Der Biologe Edward O. Wilson ist ein Wissenschaftler, wie es sie selten gibt: Während seiner langen Karriere hat er entscheidende Beiträge zur Populationsgenetik, Evolutionsgenetik, Entomologie und Ethologie geleistet. Zudem hat er sich ausgiebig mit Philosophie und den Geistes- und Sozialwissenschaften beschäftigt. Mit
Einheit des Wissens ("Einheit" bedeutet hier, daß die einzelnen Zweige menschlichen Wissens zusammenkommen sollen) liegt nun das Ergebnis dieser lebenslangen und weitreichenden Forschungen vor. Das Buch ist eine wundervoll breitgefächerte Studie, mit der Wilson alle Wissenschaftler ermutigt, die Kluft zu überbrücken, die in vielen Bereichen zwischen und innerhalb der Kulturen von Natur- und Geisteswissenschaften besteht. Diese Kluft sollte es nicht geben, so Wilson, denn Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Kunst hätten ein gemeinsames Ziel: dem Verständnis einen Sinn zu geben, uns alle zu "einer Überzeugung zu führen, die weit mehr ist als der logische Satz, daß die Welt einer Ordnung unterliegt und mit wenigen Naturgesetzen erklärt werden kann". Mit diesem sythentischen Argument untersucht Wilson die Art und Weise (sei sie richtig oder falsch), in der Wissenschaft ausgeübt wird. Er rätselt über die postmodernen Diskussionen, die sich in akademischen Kreisen ausbreiten, und bringt Ideen zur Religion und zur menschlichen Natur hervor, die einen zum Nachdenken anregen. Anhand von Fallstudien großer Evolutionsbiologen und der Gelehrten der Aufklärung zeigt Wilson, wie Wissenschaft richtig angewandt wird, er betrachtet den Lebenszyklus von Ameisen und Berglöwen und drängt immer wieder darauf, daß unsere Suche nach einem Sinn präzise und kraftvoll vorangetrieben werden muß. Jetzt ist die Zeit gekommen, so Wilson, zu der wir lernen müßten, diese Suche nach Wissen besser zu verstehen. Denn "der Mensch, das erste wirklich freie Wesen, ist dabei, die natürliche Selektion auszuschalten, die Kraft, die uns geschaffen hat... Bald müssen wir tief in uns hinein sehen und entscheiden, was wir gerne werden wollen." Wilsons Weisheit, die sich elegant auf den Seiten dieses großartigen, lebendigen, umfassenden Werkes entfaltet, wird uns auf dieser Suche eine große Hilfe sein.
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Soziobiologische Blaupausen
Edward O. Wilson sucht die Einheit des Wissens
Der Anfang des Buches ist geeignet, auch den gutwilligsten Leser abzuschrecken. In den ersten vier Kapiteln glaubt Edward O. Wilson, noch einmal den Gang der modernen Gesellschaft erklären zu müssen. Das ist nicht nur langweilig und überflüssig, sondern auch fehlerträchtig. So behauptet Wilson, die Parole «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» stamme von Rousseau, und zwar aus seiner Schrift über den Gesellschaftsvertrag. Politologen mögen in den Augen Wilsons zwar verbohrte Spezialisten ohne den Blick für die befreiende Kraft naturwissenschaftlichen Denkens sein, aber ihr Blick in die Schriften Rousseaus hat ihnen schon lange enthüllt, dass diese Behauptung Wilsons ebenso unsinnig ist wie die, Rousseau habe in seinem «Emile» den «Schlaf der Vernunft» gefordert. Wilson behauptet entgegen jeder Sachkenntnis, Robespierre habe die Ideen Rousseaus in terroristischer Manier umgesetzt.
Es stellt sich der unangenehme Eindruck ein, dass Wilson Ressentiments für Argumente hält und sich einen Teufel um Textkenntnis schert. Fehler der zitierten Art und zahllose Ungenauigkeiten unterminieren den Anspruch des Autors, eine «Einheit des Wissens» wenigstens ansatzweise zu skizzieren. Wenn einer schon nicht weiss, was man nachlesen und wissen kann, wie soll er wissen können, was jetzt noch niemand weiss? Zweifel sind also erlaubt. Aber nach mühsamem Anlauf zieht das Buch den Leser doch in seinen Bann. Das geschieht genau im 5. Kapitel und hält bis zum 8. Kapitel vor. Die letzten vier Kapitel kann man genausogut vergessen wie die ersten vier. Woran liegt das? Daran, dass Wilsons Programm der Einheit des Wissens im kulturellen Bereich nur Aussagen von allergrösster Allgemeinheit ermöglicht. Man könnte auch von Trivialität sprechen.
Der Blick des naturwissenschaftlich umfassend gebildeten Biologen aber fasziniert im Mittelteil des Buches deswegen, weil er die Irrtümer der Vereinfacher seiner 1975 zuerst vorgetragenen soziobiologischen Theorien korrigiert. Dabei muss aber gesagt werden, dass Wilson an den überzogenen Ansprüchen seiner Anhänger nicht unschuldig ist, denn er stellt selbst unmögliche Forderungen auf. Er will tatsächlich die Kultur aus der Biologie heraus erklären, sie darauf reduzieren: «Wir werden schliesslich eine reine biologische Theorie gewonnen haben, die all die umfangreichen und umständlichen Beschreibungen von Lebensprozessen, mit welchen die Wissenschaft heute noch arbeitet, vollständig ablösen wird. Ihre Prinzipien werden die Forschungsreise in den Verstand, in das Bewusstsein und in die Ökosysteme beschleunigen.»
