.....zumindest ein guter Begleiter beim Besuch und/oder Andenken an einen solchen.
Mitte der 1960er Jahre stattete ich dem Kaisersaal im Frankfurter Römer meinen ersten Besuch ab. Trotz der Vorschrift, den Saal - zum Schutze des Parkettbodens - nur mit übergestreiften Filzpantoffeln zu betreten, war ich beeindruckt von den Bildnissen von 52 Königen und Kaisern des Frankenreiches, des Ostfrankenreiches, und des Heiligen Römischen Reiches (Deutscher Nation). Gerne hätte ich ein Buch mit den Bildnissen und Beschreibungen all dieser Herrscher mit nachhause genommen. Doch es gab, auch Jahrzehnte später, lediglich eine Broschüre in der nur einzelne Monarchen abgebildet waren....
....deshalb fotografierte ich vor einigen Jahren jedes einzelne der Gemälde und stellte sie als Fotogalerie auf der homepage von timediver® (http://www.timediver.de/Kaisersaal_Roemer_Frankfurt_am_Main.html)
der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Im Februar 2009 ist nunmehr "Die Deutschen Kaiser im Frankfurter Römer: Von Karl dem Großen bis Franz II" Nicolas Wolz erschienen. Der Historiker und FAZ-Redakteur Wolz knüpft mit seinem 117seitigen Büchlein an einen bereits im 1888 veröffentlichten Band an. Im "Dreikaiserjahr" hatte der Illustrator Max Barack erstmals seine im Stuttgarter K. Thienemann's Verlag veröffentlichte Kollektion kolorierter Zeichnungen und in Reimform dargebrachte Charakterisierungen der "Deutschen Kaiser" herausgegeben.
Die Anthologie von Nicolas Wolz weist jedoch nicht nur Unterschiede zu den Gemälden im Kaisersaal, sondern auch zu ihrer Vorlage aus dem späten 19. Jahrhundert und der historischen Sukzession der Herrscher auf.
Im Kaisersaal befinden sich nur 51 Gemälde von 52 Königen und Kaisern, denn Arnulf von Kärnten (850 - 899) und seine Sohn Ludwig IV. "das Kind" (893 - 911) sind zusammen auf einem Porträt, das von einem achteckigen Rahmen umfasst wird, abgebildet. Auch ihre Vorgänger Ludwig I. "der Fromme", Ludwig II. "der Deutsche", Karl II. "der Dicke", sind jeweils auf die gleiche Weise abgebildet. Alle vier achteckig eingerahmten Bilder sind an der Wand unmittelbar neben dem Gemälde Karls I. des Großen angebracht. Die Reihe der standardisierten Ganztbildnisse der Herrscher beginnt an einer anderen Wand mit Konrad I. Während die Gegenkönige Friedrich der Schöne (1314 - 1330) und Günter von Schwarzburg (1349) den Weg in die Galerie fanden, fehlen ihre "Kollegen" Rudolf von Rheinfelden (1077 - 1080) , Hermann von Luxemburg (1081 - 1088), Heinrich Raspe (1243 - 1244), sondern auch die gekrönten Könige Wilhelm von Holland (1254 - 1256) und Richard von Cornwell (1257 - 1275). Baracks Band von 1888 wurden jedoch die drei Hohenzollern Wilhelm I., Friedrich und Wilhelm II. hinzugefügt, so dass sich dort die Zahl der Deutschen Kaiser auf 55 erhöhte.
Wolz übernahm aus Max Baracks Vorlage nur die Monarchen des "Ersten Reiches", wobei auch die fünf auf Karl den Großen folgenden Herrscher - anders als im Kaisersaal - in der Totale abgebildet wurden. Gegenüber dem romantisierenden Reimen bei Barack bietet Wolz jeweils eine Seite mit historischen Fakten zu dem jeweiligen Herrscher.
Der Hinweis im Vorwort, dass sich die deutschen Könige und Kaiser in erster Linie als Sachsen, Schwaben usw. verstanden haben, ist mitnichten zeitkonform, sondern entspricht der Realität. Kein anderes europäisches Land war vom Geist der Stammesherzogtümer geprägt, wie die (man beachte den Plural!) "teutschen Lande". Die Reformation und der Antagonismus Österreich-Preußen taten ihr Übriges, um keine Nation entstehen zu lassen. Erst die Kriege gegen Napoleon und die Frankfurter Nationalversammlung von 1848 ließen ein nationales Bewusstsein keimen, das in der Kaiserproklamation von Versailles (1871) - unter Ausklammerung Österreichs - seine "kleindeutsche" Erfüllung zu sehen glaubte. Getragen von dem damaligen patriotischen Zeitgeist entstanden im 19. Jahrhundert die Malereien des Kaisersaals und 1888 schließlich Baracks Band, der eine ungebrochene Kontinuität zwischen dem "Ersten und dem Zweiten Deutschen Reich" suggerieren sollte. Neben den älteren - früher konsolidierten - europäischen Zentralstaaten strebte vor allem die "zu spät gekommene Nation" dem 1. Weltkrieg entgegen, dessen Folgen wiederum zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts führen sollten....
Trotz kleiner zeichnerischen Abweichungen, die den einzelnen Herrscher vielleicht weniger charismatisch, nachdenklich, streng usw. erscheinen lassen, ist "Die Deutschen Kaiser im Frankfurter Römer: Von Karl dem Großen bis Franz II" als Begleiter für einen Besuch im Kaisersaal, bzw. Andenken an einen solchen und als Nachschlagewerk hervorragend geeignet. Der günstige Preis ist ein weiterer Grund, der diese einzigartige Zusammenstellung sehr empfehlenswert macht. 5 Amazonsterne