Eine französische Starpianistin mit synästhetischer (bzw. "farbenlauscherischer") Begabung, die auf den Spuren ihres berühmten Ahnen Franz Liszt wandelt, um in den Besitz der sogenannten "Purpurpartitur" (nein, nicht Purpur"lied" und auch nicht Purpur"choral" - das wissen wir jetzt) zu gelangen, bevor die "Dunklen" ihr zuvorkommen und damit die Herrschaft der Welt an sich reißen.
Klingt nach einem interessanten Mischmasch verschiedener Genres mit zusätzlicher Hintergrundinformation zu klassischer Musik - insbesondere zu Franz Liszt.
Ich muss gestehen, dass diese Hintergrundinformationen spätestens ab der Hälfte des Buches das Einzige waren, das mich davon abgehalten hat, das Buch aufzuhören. Leider waren sie - wenn auch hochinteressant - eher spärlich gesät, sodass ich mich durch lange Durststrecken hindurchkämpfen musste, in denen mich die unerträgliche Arroganz der Hauptfigur Sarah d'Albis an den Rand des Aufgebens getrieben hat.
Obwohl Sarahs Aüßeres - besser gesagt, ihre nahezu überirdische Schönheit - mit Sorgfalt und Detailreichtum dargelegt wird, fällt es schwer, sie sich vor Augen zu führen und Nähe zu ihr aufzubauen. Die Gründe dafür sind einerseits ihre (bereits erwähnte) Arroganz, die sie hart an die Grenze der Sympathie treibt ("Sie teilte die Männer grob in zwei Kategorien ein: Machos, die selbstgewiss-lüsterne Blicke auf sie verschossen, und Rotschöpfe, die in Gegenwart einer hinlänglich attraktiven Frau unter motorischen Störungen litten und sich wie Tölpel benahmen."), andererseits die oft benutzte Benennungsvariante "Die D'Albis", die eine gewisse Unpersönlichkeit aufbaut.
Auch den anderen Charakteren mangelt es an Authenzität. Sie definieren sich über Klischees (die "bösen" Russen) und besitzen nichts, was sie zu einer unverwechselbaren Figur macht. Selbst die Sprache ist bei jedem Charakter gleich und lässt sich hinsichtlich ihres Stils auch nicht von der Erzählersprache unterscheiden. Da Ralf Isaus sprachliches Niveau eher weit oben angesiedelt ist, wirkt die spontane wörtliche Rede oft gekünstelt und konstruiert. Die teilweise sehr kreativen Wortneuschöpfungen Isaus lassen sich im Erzähltext gut lesen und sind ebenso abwechslungsreich wie interessant, aber in der wörtlichen Rede der Charaktere leicht überzogen. Besonders Krystian bleibt, wenn man seine Rolle bedenkt, seltsam in die Ferne gerückt und wirkt viel eher wie eine "wandernde Bibliothek", als Sarahs häufig so bezeichnetes Notebook.
Nichtsdestotrotz war die poetische Sprache Isaus ein Nebengrund, das Buch nicht einfach in den Schrank zurück zu stellen, während die Handlung mich doch eher enttäuscht hat. Die "Pilgerreise auf der Spur der Windrose" wirkt lustlos abgehandelt; immer wenn es kompliziert wird zaubert irgendeine Nebenfigur einen völlig zusammenhanglosen Hinweis aus der Tasche oder Sarah vollzieht in ihrer grenzenlosen Genialität irgendwelche kaum nachzuvollziehende Gedankensprünge, bis sie dort ankommt, wo sie hin will.
Alles in allem gebe ich dem Buch zwei Sterne: einen für den wirklich schönen Sprachstil und einen für die ausführliche Recherchenarbeit, die sich Isau gemacht hat.