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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Illusionäre Welt,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die Donnerstagswitwen (Gebundene Ausgabe)
Altos de la Cascade, 50 Km vor Buenos Aires, ist eine Welt für sich. Eine Welt der oberen Mittelschlicht, der selbsternannten Elite. Eingezäunt, mit Golfplatz und Tennisanlage versehen, leben hier Menschen, die es sich leisten können (oder aber, wie sich herausstellen wird, einmal leisten konnten).Vier Ehepaare stehen im Mittelpunkt des neuen Romans von Claudia Pineiro, Ehepaare, denen der schöne Schein voreinander, aber auch vor sich selbst, über alles geht. Tatsächlich über alles, wie sich herausstellen wird. Jeden Donnerstag verbringen die männlichen Teile der Ehepaare ihren Herrenabend bei ausgesuchten Alkoholika und Kartenspiel im Hause Tanos, der dominanten Figur unter den Bewohnern. Die vier Frauen sind gehalten, die Donnerstage untereinander zu verbringen und nicht zu stören, als Donnerstagswitwen eben. Vordergründig kreisen die Gedanken um den bestmöglichen Schutz vor den Armen vor den Toren des eingezäunten Wohngebietes (wäre eine Mauer nicht besser als der Zaun und der Wachschutz?), um die Qualität der Bediensteten, um die Einrichtung und Größe des eigenen Hauses und, so vorhanden, um die Sorge über das Wohlverhalten der Kinder. Aber all dies kratzt nur die Oberfläche dessen an, was sich wirklich in den Personen und hinter den verschlossenen Türen abspielt. Untreue, Arbeitslosigkeit durch die Wirtschaftsflaute, häusliche Gewalt, das innere und äußere Entgleiten der illusionären, selbstgeschaffenen Welt ist es, das Claudia Pineiro in den Mittelpunkt ihrer, in exzellenter sprachlicher Qualität, erzählten Geschichte stellt. Eine Geschichte, die sie fast in Thriller-Manier mit einem Paukenschlag beginnen lässt. Drei der vier Männer werden tot im Swimming Pool Tanos gefunden. Was zunächst wie ein Fall für die Mordkommission wirkt, entpuppt sich in der gewählten Erzählweise Pineiros als eine tiefreichende Entlarvung einer Welt, die dem der schöne Schein absoluten Vorrang vor dem wirklichen Sein einnimmt. Nach der Schilderung der Todesfälle erzählt das Buch in einer Rückblende über die Jahre vor den Todesfällen im Pool die Entwicklung der acht Hauptpersonen und ihres Umfeldes und hebt unnachgiebig die Masken von dem Anschein des wunderbaren Lebens der Protagonisten ab. Mit wechselnder Perspektive verzahnen sich so die Lebensgeschichten und inneren Haltungen der Ehen und Familien und legen sich die Grundzüge des Dramas schonungslos vor die Augen des Lesers. Durch die konsequente Verweigerung der Realität nehmen die Ereignisse ihren folgerichtigen, zerstörerischen Gang bis zur Eskalation, in der das Ende des Buches mit dem Anfang wieder zusammengebunden wird. Claudia Pineiro ist ein hervorragendes Sitten- und Lebensgemälde einer Gesellschaft gelungen, das in bester sprachlicher Form den schönen Schein entzaubert und die innere Armut und Verzweiflung dieser Welt minutiös in den Raum treten lässt. Eine Verweigerung, im Leben Substanz zu finden, die in den matt wirkenden Versuchen gerade der Frauen, ihrem Leben einen sinnvollen Inhalt zu geben, fast schmerzlich kulminiert. Trotz mancher Längen und teils zu langatmiger Beschreibungen der Lebensumstände einzelner Protagonisten ein empfehlenswertes Buch, in dem die Oberflächlichkeit vieler Ebenen des gegenwärtigen Lebens klar zu Tage tritt. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Eine dekadente Scheinwelt zerbricht,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die Donnerstagswitwen (Gebundene Ausgabe)
