Beim Verfassen dieser Rezension fühlte ich mich unentwegt an die Geschichte des letzten X-Men-Streifens erinnert: "Der letzte Widerstand", allerdings mit dem verschwindend geringen Unterschied, dass vorliegend keine allgewaltigen Mutanten ihre Muskelberge spielen lassen, sondern drei alte müde Soldaten, die die 60 bereits lange hinter sich gelassen haben. Aber entschuldigt, ich greife vor, denn wie jede gute Geschichte hat auch diese einen wesentlich komplexeren Hintergrund:
Tausende von Jahren ist es her, dass die Völkerschaften der Dämonen nach einer gewaltigen Entscheidungsschlacht durch ein schier allmächtiges Zauberritual in die trostlose und höllische Dimension der "Leere" verbannt wurden. Einer Prophezeihung zufolge kann der Fluch allein mit dem rituellen Opfertod von drei Königen aufgehoben werden. Diese uralte Geschichte bewegt die drei alten Recken Nogusta, Kebra und Bison wenig. Nachdem sie ihr Leben lang zum Ruhme Drenais ihre Knochen hingehalten haben, werden die alten Veteranen aus der Armee entlassen. Es könnte eine Zeit der wenig ersehnten Ruhe werden, wenn nicht der Anharat, der König der Dämonen, kurt davor stände, sich und sein Volk von den Ketten des Fluchs zu befreien. Zwei Könige haben bereits ihr Leben gelassen, allein das Leben des ungeborenen Sohnes des Königs der Drenai ist der noch fehlende Schlüssel. Doch zwischen der Freiheit der Dämonen und dem Leben des Kindes und seiner schwangeren Mutter stehen drei alte Recken: Der letzte Widerstand der Drenai.
Im Laufe der Drenai-Saga wurden schon oft mächtige Dämonen beschworen, sei es Anharat oder auch der zeugungskräftige Shemak, dem die Drenai einen alltäglichen höchst plastischen Fluch zu verdanken haben. ;-) "Winter Warriors" als der zeitlich vorletzte Band der Drenai-Saga füllt die Wissenslücke um die Existenz und Geschichte der Dämonen aus. David Gemmell war schon immer eine Meister darin, seine Charaktere vielschichtig anzulegen und der Bedeutung des Wortes "gut" und "böse" ganz neue Nuancen abzugewinnen. Doch nimmt er sich vorliegend keines ambivalenten Schurken an, sondern Dämonen, die Menschen als Nahrung betrachten, sie zum Vergnügen grausam abschlachten und ihnen ohne mit der Wimper zu zucken, die Haut abziehen. Wie er es vermocht hat, selbst bei den in jeder Hinsicht dämonischen Dämonen eine lichte mehrdimensionale Seite anklingen zu lassen, ist für mich eine seiner größten Meisterleistungen, die mich in ihrer Konsequenz schier von den Füßen gefegt hat. Eingebettet ist diese grandiose Geschichte in dem Epos um die legendären Drenai, das auch nach neun Werken und hunderten von vergangenen Jahren nichts an Glanz verloren hat. Sie mag wie ihre Helden alt und grau geworden sein - aber noch immer erfüllt von magischer Ausstrahlung und düsterer Epik. Mir ist jedenfalls noch kein Werk untergekomen, dass sechzigjährige Helden tiefgründig und glaubhaft in den Mittelpunkt eines epischen Konflikt stellt und sich dabei noch so verblüffend sensibel und eindringlich an der Geschichte der drei alten Recken manifestiert: Ihre lange gemeinsame Freundschaft, die Folgen des unausweichlich Altwerdens, die verlorenen Träume und Illusionen, die bleierne Müdigkeit in den Knochen und die Ängste vor der ungewissen Zukunft: Nogusta, der schwarze geheimnisvolle Schwertmeister, der das Leben liebt und es doch seit Jahrzehnten genommen hat, Bison, der behaarte ebenso hässliche wie dumpfe Gigant, dem außer seinem Magen und seinem besten Stück scheinbar nichts wichtig ist und Kebra, der unfehlbare Bogenschütze, dessen Familiengeschichte wie auch Augenlicht von tragischer Natur sind. Sie kämpfen, sie schwitzen, sie bluten, sie leiden und haben doch nicht den Hauch einer Siegeschance...aber Halt!... bei Gemmel besteht immer der Hauch einer Siegeschance, solange nur der Held sich und seinen Überzeugungen treu bleibt - aussichtslos bleibt allein der Leser, der angesichts der atemberaubenden Spannung und der ausgefeilten Geschichte nie die Chance bekommt, das einmal angefangene Buch wieder aus der Hand zu legen.
Fazit:
Dämonen und Leser seht Euch vor: The Winter Warrios are coming. Spannend, dramatisch, episch. Eben ein Gemmell.