Es sind gewagte Thesen die Mathias Bröckers in DIE DROGENLÜGE formuliert hat, doch lässt man sich auf das Buch ein, so erkennt man schnell das Bröckers seine Thesen auf fundierte Zahlen und Fakten stützt. Und das sollte im Lage der Drogenprohibitionsanhänger wirklich für ein Umdenken sorgen, denn haben nicht zuletzt die blutigen Drogenkriege in Mexiko und die sich zunehmend aus dem Drogengeschäft finanzierenden Taliban bewiesen, dass selbst verschärfte Drogengesetze in Europa und den USA nichts gegen ein Esaklieren dieser Konflikte ausrichten können. Nicht weil es eben einfach innenpolitische Probleme sind mit denen zwei weit weg von Europa liegende Staaten sind, sondern weil mit jeder Verbotsverschärfung die Profitchancen für die Drogenbarone der südamerikanischen Kartelle und afghanischen Taliban schlicht steigen. Das Geschäft wird für sie damit umso lukrativer und die mexikanische Regierung wie auch die NATO-Truppen in Afghanistan kämpfen umso mehr auf verlorenem Boden.
Denkt man an manche südamerikanische Befreiungsarmeen die nach Erlahmen ihres revolutionären Interesses groß ins zunächst nur als Finanzierungsmöglichkeit gedachten Drogengeschäfts eingestiegen sind, dann erkennt man schnell den destabilisierenden Einfluss von globaler Drogenprohibition auf die betreffenden Staaten. Welche wirtschaftlichen Folgen Drogenverbote haben ist mittlerweile sogar Gegenstand volkswirtschaftlicher Untersuchungen geworden und die Kosten-Nutzen-Rechnung sieht gar nicht gut aus. Die steigenden Aufwände für den Ausbau der Exekutive stehen astronomischen Gewinnspannen der großen Dealer gegenüber, die ihre Verluste durch jede Verschärfung der Gesetze und Maßnahmen einfachst wieder wett machen können. Volkswirtschaftlich würde eine gezielte Aufklärungspolitik auch die durch die steigenden Drogenpreise angeheizte Beschaffungskriminalität weitgehend beseitigen können. Zugleich arbeiten Pharmakonzerne immer wieder daran jene etwa in Cannabinoiden und Opiaten enthaltenen Stoffe künstlich zu reproduzieren, da die einstigen Naturheilmittel ja bekanntlich als verbotene Substanzen klassifiziert werden. Auch ihnen könnte eine (Teil-)Legalisierung einiges an Kosten ersparen und Gewinne einbringen, Träumereien von Fair Trade Hanf miteingeschlossen.
Soviel zu den bestürzenden Facts, die Mathias Bröckers in DIE DROGENLÜGE zusammengefasst hat. Das Buch das von manchen wohl schon aufgrund des verschwörungstheoretisch angehauchten Titels abgelehnt werden dürfte, hätte eine Lektüre jedoch deutlich verdient. Denn vieles von dem was Bröckers anspricht ist nur schwer von der Hand zu weisen, auch wenn einem die Aufmachung nicht immer gefallen muss.
Natürlich das Buch hat so seine Macken. Bröckers verfolgt etwa sehr anschaulich die Entstehung der globalen Drogenpolitik nach den beiden Opiumkriegen Großbritanniens nach und scheut sich nicht das machtpolitische Kalkül der USA hinter ihrer Forcierung einer Anti-Drogen-Politik offenzulegen, nämlich damit die Briten in Ostasien zu schwächen. Wie es dem amerikanischen Top-Bürokraten Harry Anslinger gelang aus dem zunächst als Rohstoff kaum wegzudenkenden Hanf das Mörderkraut Marihuana zu machen überrascht vielleicht manch europäischen Leser, weil dahinter handfeste rassistische Gedankengänge steckten, doch man muss bedenken dass es diese USA waren die sich erst Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer Aufhebung der Rassendiskriminierung durchringen konnten. Zweifelsfrei sehr anschaulich wäre im Sinne Bröckers "Aufklärungspolitik" gewesen, mehr Parallelen zur Alkoholprohibition der USA zu ziehen, die ja damals auch ein florierendes Geschäft für die Mafia war, die öffentliche Ordnung erschütterte und durch Schwarzgebrannten für immer wieder neue Nachrichten Alkoholtoter sorgte. In Zeiten des Koma-Saufens in deutschen, österreichischen oder schweizer Diskothen ist ein Ruf nach Alkoholprohibition jedoch nicht zu vernehmen. Man akzeptiert im Grunde dass jeder für seinen legalen Drogenkonsum selbst verantwortlich ist und nimmt auch die geringe Todesquote junger Männer und Frauen in Kauf, die es damit übertrieben haben. Der Vorteil ist jedoch, diese Drogen sind reglementiert, der Staat verdient durch Steuern an ihnen, die lokalen Brauereien und dergleichen schaffen Arbeitsplätze und die gesamte Gesellschaft zieht ihren Nutzen daraus, auch wenn einzelne sich dem Suff hingegeben haben, außerdem ist die Gefahr durch Schwarzbrennereien an allzu gesundheitsschädliche Getränke zu kommen gebannt, wer jedoch trotzdem gerne selber brennt tut dies unter Rücksichtnahme auf die eigene Gesundheit.
