Ich kann die Begeisterung für dieses hochgelobte Buch nur bedingt teilen. Scheint wohl an einer ausführlichen Lektüre des Werks von Ken Wilber zu liegen. Ich bitte daher um Verzeihung, wenn ich in der folgenden Kritik v.a. auf seine Beiträge verweise.
Zu Hawkins Theorie: Hawkins folgt dem "neuen Paradigma" (in Abgrenzung zum "Newton'schen-kartesianischen" Weltbild), sprich: einem naturwissenschaftlich gestützten Weltbild eines unendlich - via Quantenvakuum, Holofeld, Attraktorfeldern und nicht-linearen (synchronen) Prozessen - miteinander vernetzten Universums. Das individuelle Bewusstsein ist demgemäß eine Ausprägung dieses kosmischen "'Supercomputers'" und hat daher theoretisch die Möglichkeit, an diesem unermesslichen "Informationsfeld" teilzuhaben. So weit so gut.
Hawkins hat die kinesiologische Muskeltest-Methode dahingehend weiterentwickelt, dass eine Möglichkeit dazu bieten soll;' demgemäss trägt jeder Mensch in seinem Körper das Wissen des Universums. Bei der Anwendung dieser Methode müssten nur einige Kriterien eingehalten werden (z.B. die richtige Fragestellung, keine Metallgegenstände in der Nähe des Gefragten, uneigennützige Motive des Fragestellers, beide müssten ein Bewusstseinsniveau von mindestens 200 Punkten haben etc.) und schon kann das "Frage-Antwort-Spiel" nach dem "Ja-Nein"-Prinzip losgehen - echt aufregend. Mir kommt hierbei der Gedanke an eine "Orakelbefragung", nur dass in diesem Fall die Zukunft nicht vorausgesagt werden kann, wenn man beachtet, dass das Ausfaltungspotenzial des Multiversums in quasi unendlich vielen Strängen weiterverlaufen kann.
Nach einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der im Buch dargelegten Theorie, komme ich zu einer Vielzahl von Kritikpunkten:
1) Zur kinesiologischen Muskeltest-Methode: So weit ich es in Erfahrung bringen konnte, ist die Methode gar nicht so wissenschaftlich, wie Hawkins es gerne in seinen Berichten darstellt. Zum einen bestehen auf Seite des Testers als auch des Getesteten zahlreiche Fälschungsmöglichkeiten, auch intuitiv-unbewusst, was gezieltes "Beweisen" fast unmöglich macht. Zum anderen ermüdet der Testmuskel nach mehreren Vorgängen. Außerdem konnten mehrere wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Ergebnisse solcher Tests häufig rein zufällig waren. (vgl. Wikipedia Sept. 2006: 'kinesiologischer Muskeltest':
- Friedman MH, applied kinesiology - double-blind study, prosthetic dentistry 1981,42:321
- Garrow JS,kinesiology and food allergy, BMJ 1988,296:1573
- Haas M,muscle testing response to provocative vertebral challenge and spinal manipulation: a randomized controlled trial of construct validity, j manip physiol ther 1994,17:141
- Lüdtke R,test-retest-reliability and validity of the kinesiology muscle test,complementar ther med,2001,9:141
- Pothmann R, Evaluation der klinisch angewandten Kinesiologie bei Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten im Kindesalter, Forsch Komplementärmedizin Klass Naturheilk 2001;8:336-344)
Damit soll die kinesiologische Musekeltestmethode verteufelt werden, doch bestehen bezüglich ihrer Aussagefähigkeit, v.a. aber bezüglich ihrer Anwendungsmöglichkeiten das Absolute zu erklären klare Grenzen.
2) Interpretation: Von den Mängeln der Datenerhebung abgesehen, erweisen sich m.E. auch die Sinnzusammenhänge, in die die Daten verknüpft werden, als problematisch. So gibt Hawkins selber zu, dass das Ergebnis zum einen von der Fragestellung des Testers abhängt und zum anderen "wie das Universum diese Frage versteht."
3) Gibt es für alle Fragen klare ja-nein-Antworten, wenn wir behaupten, dass die Muskeltestmethode im Kontext von "richtig-falsch" angewendet wird? Ich wage es zu bezweifeln. Die spirituelle Bewusstseinsentwicklung zeichnet sich ja v.a. dadurch aus, dass sie dialektisch erfolgt. "Ja-Nein"-Standpunkte einer Bewusstseinsebene werden transzendiert ("aufgelöst") und zu einem "Weder-noch" auf der nächsten Bewusstseinsebene, bis auf den tiefsten Seinsebenen (z.B. hier in der Terminologie des Taoismus) die Urpolaritäten des "Yin-Yang" selbst transzendiert werden und alles nur nicht-duales "Tao" ist. D.h. a) muss die FragestellerIn selbst auf einer hohen Bewusstseinsebene sein, um über der getesteten Person mit dem Universum zu kommunizieren, aber b) kann die FragestellerIn niemals den "absoluten Kontext" (ein Widerspruch in sich) direkt erfragen, da dieser Kontext jenseits von relativen Begriffen liegt. Die Ebene, von der aus die Fragen gestellt werden, ist stets begrenzt, da sie zwangsläufig immer noch mental (bestenfalls holistisch, aber nicht spirituell-transmental) ist.
