Die Inhaltsangabe auf der Rückseite des Buches ist (wie leider all zu häufig) irreführend. Der Herzog erpresst die Familie seiner Schwester, damit Katherine zu ihm in die Stadt geschickt wird. Es ist von vornherein klar, daß sie dort zur Degenfechterin ausgebildet werden soll. Was ihr nur nicht klar war, ist, daß ihr Onkel (der auch 'der irre Herzog' genannt wird) sie in Jungensachen steckt, sie nicht in die Gesellschaft einführt und sie dann erstmal für Wochen vergißt. Ihre einzigen Kontakte sind zunächst ihre Fechtlehrer und die Diener. Von Liebe ist hier kaum die Rede und daß sie darum kämpfen müsse... tja, da muß ich wohl was überlesen haben.
Auch der deutsche Titel trifft nicht den Kern der Sache. Der Originaltitel (Privilege of the Sword) bezieht sich auf ein Konzept des Buches, das den Adeligen erlaubt, ihre Streitigkeiten mit dem Degen auszutragen oder von professionellen Fechtern austragen zu lassen, während alle anderen direkt abgeurteilt werden.
Das Buch ist in einem eigenwilligen Stil geschrieben. Manche Kapitel sind in Ich-Form aus der Sicht Katherines erzählt, andere in dritter Person, wenn es um Dinge geht, die nicht Katherine betreffen, so z.B. die Erlebnisse von Lady Artemisia (Katherines Freundin, die sie allerdings bis zur Mitte des Buches nur einmal getroffen hat), die Geschäfte des irren Herzogs oder anderer Charaktere. Das macht aber einen Teil des Charmes dieses Buches aus, nämlich daß man immer wieder Katherines jugendliche, unwissende Sichtweise erfährt, was teilweise zum Schmunzeln einlädt. (z.B. "Weißt du eigentlich was ein Straßenstrich ist?!" "Natürlich, es muß irgendeine Linie sein, die auf die Straße gemalt ist...")
Die Schreibweise ist sonst locker und sehr eingängig und sehr gut lesbar, besticht mit eindrücklichen Bildern und einer fast poetischen Sprache.
Ein wichtiger Handlungsstrang betrifft das Erwachsenwerden der beiden Mädchen Katherine und Artemisia, die zunächst gleiche Ausgangsbedingungen und Erwartungen haben (beide sind wohlerzogene Töchter, die vom Leben keine Ahnung haben), sich dann aber unterschiedlich entwickeln, da Artemisia in der Gesellschaft nach einem Ehemann sucht und Katherine, zunächst eher unwillig, im Degenfechten unterrichtet wird.
Neben dieser Handlung bekommt aber auch der Herzog einen eigenen Anteil an diesem Buch (hier greift die Autorin die Figuren Richard St. Vier und Alec aus "Swordspoint" wieder auf) und auch anderen kleineren Charakteren wird eine eigene Geschichte gegönnt, was am Schluß dazu führt, daß einiges etwas unfertig wirkt und ein paar lose Fäden bleiben. Natürlich geht es auch immer wieder um Beziehungen zwischen Männern und Frauen (oder Männern und Männer bzw. Frauen und Frauen), aber es gibt keine Liebesgeschichte im engeren Sinne. Erfreulich ist, daß dies alles mit einer natürlichen Lockerheit behandelt wird.
Daß ich etwas Probleme mit der Einordnung des Buches habe, liegt auch an der Szenerie, in der die Geschichte spielt. Es wird zwar als Fantasy verkauft, hat aber sehr starke Anklänge an die Zeit der Musketiere. Auf mich wirkt die Stadt wie eine Mischung aus London, Paris und Venedig. Und so entsteht ein wilder Mix aus französicher, italienischer und englischer Geschichte des 17./18. Jahrhunderts, der seinen ganz eigenen Charm entwickelt.
Trotz oder gerade wegen alledem hat das Buch eine gewisse Leichtigkeit und einen mitreißenden Lesefluß, die es zu einem wirklich guten Schmöker machen, den ich nur weiterempfehlen kann.