht! Der Stamm heißt "Phylum" und in der Mehrzahl "Phyla", nicht anders. Dies mag noch ein Druckfehler sein. Aber die Auflistung der Reiche der Lebewesen enthält neben Tieren, Pflanzen usw. auch: "Moneren (Zellplasmateilchen)". Von solchen "Teilchen" hat die Biologie anderweitig noch nie gehört!

Die Merkwürdigkeiten hören nicht auf. Da werden die Grundkräfte der Natur als "starkströmend, schwachströmend und gravitativ" bezeichnet (S. 11). Was soll das denn sein? Esoterik? Wir erfahren, dass Einstein über die "mikroskopische Kapillarphysik" geforscht hat. Diese Arbeiten des Begründers der Relativitätstheorie müssen mir bislang entgangen sein. Und er soll ein "parsimonisches System" gesucht haben. So etwas entsteht wohl nur, wenn man "parsimonious" nicht richtig übersetzt. Einstein hat nämlich ein 'einfaches' System gesucht.

Man glaubt zunächst, die fehlerreichen Anfangsseiten überwunden zu haben. Aber es geht weiter: "Alkanethiole" (S. 71). Eine funktionelle Gruppe "-ethiole" gibt es nicht. Es muss heißen: "Alkanthiole". In Deutschland spricht man nicht von "geniculate nuclei" (S. 104), sondern - wenn schon Latein, dann richtig - von "nuclei geniculati" oder von den "Kniehöckern", wie es korrekt auf S. 214 heißt. Wieso ist Stickstoffmonoxid NO ein "Elementargas" (S. 141)? Was ist, bitte, ein "Stimmkasten" (S. 180)? Wieso wird "sample" nicht mit "Stichprobe" übersetzt (S. 188)? Und "Hinterhirn, Mittelhirn, Vorderhirn"? Hieß das nicht früher "Nachhirn, Mittelhirn, Großhirn"? Ich kann nicht alle Fragwürdigkeiten hier aufzählen. Aber erwähnenswert scheinen mir noch die Pluralbildungen: "Photone" und "Elektrone" (S. 73), "Chromosome" gleich zweimal (S. 194 u. 233), soger "Helixe" werden einem da aufgetischt. Haben die kein Wörterbuch? Oder hatte das Lektorat gerade Betriebsausflug? Es geht doch auch richtig: "Neuronen" (S. 140), "Photonen" und "Gluonen" (S. 246) - aber halt! Was ist das: "sulfide Radikale", direkt dahinter. Was soll das sein? Sulfide? Radikale? Oder vielleicht "Schwefelradikale"?

An dieser Stelle habe ich mit dem Lesen aufgehört. Es ist wie mit einem Rosinenkuchen, in dem vielleicht nur jede tausendste Rosine durch ein Steinchen ersetzt ist. Wenn man auf zu viele Steinchen gebissen hat, mag man nicht mehr, mögen die restlichen Rosinen auch noch so köstlich sein. Und wovon das Buch handelt? Ich weiß es nicht, ich habe auf zu viele Steinchen gebissen. Fazit: Immer wenn es zu naturwissenschaftlichen Fachausdrücken kommt, ist die Übersetzung schlecht und der Text offenbar nicht gründlich redigiert worden. Nicht empfehlenswert!

