Dr. Thomas Wieczorek ist zwar gelernter Volkswirt, promovierte aber zu dem politisch-rechtlichen Thema "Die Normalität der politischen Korr*ption. Das Beispiel Leuna/Minol" - übrigens "s*mma cum laude". Seine erstaunliche Laufbahn als Journalist führte durch etliche Topadressen der deutschen Medienlandschaft - bis hin zu ganz unten (damit ist nicht die Auflage gemeint!) rechts. Weder der Vorwurf einseitiger Ausrichtung noch der eines "Dílettanten" lässt sich angesichts dieser Tatsachen halten.
Mancher hätte ohne Mühe solche Informationen nicht nur in der Wikipedia, sondern auch in dem im Buch zu findenden Absatz "Über den Autor" nachlesen können, statt einen seriösen Autor zu beleidigen beziehungsweise solchen Beleidigungen zu applaudieren.
Die politische Aufklärungsschrift "Die Dílettanten" schließt an eine Reihe von Veröffentlichungen des Autors an, in welchen - statt allgemein herumzukriteln - Taten und Täter beim Namen genannt werden, die - zumindest nach Ansicht des Autors - unserem Staat, unserer Wirtschaft und insbesondere unserer Ethik schweren Sch*den zufügen:
Korr*ption und Kompetenz: Betrachtungen zum Funktionieren der deutschen Politik (2003)Das Koch-Buch. Die unglaubliche Karriere des Roland Koch. (2005)Die Stümper: Über die Unfähigkeit unserer Politiker (2005)Schwarzbuch Beamte: Wie der Behördenapparat unser Land ruiniert (2007)Die Profitgeier: Wie unfähige Manager unser Land ruinieren (2008)Die verblödete Republik: Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen (2009)Dem Argument, die oft harten Aussagen müssten durchweg korrekt sein, weil sonst die Veröffentlichung längst gerichtlich gestoppt worden wäre, kann ich weitgehend folgen, möchte aber zwei Zusammenhänge zu bedenken geben:
Zum einen können sich einflussreiche "Netzwerker" des Klüngel unabhängig von Fakten vor Gericht fast immer durchsetzen, wobei von Postbossen bis zu prügelnden Prinzen selbst vor den übelsten Winkelzügen auch im Licht der Öffentlichkeit keineswegs mehr zurückgeschreckt wird: Auch "Recht" ist in erster Linie eine Frage von Geld und Einfluss, auch Staatsanwälte und Richter sind weniger unabhängig als sie es gerne wären.
Andererseits scheuen Privilegierte mit schmutziger Weste das Licht der breiten Öffentlichkeit so sehr, dass sie sich lieber in Büchern oder im Spiegel harte Angriffe gefallen lassen, als auch noch anlässlich eines Prozesses über "Bild" oder "RTL" in die Wohnzimmer der breiten Bevölkerung transportiert zu werden. Oft signalisieren auch die Mächtigen der Wirtschaft, in deren Auftrag die betroffenen Politiker tätig waren, dass sie keinen weiteren Staub aufzuwirbeln wünschen.
"Die Dílettanten" enthält im Kern ein Verzeichnis der aktuell politischen Protagonisten mit besonderer Ausleuchtung der dunklen Flecke auf den jeweiligen Westen. Die rund 80 Aspiranten sind über das etwa 300 Einträge starke Personenregister leicht aufzufinden. Im Inhalt werden die "Personenakten" nach Bereichen aufgeteilt.
Natürlich stellt der Autor auf rund 300 Seiten auch Zusammenhänge her, erklärt Ursachen und Wirkungen und macht sich Gedanken über mögliche Wege, wie man eventuell dem drohenden Kollaps doch noch entkommen könnte.
Keineswegs verurteilt er quasi von einem elitären Podest aus die einzelnen "Dílettanten", sondern erklärt durchaus verständnisvoll ihre Persönlichkeitsdeformationen aus der jeweiligen Rolle heraus. Die Karriere ist ja eben zu Ende, wenn man gegen die Partei agiert, und die Parteien werden nun mal von der Wirtschaft bezahlt.
Die Botschaft ist ebenso eindeutig wie überzeugend: Ohne Kontrolle - wie immer sie aussehen mag - wird der Mensch zum Egomanen, dessen Gier zunehmend keine Grenzen mehr kennt. Das gilt keineswegs nur für Spitzenpolitiker, was auch die peinlichen Überreaktionen mancher Ertappter auf dieses Buch erklärt.
Was dem Autor zur Absicherung dient, kann interessierten Lesern weiterhelfen, wenn sie den Stoff vertiefen möchten: Rund 20 Literaturhinweise und 355 Referenzen entsprechen durchaus den Gepflogenheiten wissenschaftlicher Arbeiten. Dass ein Bestsellerautor seinen Stoff spannender zu präsentieren versteht, sollte uns Lesern mehr als Recht sein.
Letztlich erwartet man von einem Buch nicht nur Informationen und besseres Verständnis der Zusammenhänge, sondern auch Unterhaltung. Allen diesen Ansprüchen wird das Büchlein Wieczoreks in bester Weise gerecht. Man liest es durchaus flüssiger als manchen aktuellen "Thriller", und man kann, wenn man ausreichend Abstand besitzt und andere, vor allem aber sich selbst, nicht allzu ernst nimmt, oft herzlich lachen oder schmunzeln.
Für Menschen mit ausreichendem politischem Interesse, Auffassungsgabe und Offenheit ein höchst interessanter, spannender und unterhaltsamer Lesestoff.
jury 5* A0200 6.1.2011eg