Fünfzig Kilometer vor den Stadttoren von Buenos Aires lebt hinter hohen Sicherheitszäunen eine kleine elitäre Gemeinschaft. "Sie wollten lieber eine Mauer, das hält nicht bloß fremde Menschen fern, man ist auch von außen nicht mehr zu sehen. Und wir brauchen auch nicht mehr zu sehen, was draußen los ist." Im Altos de la Cascada Country Club dreht sich in der flirrenden Sommerhitze alles um Geld, Luxus, die Driving Ranch des örtlichen Golfplatzes, das nächste Tennis-Match und diverse Freizeitbeschäftigungen von gelangweilten Ehefrauen der Topverdiener. Doch unter der schönen Oberfläche schwelen Konflikte, die auch vor den Siedlungszäunen nicht halt machen: Untreue, Alkoholsucht und Ehezwist. Zudem bekommt selbst die privilegierte Gated Community die Auswirkungen der Wirtschaftskrise mit aller Wucht zu spüren. Doch anstatt die Ärmel hochzukrempeln, gehen drei Familienväter einen eigenwilligen Weg, um ihren Lieben den hohen Lebensstandard zu sichern. Ihre Leichen werden am Grund des Swimmingpools gefunden.Claudia Pineiro zieht den Leser bereits im ersten Kapitel ihres neuen Romans mit einem ungeklärten Dreifachmord in ihren Bann. Doch statt das Verbrechen mit einem Kommissar kriminalistisch aufzudröseln entwickelt sie die Geschichte der betroffenen Familien der Luxus-Enklave aus unterschiedliche Perspektiven und von anfang an. Mußte ich mir zunächst noch Notitzen machen, wer zu wem gehört und mit wem Tennis, Golf o.ä. spielt, so werden die Verwandschaftsverhältnisse mit der Zeit klarer. Auf die Lösung des Auftaktverbrechens muß der geneigte Leser bis zum Schluß warten. Was die Autorin auszeichnet? Sie besitzt die Sprache, um ihren Figuren in den Alltag zu folgen, ihre Wünsche greifbar aufscheinen, aus ihrem Scheitern das Verbrechen wachsen zu lassen. Ähnlich wie bei Patricia Highsmith entsteht das Verbrechen aus dem normalen Alltag. "Es hätte alles gut gehen können, mit ihnen da draußen fünfzig Kilometer vor Buenos Aires. Die Geschäfte florierten. Die Grundstückspreise schossen in die Höhe. Die Ehen hatten Bestand. Selbst mit dem ein oder anderen Makel des gelegentlichen Seitensprungs behaftet; im schlimmsten Fall, wenn es herauskam, musste einer der Beteiligten halt aus der Siedlung wegziehen. Eine Idylle. Nur das Feuerwerk der Gemeinschaft macht gelegentlich Arbeit." Doch leider macht die Wirtschaftskrise auch vor den Toren von Buenos Aires nicht Halt. Nach dem "algorithmischen Orgasmus" der 90er, in denen Hausbesitzer sich einen Spaß daraus machten, um wie viel teurer sie ihr Haus verkaufen könnten, müssen plötzlich viele um ihr Hab und Gut bangen. Nichts ist für die Gesellschaft hinter den Mauern schlimmer, als ihr Ansehen zu verlieren. Definieren sich die Charaktere der "Donnerstagswitwen" doch über das, was sie haben und nicht über das, was sie sind. Es muss also ein Plan her, wie man schleunigst zu Geld kommt, um die Krise zu überleben und das Gesicht zu wahren. Drogen? Lässt sich mit Drogen nicht auf die Schnelle Geld verdienen? "Alles Elend nimmt seinen Weg über die Brieftasche." notiert sich Virginia in ihrem roten Notitzbuch und soll damit recht behalten. Natürlich will niemand ein Rassist sein, aber es existiert da so eine ungeschriebene Regel, dass das Fremde möglichst die 10 Prozentmarke nicht überschreiten sollte. "Und gibt es hier ein Auswahlkomitee? Sollte es wenigstens. Ich meine, nicht bloß wegen der Juden. Ich mag ja niemanden ausschließen, also so grundsätzlich, aber es wäre schon gut, wenn man sich die Leute ein bisschen aussuchen könnte." Dieser 2005 mit dem Premio Clarín ausgezeichnete, bisher umfangreichste Roman ist zugleich mein dritter von Claudia Pnieiro nach Ganz die Deine und Elena weiss Bescheid. Haben mir die beiden Vorgänger thematisch zwar besser gefallen, so ist ihr doch auch mit den "Donnerstagswitwen" wieder ein literarisch anspruchsvoller, intelligenter und sozialkritischer Spannungsroman gelungen. Wie schon in ihren beiden ersten Romanen zeigt sie auf, wie gesellschaftliche Verhaltensmuster die Menschen prägen und sie so zu bestimmten Handlungen zwingen. Gekonnt spielt sie bei der Erzählung ihrer Geschichten mit den Mitteln des Kriminalromans. Doch ihre Bücher als reine Krimis zu bezeichnen, würde der vielfach talentierten Betriebswirtin, Journalistin, Drehbuchautorin, Kinder- und Jugendbuchautorin nicht gerecht werden. Gelungen ist ihr erneut ein souverän erzählter Spannungsroman vom Zerbrechen einer Scheinwelt in Zeiten der Wirtschaftskrise auf hohem sprachlichen Niveau. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Weine nicht, A.,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die Donnerstagswitwen (Gebundene Ausgabe)