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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
"Wir ertrinken in Information und dürsten nach Einsicht". Mit diesem genialen Schlusswort bezeichnet Wilson nicht etwa das Internet (denn zu diesem Schluss sind schon die meisten Benutzer unter uns gekommen), sondern die Wissenschaften per se. In seinem Buch bemängelt Wilson die exponentielle Zunahme wissenschaftlicher Erkenntnisse, die isoliert und völlig losgelöst in einem immer stärker divergierenden wissenschaftlichen Umfeld stehen und uns keine "Einsicht" in die Natur des Menschen oder der Welt in der wir leben mehr bringen. Heute finden wir letztendlich nur noch Wissenschaftler, die zwar immer besser aber gleichzeitig auch immer spezieller in ihrem Fachgebiet werden und sich dadurch immer weiter von allen anderen Wissenschaften wegbewegen und den Zusammenhang, die "Einheit" also der einzelnen Wissenschaften völlig aus den Augen verlieren. "Biologen suchen Quarks im Kühlregal" so Wilson, der sicherlich zu den Wenigen gehört, die hier als "omni-gebildete" Wissenschaftler eher die Ausnahme machen und nun ihre Kollegen aufrufen, die Bedeutung gesamtheitlicher Wissenschaft zu erkennen. Dabei geht Wilson aber nicht etwa den esoterischen Weg Capras, der uns auffordert, westliche Wissenschaften mit fernöstlich philosophischer Sichtweise zu verknüpfen, um die ganzheitliche Wissenschaft zu erkennen und das Universum zu verstehen. Nein, Wilson verliert nie den streng wissenschaftlichen und empirischen Ansatz, selbst wenn er Religion, Ethik oder gar die Kunst in die Zusammenführung der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften mit einbezieht. So gleicht auch das Buch, in wunderbar übersichtliche Kapitel eingeteilt, wohl eher einem Lehrbuch, das von der ersten bis zur letzten Seite auch an Wissenschaftler selbst gerichtet ist. Wohl kaum ein Leser, der nicht in dieser Richtung vorbelastet ist, wird diesem Buch viel abgewinnen können. Viele Wissenschaftler, oder solche die es werden wollen, die dieses Buch in die Hand nehmen, müssen sich aber auch auf einige Vorwürfe gefasst machen, denn nur allzu oft geht Wilson mit den Humanbiologen, Soziologen oder Geisteswissenschaftler hart ins Gericht. Sicherlich ist die "Einheit des Wissens", wie sie in dem gleichnamigen Buch beschrieben wird, das heilige Gral der modernen Wissenschaften, insbesondere in den Bereichen der Humanwissenschaften (und die meisten wissen das wohl auch), aber wenn Wilson im letzten Kapitel die "Kernfusion", die "Reise zu den nahen Sternen" oder das "Einfrieren von Tierembryonen zum Erhalten der Art" fast beiläufig in seine Utopia mit einbezieht, so bleibt dem Leser am Ende doch nur die alte Erkenntnis, dass dieses Gral noch sehr lange unereichbar bleiben wird. Immerhin gelingt es Wilson uns aber zu zeigen, dass es sich lohnt und wir deshalb nicht aufgeben sollten, danach zu suchen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Lena Waider TOP 100 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Edward O. Wilson geht es in seinem Buch um eine einheitliche wissenschaftliche Sicht, und damit letztlich um eine Zusammenführung von Natur- und Humanwissenschaften auf die gleichen Grundlagen. Ausgangspunkt und Maßstab ist für ihn die Biologie, deren Ansatz er gerne auf die Humanwissenschaften (Soziologie etc.) übertragen würde. Seine verständliche Befürchtung ist: Immer mehr Wissenschaftler beschränken sich heute auf ein kleines Expertengebiet, in dem sie zu Resultaten kommen, die aber in keinem Zusammenhang zu den Ergebnissen anderer Wissenschaftsdisziplin stehen. Hierdurch geht die Einheit des Wissens verloren. Man weiß dann zwar scheinbar immer mehr, doch insgesamt möglicherweise immer weniger. Wilson plädiert zwar sehr energisch für die wissenschaftliche Methode, wehrt sich aber gegen die zunehmende Zersplitterung der wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Eine Ursache dafür dürfte jedoch auch in der Biologie selbst liegen, die sich hartnäckig gegen jede Übernahme von Resultaten aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen wehrt. Dies gilt insbesondere für die Evolutionstheorie, die Ernst Mayr in seinem Buch Das ist Evolution aus 2005 noch wie folgt zusammenfasst (S. 149):

"Jede Spezies bringt weitaus mehr Nachkommen hervor, als von einer Generation zur nächsten überleben können. Alle Individuen einer Population unterscheiden sich genetisch voneinander. Sie sind den Widrigkeiten der Umwelt ausgesetzt, und fast alle gehen zu Grunde oder pflanzen sich zumindest nicht fort. Nur wenige - im Durchschnitt zwei Individuen je Elternpaar - überleben und bringen ihrerseits Nachkommen hervor. Diese Überlebenden sind aber keine Zufallsstichprobe aus der Population: Dass sie weiterleben können, haben sie zum Teil bestimmten Eigenschaften zu verdanken, die das Überleben begünstigen."

Das Problem hierbei: Die Darwinsche Evolutionstheorie stützt sich wesentlich auf die Bevölkerungslehre von Malthus, die zur Zeit Darwins interessant gewesen sein mag, in der heutigen Demografie jedoch als nicht mehr relevant gilt. Dennoch sind deren aktuelle Erkenntnisse nicht in die Biologie zurückgeflossen. Stattdessen versucht diese nun, ihre mitunter durchaus fragwürdigen Modelle (z. B. Verwandtenselektion) auf die Gesellschaftswissenschaften auszuweiten und soziales Zusammenleben zu erklären. Hinzu kommt, dass es in menschlichen Wohlfahrtsstaaten praktisch keine natürliche Selektion mehr gibt, wie bereits Richard Dawkins im Das egoistische Gen deutlich machte. Anders gesagt: Der reproduktive Erfolg hängt in solchen Gesellschaften nicht mehr von den individuellen genetischen Merkmalen ab, sondern primär von sozialen Faktoren, insbesondere den individuellen Opportunitätskosten von Kindern. Wir haben es dort also nur noch mit einer sozialen Selektion zu tun. Die von Wilson gesehene genetisch-kulturelle-Koevolution lässt sich dann jedoch nicht mehr erklären.

Eine Einheit des Wissens bzw. ein einheitlicher wissenschaftlicher Ansatz für die Biologie und die Humanwissenschaften dürfte nur auf Basis einer einheitlichen Evolutionstheorie möglich sein. Es muss also zunächst ein ordentliches Fundament gelegt werden, um die Aufgabe stemmen zu können. Die einzige Theorie, die dafür aktuell infrage kommt, scheint mir Merschs Systemische Evolutionstheorie zu sein, da in diese auch aktuelle Erkenntnisse aus der Systemtheorie, den Gesellschafts- und den Kommunikationswissenschaften eingeflossen sind. Mit anderen Worten: Das, was Edward O. Wilson vorschlägt, wurde anderswo mittlerweile konkretisiert.

Das Buch ist stellenweise recht schwer zu lesen, ich denke aber, dass dies in erster Linie auf die Übersetzung zurückzuführen ist. Außerdem empfand ich es mitunter als eher weitschweifig. Die Hälfte der Seitenzahlen hätte es wohl auch getan, um das Anliegen des Autors herüberzubringen.
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