1. Der Schauplatz: Eine reiche Ghettosiedlung am Rande der Großstadt Buenos Aires, von Mauern und Securitydienst geschützt. Juden und Farbige darf es nur nach einer von einem Auswahlkomitee" festgelegten Prozentregel" geben.
2. Der Aufbau: Die Geschichte ist eine Rahmenerzählung: Die drei toten Männer am Anfang, die Beerdigung und die Entdeckung der Todesursache am Ende bilden den Rahmen und machen die Erzählung zu einem Krimi und bestätigen den Satz , der zunächst unverstanden bleiben musste: Dieser Tano Scalia gehörte zu den Leuten, die alles erreichen, was sie sich im Leben vornehmen. Auch über ihr Leben hinaus." Zum Rahmen gehört die Vater-Sohnbeziehung im Hause Guevara: Die zunehmende Entfremdung des Anfangs wandelt sich in Versöhnung am Ende. Der mit Misstrauen verfolgte, aus dem Rahmen der Regeln ausbrechende Sohn erzwingt am Ende mit Hilfe seiner outcast-Freundin Ramona den Durchbruch durch allen Schein und alle Lüge zur auch seine Eltern befreienden Wahrheit.
3. Der Titel: Die Donnerstagswitwen" sind Frauen, deren Männer sich jeden Donnerstag zu Spiel und Alkohol treffen. Ein zunächst harmloser Titel, der am Ende fürchterlich bestätigt werden wird. Wie dieser Titel ist die ganze Geschichte, die von Kapitel zu Kapitel fesselnder und schockierender wird, doppelbödig. Eine glänzende Fassade wird als Schein entlarvt.
4. Unsichtbare Zäune, nicht nur elektrische gegen streunende Hunde, Disziplinarausschüsse und Aufsichtskomitees -es gibt nur Regelverstöße, Verbrechen begehen nur die farbigen Angestellten- sorgen für Ordnung. Die Natur ist gezähmt und dressiert, das Grün der Gärten muß sich von dem des Golfplatzes unterscheiden, wohlüberlegt ist die Bepflanzung mit Büschen und Hecken. Es gibt keine welkenden oder kränkelnden Pflanzen, keine Schnecken oder Ameisen. Teresa sinkt mit ihren Stilettos bis zur Bewegungsunfähigkeit tief in den Rasen ein, ein kräftiges Symbol für die abgrundtiefe Doppelbödigkeit der Geschichte. Die Schönheit des Idylls wird entlarvt, statt Sicherheit wird Angst das beherrschende Motiv werden.
5. Kein Securitysystem kann vor der Angst schützen. Angst vor Versagen, vor Verlust des Arbeitsplatzes, vor wirtschaftlicher Not und damit vor Verlust der gesellschaftlichen Reputation. Angst, die innere Mauer, zwingt zu Lüge und Schein: Ehen, die längst keine mehr sind, Reichtum, der verschwunden ist, Konkurse und Zusammenbrüche nach der Wirtschaftskrise. Der längst Entlassene fährt zum Schein täglich in seine ehemalige Firma, ein anderer maßt sich akademische Titel an, um seine Geschäfte zu befördern. Angst vor Überfremdung führt zu kaum verhohlenem Rassismus. Das krause, schwarzglänzende Haar eines Adoptivkindes verheißt nichts Gutes. Der Mann, der seine Frau in Rausch und Zorn fast erschlägt, gehört weiterhin zum innersten Freundeszirkel, der Sohn, der einmal eine Haschischzigarette geraucht hat, wird von einem Disziplinarausschuß der Bewohner als Risikokind" in Listen vermerkt. Eine Art Scharia regelt das Leben, die staatlichen Rechtsbehörden" kommen hier kaum je zum Zuge" (235). Eine säkularisierte Trivialgesellschaft -kaum einer kann bei der Dreifachbeerdigung das Vaterunser- ohne geistige Interessen -die Bücher der Bibliothek eines Protagonisten sind leere Hüllen mit Lederrücken- . Besitz definiert das Sein. Ohne Geld ist das Leben nicht mehr lebenswert.
6. Der Personenkreis ist überschaubar. Die Abfolge der Kapitel dreht sich karusellartig im Kreis der bekannten Familien. Kaum merklich schreitet die Zeit fort, ablesbar nur am Alter der Kinder. Drei Erzählhaltung lösen einander ab. Daß eine der Hauptfiguren -Virginia- in der Ich-Form erzählt, kann durchgehen. Aber wer ist Wir"? Die Autorin versucht auf S. 315 eine Erklärung, die nicht überzeugen will. Der auktoriale Erzähler im Wechsel mit der Ich-Erzählerin hätte genügt.
7. Eine Erzählung über eine abstoßende Gesellschaft, die es nicht nur hinter argentinishen Ghettomauern gibt, die am Ende zu einem überraschenden, versöhnlichen Schluß führt.