Man befürchtet ja immer das Schlimmste, wenn außerhalb Deutschlands lebende Künstler Statements über das Image der Deutschen abgeben. So schlimm ist das aber gar nicht in dem wunderbaren Interview-Buch, das durch Roger Willemsen herausgegeben wurde. Der Künstler Jochen Gerz zum Beispiel meint: "Die Deutschen sind ein hervorragend geschultes, ein sehr neugieriges und ein quasi auf die Kultur angewiesenes Publikum. Wenn ein Land eine stabile, eine in sich ruhende, eine nie in Frage gestellte Vergangenheit hat, braucht es die Gegenwartskunst nicht so nötig. Dann tut's auch mal ein Bild aus dem 19. Jahrhundert. ... Dieses Nachkriegsdeutschland ist ein phantastisches Laboratorium gewesen und mit seiner sehr nervösen und dennoch sehr zivilen und an sich selbst zweifelnden Gesellschaft als Arbeitsstelle etwas Unvergleichbares." Die Atmosphäre, die aus dieser Textpassage strömt, ist in ihrer Vorsichtigkeit, in ihrem Bemühen um Fairness durchaus charakteristisch für alle 40 von Willemsen auf der EXPO 2000 geführten Interviews. Natürlich hat jeder der Künstler eine unverwechselbare Art und eine sehr individuelle Blickrichtung. Kein Wunder bei solch unterschiedlichen Temperamenten wie Ute Lemper oder Volker Schlöndorff, Wim Wenders oder Desiree Nosbusch, George Tabori oder Vivienne Westwood, Daniel Libeskind oder Hildegard Knef. Der Begriff Heimat müsse überhaupt etwas anders verstanden werden, meint die Künstlerin Pat Binder sehr scharfsichtig; folgerichtig greift auch sie nicht in die Klischeeschublade, sondern definiert Heimat als etwas, das sich jeder aktiv selbst in seinem Leben schaffen sollte: Als multinationale Konglomeration verschiedenster Einflüsse, als Zusammengebrachtes, Geliebtes, Verehrtes: Geht man auf diese Weise vor, so hat die Beschäftigung mit dem Heimatgedanken etwas sehr Anregendes. Das Buch von Willemsen: wirklich sehr empfehlenswert!