1. Der Schauplatz: Eine reiche Ghettosiedlung am Rande der Großstadt Buenos Aires, von Mauern und Securitydienst geschützt. Juden und Farbige darf es nur nach einer von einem Auswahlkomitee" festgelegten Prozentregel" geben.2. Der Aufbau: Die Geschichte ist eine Rahmenerzählung: Die drei toten Männer am Anfang, die Beerdigung und die Entdeckung der Todesursache am Ende bilden den Rahmen und machen die Erzählung zu einem Krimi und bestätigen den Satz , der zunächst unverstanden bleiben musste: Dieser Tano Scalia gehörte zu den Leuten, die alles erreichen, was sie sich im Leben vornehmen. Auch über ihr Leben hinaus." Zum Rahmen gehört die Vater-Sohnbeziehung im Hause Guevara: Die zunehmende Entfremdung des Anfangs wandelt sich in Versöhnung am Ende. Der mit Misstrauen verfolgte, aus dem Rahmen der Regeln ausbrechende Sohn erzwingt am Ende mit Hilfe seiner outcast-Freundin Ramona den Durchbruch durch allen Schein und alle Lüge zur auch seine Eltern befreienden Wahrheit. 3. Der Titel: Die Donnerstagswitwen" sind Frauen, deren Männer sich jeden Donnerstag zu Spiel und Alkohol treffen. Ein zunächst harmloser Titel, der am Ende fürchterlich bestätigt werden wird. Wie dieser Titel ist die ganze Geschichte, die von Kapitel zu Kapitel fesselnder und schockierender wird, doppelbödig. Eine glänzende Fassade wird als Schein entlarvt. 4. Unsichtbare Zäune, nicht nur elektrische gegen streunende Hunde, Disziplinarausschüsse und Aufsichtskomitees -es gibt nur Regelverstöße, Verbrechen begehen nur die farbigen Angestellten- sorgen für Ordnung. Die Natur ist gezähmt und dressiert, das Grün der Gärten muß sich von dem des Golfplatzes unterscheiden, wohlüberlegt ist die Bepflanzung mit Büschen und Hecken. Es gibt keine welkenden oder kränkelnden Pflanzen, keine Schnecken oder Ameisen. Teresa sinkt mit ihren Stilettos bis zur Bewegungsunfähigkeit tief in den Rasen ein, ein kräftiges Symbol für die abgrundtiefe Doppelbödigkeit der Geschichte. Die Schönheit des Idylls wird entlarvt, statt Sicherheit wird Angst das beherrschende Motiv werden. 5. Kein Securitysystem kann vor der Angst schützen. Angst vor Versagen, vor Verlust des Arbeitsplatzes, vor wirtschaftlicher Not und damit vor Verlust der gesellschaftlichen Reputation. Angst, die innere Mauer, zwingt zu Lüge und Schein: Ehen, die längst keine mehr sind, Reichtum, der verschwunden ist, Konkurse und Zusammenbrüche nach der Wirtschaftskrise. Der längst Entlassene fährt zum Schein täglich in seine ehemalige Firma, ein anderer maßt sich akademische Titel an, um seine Geschäfte zu befördern. Angst vor Überfremdung führt zu kaum verhohlenem Rassismus. Das krause, schwarzglänzende Haar eines Adoptivkindes verheißt nichts Gutes. Der Mann, der seine Frau in Rausch und Zorn fast erschlägt, gehört weiterhin zum innersten Freundeszirkel, der Sohn, der einmal eine Haschischzigarette geraucht hat, wird von einem Disziplinarausschuß der Bewohner als Risikokind" in Listen vermerkt. Eine Art Scharia regelt das Leben, die staatlichen Rechtsbehörden" kommen hier kaum je zum Zuge" (235). Eine säkularisierte Trivialgesellschaft -kaum einer kann bei der Dreifachbeerdigung das Vaterunser- ohne geistige Interessen -die Bücher der Bibliothek eines Protagonisten sind leere Hüllen mit Lederrücken- . Besitz definiert das Sein. Ohne Geld ist das Leben nicht mehr lebenswert. 6. Der Personenkreis ist überschaubar. Die Abfolge der Kapitel dreht sich karusellartig im Kreis der bekannten Familien. Kaum merklich schreitet die Zeit fort, ablesbar nur am Alter der Kinder. Drei Erzählhaltung lösen einander ab. Daß eine der Hauptfiguren -Virginia- in der Ich-Form erzählt, kann durchgehen. Aber wer ist Wir"? Die Autorin versucht auf S. 315 eine Erklärung, die nicht überzeugen will. Der auktoriale Erzähler im Wechsel mit der Ich-Erzählerin hätte genügt. 7. Eine Erzählung über eine abstoßende Gesellschaft, die es nicht nur hinter argentinishen Ghettomauern gibt, die am Ende zu einem überraschenden, versöhnlichen Schluß führt. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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