Regisseur Alexander Gentelev hat nach seinen Filmen "Aufstieg und Fall der russischen Oligarchen" (2005) und "Operation Nachfolger" (2008) nun einen Film über die Russische Mafia, die "Diebe im Gesetz" - oder wie einer von ihnen, Leonid Bilunow sie bezeichnet: "Löwen in der Wüste des Lebens" - gemacht.
Drei Gestalten aus der Unterwelt, der smarte Sonnyboy Leonid Bilunow, der Usbeke Alimzhan Tochtachunow und der filmbegeisterte Witali Djomotschka erzählen in Interviews von ihrem Leben und dem Überleben in der russischen Unterwelt.
Auch ein ehemaliger Mitarbeiter von Interpol, ein Mitarbeiter von Europol und Experten, die sich mit organisierter Kriminalität auseinandersetzen, kommen zu Wort.
Auf eine fast 100jährige Geschichte wird hier zurückgeblickt. Von Stalins Straflagern bis zur Gegenwart wir der Bogen gespannt. Die Gewalt eskaliert Anfang der 90er in einer Art Bürgerkrieg, als die Unterwelt offen zu Tage tritt, weil nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das ehemals staatliche Eigentum neu verteilt wird. Die Banditen töteten sich gegenseitig. Um die Jahrtausendwende änderte sich dieser Zustand, die Situation beruhigte sich etwas - die kriminellen Autoritäten begannen damit, Geschäftsleute zu töten und stiegen Stück für Stück in "legale" Geschäfte ein, denn sie waren "nicht so gefährlich und brachten mehr Geld". So wurde beispielsweise ein bewachter Parkplatz eröffnet, der zunächst nicht besonders beliebt war - Einbrüche in Autos, die nicht den neuen Parkplatz nutzten, halfen der Beliebtheit der bewachten Anlage auf die Sprünge. So vermischten sich legale mit kriminellen Geschäften.
Anhand des Films lässt sich gut nachvollziehen, wie sich die Vorgehensweisen geändert haben. Heute verteidigen die sogenannten "autoritären Geschäftsleute" ihre Ehre mit Hilfe der Justiz.
Die drei "Diebe im Gesetz", die hier interviewt und porträtiert werden, berichten offen und ohne Scheu von ihrem Leben und ihren Erfahrungen. Leonid Bilonow, der durchtrainierte Tennisspieler und Tennisfan zeigt dem Zuseher stolz seine Kunstsammlung, die besser gesichtert ist, als Pariser Geldinstitute. Er ist der größte Freund und Förderer der russisch-orthodoxen Kirche in Cannes und wird die einzigartigen Ikonen aus seiner Sammlung einmal der Kirche übergeben, die er schon mit großen Geldsummen unterstützt hat. Bilunow lebt in Frankreich und regelt seine Geschäfte von dort aus. Alimzhan Tochtachunow lebt ebenfalls in Paris. Er berichtet von seiner Zeit in Israel - viele "Diebe im Gesetz" konnten vor einigen Jahren aufgrund einer neuen gesetzlichen Regelung (für Russen) einen israelischen Pass beantragen - für viele von ihnen eine willkommene Gelegenheit, um einfacher in die EU einreisen zu können. Witali Djomotschka dreht heute Filme über die russische Mafia. Eine Serie - für den fernen Osten Russlands produziert - zeigt sein Leben in den harten 90er Jahren. Er spielt sich selbst und die Kampfszenen sind alle echt: Ehemalige Schuldner konnten sich vor der Kamera vermöbeln lassen, um ihre Schulden abzubauen.
Und dann ist da noch Edik, ein Verbindungsmann, der die Geschäfte im fernen Ussurijsk regelt. Er kümmert sich um alles - sogar um die Grabsteine für die "Diebe im Gesetz", die ihre Tätigkeit mit dem Leben bezahlen mussten.
Der Film gewährt faszinierende Einblicke in die Zusammenhänge, die Organisation und die Strukturen, die in der russischen Mafia vorherrschen. Grundprinzipien werden erläutert, die Rolle der Ehre, die Versammlungen, die Hierarchien, die Funktionen der Mafia (z.B. als "Hirte der Herde" in den Gefängnissen). Die zeitgeschichtlichen Umwälzungen hatten einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Mafia. Diese Zusammenhänge werden hier sehr klar.
Wie sieht sich die Mafia heute selbst in Russland? "Es gibt heute keine Kriminalität in Russland. Es ist alles in Ordnung", fasst Alimzhan Tochtachunow die Situation zusammen. Davon, wie es in der de facto "allenfalls gelenkten Demokratie" Russland tatsächlich aussieht, kann man sich hier ein Bild machen.
Unbedingt ansehen!