Ein sehr spannendes und informatives Buch von Frau Künast, Hajo Schumacher und Mitarbeitern. Gut zu lesen, trotz über 300 Seiten
Pro: es wird alles zum Thema Übergewicht thematisiert, das für die Diskussion relevant erscheint. Das Buch strotzt vor Fakten, Daten und Informationen, ist aber trotzdem locker zu lesen und sprachlich teilweise sehr anschaulich und bildhaft. Temperament und Humor von Frau Künast dringen häufig durch, trotz des bitteren Themas. Man hört sie förmlich sprechen. Sie lässt die Entwicklung zur Übergewichtsepidemie Revue passieren und entwirft zugleich eine Vision für die Zukunft. Man kann nur hoffen, dass der Weg, den sie aufzeichnet, ein gangbarer ist. Was befreiend wirkt: sie beäugt die bedeutendsten derzeit in der Diskussion befindlichen Ernährungspyramiden kritisch und präsentiert selber einen mehr oder weniger gelungenen Entwurf für eine neue Ernährungspyramide.
Contra:
Leider gibt es im Buch so gut wie keine Quellenangaben, was vieles schwer nachvollziehbar macht. Es fehlt auch nicht an Widersprüchen, was bei diesem Thema nicht verwundert. So lässt sie sich von der Kontroverse um den Einfluss der Kohlenhydrate an der Übergewichtsepidemie mitreißen. Es wird auf die glykämische Last als belastend für die Bauchspeicheldrüse hingewiesen mit dem seltsamen Effekt, dass ein Lebensmittel wie Naturreis schlecht, Eis hingegen gut abschneidet. Hinweise solcher Art scheinen wenig praktikabel. Da die Debatte in der Wissenschaft noch nicht ausgefochten ist, sind Vorschläge solcher Art etwas verfrüht. Die von ihr vorgeschlagene Ernährungspyramide (4-dimensional) ist z.T. schwer nachvollziehbar. So befinden sich Milchprodukte auf der gleichen Ebene wie Weißmehlprodukte, Softdrinks und gesättigte Fette und sind rot hinterlegt. Pommes finden sich zwar in der Spitze bei den Kohlenhydraten, sind aber grün hinterlegt. Die Farbenkombination der Pyramide scheint wenig aussagekräftig. Kleinere und unnötige Fehler haben sich eingeschlichen. So lassen einfach ungesättigte Fette das böse HDL-Cholesterin sinken und gutes LDL steigen. Das Gegenteil ist bekanntlich der Fall. Bewegungsarmut wird häufig thematisiert, aber trotzdem kommt es m.E. insgesamt zu kurz. Es geht hauptsächlich um das falsche Essen. Die Diätindustrie wird sich freuen. Bildung spielt eine wichtige Rolle, Frau Künast setzt vor allem auf Information. In der Schule sollen Kinder „theoretisches Wissen über Lebensmittel" erhalten. Ein Nutzen ohne praktische Anwendung erscheint mir zweifelhaft. Realsatirisch wirken Äußerungen wie „Werbung muss ehrlich sagen, was in den angepriesenen Lebensmitteln drin ist". Widersprüche finden sich bei der praktischen Umsetzung. So wird ein Experte zitiert mit der Aussage, dass Therapien bei Kindern und Jugendlichen vermutlich nichts bewirken. Weiter hinten heißt es, es gibt hoffnungsvolle Ansätze (verschiedene Therapieangebote). Die Frage, wer diese hoffnungsvollen Ansätze bezahlen soll, bleibt sie schuldig. Somit bleibt die Frage, ob ein wirklich praktikabler und ökonomisch durchführbarer Weg überhaupt existiert.
Fazit: selbst wenn man über viele Aspekte unterschiedlicher Meinung sein kann, so ist dieses Buch doch in seiner Art erfrischend und überwiegend mit Sachverstand, Herz und visionärer Kompetenz geschrieben. Man kann sich eine Verbreitung des Buches und eine Diskussion darüber nur wünschen.