4) Mich wundert, dass Hawkins, der ja sämtliche Erleuchtungszustände erfahren haben soll, eine so "flache" Terminologie wählt. Seine Theorie ist auf dem ersten Blick zwar faszinierend, aber sie ist rein systemwissenschaftlich und wie Wilber sagen würde "blutleer". Spätestens, wenn er intersubjektive Bedeutungen (Religionsinhalte, Werte) als "Attraktorfelder" übersetzt, wird das Ausmaß der Reduktion spürbar. Das einzig Positive, was ich seinen Darstellungen abgewinnen kann ist, dass er die Inhalte des neuen Paradigmas (holografisches Weltbild, implizite/explizite Ordnung, Quantenpotenzial, Attraktoren) in einen kohärenten Zusammenhang bringt. Aber das menschliche Bewusstsein ist nicht NUR ein kleiner "Computer", der an einem "kollektiven Rechner" angeschlossen ist. Wilber würde diese Darstellung als "subtilen Reduktionismus" bezeichnen - sie würde lediglich die Inhalte eines von mindestens vier Realitätsdimensionen ("inter-objektiver Quadrant", unten-rechts) in seiner AQAL-Matrix (All Quadrants All Lines) widerspiegeln. Darüber hinaus wären noch andere Dimensionen zu berücksichtigen, wie "Zustände" (im Gegensatz zu Ebenen), "Typen", "Entwicklungslinien" etc. Auf letzteres werde ich unten nochmal zu sprechen kommen. All diese sehr wichtigen Dimensionen kommen in Hawkins Theorie klar zu kurz.
5) Im Kapitel, in dem Hawkins sich über die Weltreligionen äußert, wird besonders deutlich, dass seine Terminologie gänzlich ungeeignet ist, Religionen als verschiedene Wege zur selben universellen Wahrheit wiederzugeben, wie das ein Huston Smith oder ein Aldous Huxley darstellen könnten. Hawkins kommt zu einer m.E. völlig unzureichend begründeten Zuordnung von verschiedenen Religionsströmungen und Religionsstiftern in seine Punkteskala, indem er den Wahrheitsgehalt des Alten Testaments oder des Korans misst. Hierbei missversteht er m.E., dass "Religionen" (Glaube) nicht per se existieren, sondern stets über die unterschiedlichen Ausprägungen von "Religiosität" ("das Verhältnis des Individuums zu seinem Glauben") zum Ausdruck kommen. Extremismus (z.B. militante jüdische Zeloten oder islamistische Terroristen) finden sich in jeder Religion gleichsam, wie Erleuchtung (z.B. Kabbala oder Sufismus). Thesen wie "Jesus Lehre beruht auf Glauben, Buddhas Lehre beruht auf Handeln" (http://de.spiritualwiki.org/Hawkins/Lehrs%c3%a4tze) erweisen sich in dieser Hinsicht als mehr als oberflächlich.
6) Über Entwicklungsmodelle, wie z.B. Hawkins 1000-Punkte-Skala lässt sich streiten - ich habe damit kein Problem. Interessant fand ich auf dem ersten Blick, dass sich der Kontext seiner Skala sich doch sehr von anderen Bewusstseinsspektren unterschied (wie z.B. Piaget, Wilber, Gebser, Maslow, Loevinger etc.): Hawkins definiert die beiden Enden des Spektrums als "Tod" und "Leben". Im Nachhinein glaube ich, dass dieses Spektrum darauf zurückzuführen ist, dass Hawkins selbst alle Stufen abgeschritten ist - so ist ja allgemein bekannt, dass ihn sein Alkoholismus fast dahingerafft hätte und dass er nach erfolgreicher Überwindung dieser Krise intensive mystische Zustände erfuhr. Demgemäß erscheint mir seine Skala für allgemeine entwicklungspsychologische oder evolutionäre Darstellungen nur begrenzt geeignet, weil sie z.B. nicht adäquat die Bewusstseinsentwicklung vom Vor-Ego (Säugling), Ego bis hin zum Trans-Ego oder vom Tier zum Menschen wiedergeben kann: Der Anfang der Entwicklung beginnt ja nicht mit dem Tod, beim Bestreben Selbstmord auszuüben oder wie Hawkins die unterste Stufe zu klassifizieren pflegt: "Scham". Dennoch behauptet er, dass Skalenwerte unter 200 denen von Tieren entsprechen würden. Ferner will auch nicht der genaue Entwicklungszusammenhang zwischen den Stufen 250 - 500 einleuchten: Ist die Reihenfolge zwischen "Neutralität" (250), "Bereitwilligkeit" (310), "Akzeptanz" (350) und "Vernunft" (400) so eindeutig? Ich meine, ein Mensch kann ja die Fähigkeit zu Abstraktion und Rationalität haben (400) und trotzdem nur bedingt fähig zur Vergebung (350). Sinnvoll wäre es vielleicht von verschiedenen Kontexten der Entwicklung auszugehen (moralisch, kognitiv, kinästhetisch etc., wie das auch in Wilbers integralen Ansatz berücksichtigt wird).
7) Sehr widersprüchlich erweist sich auch Hawkins These, dass sich der Skalenwert eines Menschen "nicht mehr als um 5 Punkte" verändern soll und dass andererseits die Lektüre seines Buches dazu beitragen könne, den Skalenwert anzuheben. Dies erscheint mir in Abgleich zu anderen entwicklungspsychologischen Modellen als nicht einleuchtend. Selbst von Buddha, der nach Hawkins einen Wert von 1000 hat, dürfte anzunehmen sein, dass er in den ersten Jahren vor seiner Erleuchtung nicht diesen Skalenwert aufwies. Niemand wird erleuchtet geboren.
Das waren nur einige Hauptkritikpunkte - sicher finden sich noch mehr.
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