Sinkende Wahlbeteiligungen und steigende Stimmenanteile für linke und rechte Parteien werden von Medien und etablierten Politikern gern als Politikmüdigkeit/-verdrossenheit interpretiert; verschämt taucht auch schon mal das Wort 'Vertrauensverlust' auf. Schnell ist dieses Lamento jedoch vergessen, man geht zum gewohnten Business-As-Usual über. Warum scheuen Politik- und Meinungsmacher weitgehend tiefer schürfende Analysen? Die Antworten dürften sich in v. Arnims 'Die Deutschlandakte' finden. Zu erschreckend und ungeheuerlich sind die Analyseresultate, zu grundlegend wären die notwendigen Konsequenzen für das 'System', als dass sie von den Verantwortlichen ernsthaft in Erwägung gezogen würden. Mag da auch ein Bundespräsident v. Weizsäcker bereits 1992 den Parteien Aushöhlung der Demokratie, sein Nachfolger Herzog erst kürzlich den Politikern krassen fachlichen Dilettantismus vorgeworfen haben oder Günter Grass 2005 anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes von einer vertanen Chance eines echten demokratischen Neuanfangs in Westdeutschland und von der Bundesregierung als einer Dependance der Börse gesprochen haben - statt einer ernsthaften Auseinandersetzung gab es allenfalls Anfeindungen.
Handelt es sich bei den von v. Arnim angesprochenen Problemen wie Verhinderung der Volkssouveränität, Gefährdung des Gemeinwohls, Erosion der Gewaltenteilung, Staatsverschuldung, Bildungsmisere, Spiel der Energiekonzerne mit dem Strompreis, subversivem Lobbyismus, Selbstbedienung seitens der Politiker, Parteibuchwirtschaft, Korruption (um nur einige Themen des Buches zu nennen) etwa um unvermeidbare, letztlich irrelevante Schönheitsfehler einer jeden Demokratie? V. Arnim zeigt, dass es sich um existenzielle und damit dringend lösungsbedürftige Probleme handelt. Mehr noch, er zeigt verfassungsgemäße, in anderen Ländern praktizierte Möglichkeiten zur Behebung dieser Missstände auf.
Er ist mit seinen Warnungen keineswegs ein einsamer Rufer in der Wüste. Nur 2 Beispiele. In 'Der gekaufte Staat' weisen Kim Otto et.al. nach, "wie Konzernvertreter in deutschen Ministerien sich selbst ihre Gesetze schreiben". Gabor Steingart zeigt in seinem Buch 'Weltkrieg um Wohlstand' nicht nur auf, vor welch noch nie da gewesener Herausforderung Westeuropa durch die Globalisierung steht, sondern auch welche Versäumnisse u.a. deutsche Politiker hinsichtlich der "Strategien der Gegenwehr" aufzuweisen haben und dabei den Verlauf auch noch als naturgegeben und unabänderlich schön reden.
Was passiert mit Gesellschaften, die die Zeichen ihrer Zeit nicht rechtzeitig erkennen wollen nach dem Motto 'so schlimm wird es wohl nicht kommen'. Die Geschichte ist doch voll von solchen Beispielen: Das 'Reich der Mitte' im 19. Jh. vor seinem faktischen Zusammenbruch, an den sich ein Tal der Tränen anschloss (auffallend, wie viele damalige Phänomene den von v. Arnim geschilderten gleichen), Deutschland 1928/29. Man wird aber auch in der Gegenwart fündig: Italien im Jahre 2008 - die Unregierbarkeit hat dort bereits solche Ausmaße angenommen, dass es aufgrund von Parteien-/Bürokratiefilz und Mafia innerhalb von 8 Jahren nicht möglich ist, ein solch praktisches Problem wie die Müllentsorgung Neapels zu lösen. Hilft da der Standpunkt 'Deutschland ist nicht Italien' weiter? Manchmal hat Italien für Deutschland eine Vorreiterrolle gespielt, z.B. 1922 mit Mussolini. 11 Jahre später kam es dann in Deutschland noch viel schlimmer.