Für alle, denen die Handlung gerade "nicht ganz präsent" ist: Die "Dreigroschenoper", angeregt von John Gays "Beggar's Opera", spielt im Londoner Unterweltmileu des 18. Jahrhunderts. Nach Moritatensängerart vorgetragen werden die Liebesgeschichte zwischen dem Gangster Macheath (Mackie Messer) und Polly, der Tochter seines Konkurrenten; der Verrat der Hure Jenny an ihrem Verflossenem Mackie und dessen Verhaftung, Verurteilung und -- schließlich befindet man sich auf der Bühne und nicht im richtigen Leben -- seine Begnadigung im allerletzten Moment. Der ehrenwerte Bürger wird zum Räuber, der Räuber zum Ehrenmann.
Sowohl Brechts Libretto als auch Weills Musik betreten hier neue Wege: Brechts Sprache bewegt sich traumwandlerisch sicher quer über alle Sprachgrenzen hinweg, Kriminellenjargon und Lutherdeutsch, gutbürgerliche Sprachklischees und Anglizismen, teils ironisch gebrochen, teils bitterernst gemeint, kontrastieren einander. Dem steht Weills Musik um nichts nach: Zitate aus der Schlagermusik und aus dem protestantischen Choral, Moritat, Ballade, Jazz, zeitgenössische Tanzmusik u.a. bilden in seiner Musik einen ganz neuen Stil und, dies ist das Erstaunliche: Die beiden kongenialen Künstler haben ein in sich geschlossenes Kunstwerk geschaffen, in dem alles stimmt, das bis heute keinen Staub angesetzt hat und dessen Einfluss in Musik und Literatur noch immer quicklebendig ist.
Diese Einspielung der Songs stammt von 1930, teilweise mit der Originalbesetzung der Erstaufführung; allerdings singt Lenja zwei Partien, die von Jenny und von Polly. Die Aufnahme selber dürfte zu den gelungensten überhaupt gehören; schon die Besetzungsliste lässt einen mit der Zunge schnalzen: Kurt Gerron, Erika Helmke, Erich Ponto und Lotte Lenja, um nur einige zu nennen. Die Aufnahmequalität ist beachtlich, nicht nur wenn man das Alter der Originalbänder bedenkt. Gerrons virtuose Interpretation des Mackie bewirkt, dass man diesen Gaunerkönig leibhaftig vor Augen hat, in der ganzen Bandbreite seines Charakters; und wie Lotte Lenja die Jenny und die Polly singt -- unfassbar! Wenn nur nicht das Klischee von der "heiligen Hure" so abgelutscht wäre... Jeder Song wird, in bester Episches-Theater-Tradition, durch einen kurzen Kommentar eingeleitet; diese Einleitungen spricht durchweg Kurt Gerron mit dem ironischen Gestus eines kaltschnäuzigen Chronisten. Die gesamte Aufnahme klingt dermaßen lebhaft, frisch und unverbraucht, dass man kaum glauben mag, eine Studio-Aufnahme zu hören.
Schon allein die Dreigroschenoper-Songs wären den Kauf wert, aber was diese CD noch quasi als Zugabe mitliefert, ist mehr als nur Zugabe: Neben zwei Songs aus "Mahagonny" (interpretiert von Lotte Lenja bzw. Theo Mackeben) bekommt man noch einen repräsentativen Querschnitt durch die quirlige Berliner Kabarett-Szene von 1930 auf die Ohren: Rudolf Nelson und Marlene Dietrich, Friedrich Holländer, Kurt Gerron mit einer Kuddel-Daddeldu-Nummer, und schließlich noch vier französische "Dreigroschen"-Songs, ebenfalls von 1930. Und dann gibt's gewissermaßen noch einen zweiten Vorhang, nämlich fünf weitere Zugaben als Erweiterung der (sonst identischen) Teldec-CD von 1990. Deren umfangreiches Beiheft mit viel Hintergrundinformation und zeitgenössischem Bildmaterial ist wieder dabei, und dieser zweite Vorhang ist bestimmt nicht zu verachten: Bert Brecht singt ("singen" im weitesten Sinne und herrlich schräg) seine eigenen berühmten Versionen vom "Mackie Messer" und von der "Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens", und Carola Nehers "Barbara Song" und "Seeräuberjenny" (von 1931, ziemlich verrauscht und dennoch hörenswert) sind ebenfalls an Bord.
Die Moral von der Geschicht: Dieser Haifisch braucht immer noch keinen Zahnersatz.