Ausgerechnet ein kubanischer Autor versucht, die russische Seele zu ergründen. Mit dem dunkelhäutigen Bárbaro schickt Jesús Díaz einen Haupthelden ins Rennen, der nun wirklich nicht ins sibirische Irkutsk passt. Als Journalist soll sich der Mann aus der Karibik nun in Taiga und Tundra durchschlagen und über den Bau der Baikal-Armur-Magistrale berichten. Der fast 30-jährige Bárbaro sieht den Trip als letzte Chance, endlich mit einer Frau zu schlafen – denn seine Jungfräulichkeit knabbert unentwegt am Selbstvertrauen.
Als der Kubaner am Flughafen Irkutsk in die Augen seiner Dolmetscherin schaut, fürchtet der Leser für einen Moment, dass Díaz nun zu einem schwülstigen Liebesroman ansetzt. Doch die Angst ist unbegründet, denn die Beziehung zwischen der kühlen Sibirierin und dem heißblütigen Bárbaro findet in der realsozialistischen Wirklichkeit statt. Und da darf eine Sowjetbürgerin natürlich nicht der Sinnlichkeit eines Ausländers erliegen und schon gar nicht mit aufs Hotelzimmer. Auf der Straße aber klirrt bei minus 40 Grad der Frost.
Díaz verpackt die Hauptgeschichte in kleine Nebenhandlungen, die das Buch zu einer literarischen Perle machen und sich dem unerklärlichen russischen Wesen nähern. Da gibt es die Bahnhofsvorsteherin Galina, die zum ersten Mal in ihrem Leben einem Ausländer begegnet und nichts weiter als einen Schneemann mit ihm bauen will. Da geißeln sich nackte Männer mit Eukalyptuszweigen in einer Sauna, die selbst einem Kubaner zu heiß ist. Er fühlt sich als Schlappschwanz, weil er draußen fröstelt und in der Banja schwitzt. „Was war das doch für eine verrückte Welt, wo es in den Bädern Dampf und Peitschen statt Wasser und Seife gab!“, wundert sich Bárbaro nicht nur einmal über das Leben der Russen. Und als er auf der Freiluft-Latrine in einem Gefängnis aus Eis sitzt, schreit er hinaus: „Sibirien ist die Hölle!“.
Doch während diese Episoden fast beiläufig verfliegen, ist bereits der Hauch der Katastrophe zu spüren, die Bárbaro und Nadeschda erwartet. Je weiter man liest, desto mehr wünscht man sich, dies sei doch einer der Groschenromane aus dem Bahnhofskiosk, die schließlich immer gut enden. Aber der große kubanische Schriftsteller, der im vorigen Jahr im spanischen Exil starb, enttäuscht diese Hoffnungen. Für Bárbaro und Nadeschda gibt es kein Happyend, ihr Verlangen wird zum Verhängnis.