Forderungen und Formulierungen dieser Art finden sich zahlreich in diesem Buch, und fast noch zahlreicher sind die Differenzierungen, die Wilson flugs hinterherschickt. Er wirkt wie ein Autoverkäufer, der seinen Kunden erklärt, dass das Vehikel auch fliegen könne, um gleich hinzuzufügen, dass die Landung allerdings mit gewissen Unbequemlichkeiten verbunden sei. Immerhin: Der nüchterne naturwissenschaftliche Blick reduziert die Natur nicht einfach auf ein paar Prinzipien, sondern weckt ein neues Interesse an der Vielfalt.
So erörtert Wilson die Frage, ob es eines Tages Computer oder Roboter mit menschlicher Intelligenz geben könnte. Dabei ist für ihn Intelligenz nicht gleich Rechnen, denn das menschliche Gehirn ist in seinen Augen eine schlechte Rechenmaschine. Es kalkuliert nicht blitzartig, wie die Rational-Choice-Theoretiker annehmen, in jeder Situation den maximalen Nutzen. Dafür aber verfügt das menschliche Gehirn über andere Eigenschaften. Es orientiert sich an zahllosen «ererbten Blaupausen», die uns beispielsweise dazu bringen, bedrohten Mitmenschen spontan und auch unter Lebensgefahr zu Hilfe zu kommen. Wie, so fragt Wilson, soll denn das gesamte stammesgeschichtliche «Wissen», von dem wir ja selbst noch gar nicht viel kartographiert haben, in Computer eingegeben werden? In wenigen Sätzen entfaltet Wilson hier ein Plädoyer für das Humanum, wie es eindringlicher kaum von einem Soziologen oder Theologen gehalten werden könnte.
Im Jahr 1975 wollte Wilson in seiner «Soziobiologie» die heikle Frage beantworten, welche Rolle die Vererbung im menschlichen Verhalten spielt. Als Ameisenforscher hatte er vorher Weltruhm geerntet, und nun schien sein Ehrgeiz darin zu bestehen, die Menschen lediglich als intelligente Ameisen beschreiben zu wollen. Sein neues Buch nimmt die Debatten um diese These auf und differenziert: Sprache, Kultur, Politik, Wissenschaft und Kunst seien selbstverständlich nicht aus den Genen ablesbar, sie folgten nicht aus festen Programmierungen, es handele sich um eine «genetisch-kulturelle Koevolution».
Am Beispiel der Schlangen, die in Träumen ebenso vorkommen wie in Kulten, entwickelt Wilson seine These von der «Epigenese». Wilson erläutert sie damit, dass eine Abneigung gegen Schlangen schon bei Affen programmiert sei und natürlich beim Menschen. Nun sieht er eine Drift: vom Überlebensreflex zum schauerlich-faszinierenden Inhalt kultureller Phantasien. Ganz ähnlich zieht er das Inzesttabu als Beweismittel für seine Epigenese heran. Freud habe sich furchtbar geirrt, als er behauptete, es gebe eine heimliche Neigung zum Inzest. Vielmehr habe der finnische Anthropologe Edward A. Westermarck bereits 1891 nachgewiesen («Die Geschichte der Ehe»), dass eine statistisch belegbare Abneigung dagegen bestehe, innerhalb jenes Kreises zu heiraten, in dem man auf Tuchfühlung von klein auf gelebt habe. Neuere Forschungen zeigten dies auch detailliert an Tieren. Das Inzesttabu stecke also in den Genen und verhindere «mangelhafte Reproduktion».
Diese Beispiele sind beeindruckend, doch stellt sich die Frage, ob sie das belegen, was sie belegen sollen. Kein vernünftiger Mensch wird noch bestreiten, dass es ererbte Wahrnehmungs- oder Handlungsweisen gibt. Der Mensch erfindet sich schliesslich nicht jeden Tag neu. Aber ganz ähnlich, wie sich Wilson mit Recht dagegen verwahrt, den Biologen einen plumpen genetischen Determinismus zu unterstellen, muss eingewandt werden, dass die Kultur Modulationen ererbter Eigenschaften vornimmt, die eben nicht aus den Genen abgeleitet werden können. Im Grunde sagt das Wilson an vielen Stellen selbst: Kleinste Unterschiede in der Umwelt können bei gleicher genetischer Ausstattung zu ganz verschiedenen Reaktionen oder Verhaltensmustern führen.
Gleichwohl hält Wilson an der These fest, dass da doch etwas Ererbtes sein müsse und man die Kultur besser verstehe, wenn man dieses Substrat naturwissenschaftlich ermittle. Denn allein die Naturwissenschaft kann in seinen Augen die «Einheit des Wissens» verbürgen. Folgerichtig unternimmt er naturwissenschaftliche Expeditionen in mehrere Bereiche der Kultur, so auch in die Kunst. Wilson stellt sich vor, jemand höre eine Bach-Kantate und ein anderer lese auf einem Monitor dessen Hirnströme und wisse, was der andere gerade höre und empfinde. Angenommen, dass dies jemals möglich wäre, so handelte es sich trotzdem bei Wilsons Argumentation um einen Kategorienfehler. Denn um die Hirnströme lesen und mit der erwähnten Bach-Kantate in Zusammenhang zu bringen, muss der Lesende so viel Kenntnisse und innere Gefühle mitbringen wie ein Musiker, der beim Anblick einer Partitur in helle Verzückung gerät. Wir landen also wieder in der «Innerlichkeit», für die die Wissenschaft eigentlich nur einen Umweg bedeutet. Pech für Wilson, der die Naturwissenschaft zur letzten Instanz machen will, gleichwohl selber erklärt: «Wer der Wissenschaft alle Autorität zuschreibt, riskiert die Konversion zu selbstzerstörerischer Ehrfurchtslosigkeit.»
Stephan Wehowsky