Die Mitte des 19. Jahrhunderts: Es gibt den Krimkrieg, es gibt die Industrialisierung und es gibt auch den Konflikt zwischen der Arbeiterschaft und der britischen Oberschicht. Aber ein paar Details sind anders. Byron ist nicht in Griechenlands Sümpfen gestorben, sondern Premierminister seines Landes. Gemeinsam mit einigen Wissenschaftlern hat er es geschafft, ein Regime der Vernunft im britischen Weltreich zu etablieren.
Und so gelang es Babbage - im Gegensatz zur Wirklichkeit - seine berühmte, mechanische Rechenmaschine wirklich zu vollenden, und so die erste informationsverarbeitende Maschine, den Computer des 19. Jahrhunderts zu schaffen. Und dieser passt natürlich großartig in die rationale Ideologie des Regimes unter Byron, und so wird die Welt immer wissenschaftlicher, immer mehr strebt man die Berechenbarkeit aller Geschehnisse an.
Leider macht der Mensch dieser Ideologie einen Strich durch die Rechnnung. Er hat nach wie vor Ehrgeiz, will Sex, neigt zu Gewalt und noch mehr zu sinnlosen Ideologien. Und so gerät das System immer mehr außer Kontrolle. Es kommt zu einem Aufstand, und es ist nicht klar, ob sich die so schön konstruierte Gesellschaft überhaupt noch halten kann...
Ich persönlich sehe das Werk schon in einer guten Tradition mit den Cyberpunk-Romanen der Gibsons, auch hier ändert die Technik nicht wirklich die Konflikte unter den Menschen, sie werden nur mit anderen Mitteln ausgetragen. Die Autoren erweisen sich wie gewohnt als Technik- und Rationalismus-kritisch und verweisen letztendlich auf die Unveränderlichkeit der menschlichen Natur, die sich dann doch ihren Weg bricht. Schon sehr clever konstruiert, sehr clever auch vor dem Hintergrund eines technikgläubigen 19. Jahrhunderts und sehr clever auch vor dem Hintergrund eines britischen Empires, dass meinte, für die kolonialisierten Völker immer nur das beste zu wollen (White Man's Burden).
Die andere Seite: Manchmal liest sich das schon etwas schwer. Das Werk ist wirklich ambitioniert. Nicht nur von der Aussage, sondern auch vom Setting, von der Komplexität der Handlung und von der Sprache. Das Buch ist nicht immer chronologisch, und die Kapitel fangen mit merkwürdigen Bildbeschreibungen an, die einen nicht immer weiterbringen. Viele Kapitel sind mit dem Begriff "Iteration" beschrieben, und es braucht auch mehrere Iterationen, also Lese-Durchgänge, um wirklich die Rätsel und ihre Lösungen zu erfassen, und selbst dann bleiben einige Fragezeichen zurück.
Haben es die Autoren hier nicht doch etwas übertrieben? Ich meine, man hätte den Lesern es hier doch etwas einfacher machen können. Denn die Vielzahl von gelungenen Anspielungen, neben der Botschaft und der hervorragenden Rechercheleistung in den Biographien der verwendeten, historischen Persönlichkeiten hätte das Buch auch ohne die besonderen Stilblüten getragen.
Im Bereich der Science Fiction, auf jedenfall aber in der Subgattung Steampunk, also der auf dem 19. Jahrhundert aufbauenden Science Fiction, sicher eines der nicht nur lesenswerten, sondern sogar wichtigen Bücher.