Problematisch erweist sich für Bröckers Buch dass er zeitweise einfach den roten Faden verliert. Der geschichtliche Exkurs wird etwa schnell beendet. Dabei gäbe es hier doch soviel mehr zu erzählen. Auch schwankt Bröckers zeitweise zwischen dem Beispiel USA und Deutschland. Was wohl an seinen Quellen liegen mag, denn Bröckers stützt sich stark auf Jack Herer und einige Seiten stammen sogar direkt vom amerikanischen "Enthüllungsjournalisten" Daniel Hopsicker über das Thema der US-gesponserten Drogendeals südamerikanischer Contras. Von hier mag wohl auch so mancher Vorwurf rühren, DIE DROGENLÜGE wäre ein verschwörungstheoretisches Machwerk, aber Westend ist nicht der Kopp Verlag. Die CIA, ob man es nun akzeptiert oder aus welch irrationalen Gründen immer auch verdrängt, hat das Drogengeschäft stets genutzt um etwa US-affinen Rebellen überall auf der Welt unter die Arme zu greifen. Diese Politik stammt aus dem Kalten Krieg, ist aber wie am Beispiel Afghanistans auch öffentlich verlautbart wurde (die NATO hat offiziell ihre Angriffe auf Drogenplantagen eingestellt weil diese nur den Bauern aber nicht den Drogenbaronen schaden, man sie so also weiterhin den Taliban in die Arme getrieben hätte) immer noch Teil der US-Außenpolitik.
Kritisch sehen kann man allerdings Bröckers übermäßigen USA-Bezug, auch wenn er gegen Ende wieder nach Deutschland zurückschwenkt. Die Iran-Contra-Affäre ist jedenfalls beinahe omnipräsent und soll als Beispiel par excellence dienen. Dass Bröckers auch das Goldene Dreieck und den Vietnamkrieg als Beispiele für die schizophrene Drogenpolitik der USA nennt lässt einen zwar erwarten dass er auch darauf eingeht, aber er tut es nicht. Was schade ist, denn wie bei so vielen anderen geschichtlichen und thematischen Exkursen wird auch dieser nicht zu Ende geführt. Ebenso unvollkommen ist Bröckers Bezug zu den beiden Modellen für europäische Drogenentkriminalisierung Portugal und die Niederlande. Im Großen und Ganzen zwar eine anregende Lektüre, doch viel zu vieles bleibt auf Anmerkungen beschränkt und über allem dominiert das Beispiel USA. Man hätte mehr draus und das Werks o auch weniger angreifbar machen können. Am Ende weiß man zwar dass Bröckers sich vor allem anderen für eine Legalisierung von Hanf einsetzt, zugleich ist in seiner Argumentation aber auch alles andere eingeschlossen. Der Eintritt für eine solche pauschale Legalisierung muss jedoch auf vehementen Widerstand stoßen, zumal sich Bröckers "aufklärerisch" nur mit Hanf auseinandergesetzt hat, das neuesten Studien zufolge durchwegs gesünder als Nikotin oder Alkohol ist und als Nutz- wie Heilpflanze beachtliches Potential verspricht.
Fazit:
Durchaus seriöser als der verschwörungstheoretisch anmutende Titel vermuten lässt. In der Argumentation jedoch manchmal relativ sprunghaft und weitgehend auf das Beispiel USA fixiert. Auf Deutschland und Europa kommt Bröckers erst gegen Ende zu sprechen. Dennoch sind die vorgebrachten Argumente rational und logisch nachvollziehbar und das ist der große Mehrwert des Buchs.