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Die Denkbewegung von Leo Strauss
 
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Die Denkbewegung von Leo Strauss [Taschenbuch]

Heinrich Meier

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Zwischen Athen und Jerusalem

Zum ersten Band der gesammelten Schriften von Leo Strauss

Von Raphael Gross

Der aus jüdisch-orthodoxen Verhältnissen stammende Leo Strauss (1899–1973) gehörte, wie Norbert Elias und Hans Jonas, dem engeren Umkreis der elitären zionistischen Jugendbewegung «Blau-Weiss» und der jüdischen Studentenschaft an. 1921 promovierte er als junger Mann bei Ernst Cassirer, setzte dann seine Studien bei Edmund Husserl in Freiburg fort, wo er schliesslich auf Martin Heidegger stiess. Seine erste Begegnung mit Heidegger riss Strauss zum Bekenntnis hin, dass Max Weber, der von ihm bis dahin als die «Inkarnation des Geistes der Wissenschaft» betrachtet wurde, demgegenüber ein «Waisenknabe» sei. Eine bemerkenswerte, wenn nicht sogar tragische Abwendung vom liberalen Theoretiker charismatischer Herrschaft zum charismatischen Führer Martin Heidegger. Dessen Vorlesungen besuchte Strauss, wie er später feststellte, «ohne ein Wort zu verstehen». Zwischen 1925 und 1932 war Strauss Mitarbeiter der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die sein frühes Buch über Spinoza in ihre Publikationsreihe aufnahm. Diese Mitarbeit war für ihn nicht unproblematisch. In einem Brief an Gerhard Krüger aus dem Jahre 1931 schreibt Strauss, seine Spinoza-Arbeit sei in der Akademie unter den Bedingungen der Zensur entstanden. Strauss stand – um den Titel einer seiner späteren Untersuchungen aufzugreifen – zwischen Athen und Jerusalem; schwankte zwischen griechischer Philosophie und jüdischem Gesetz.

Diese schwierige Lage ermöglichte Strauss ein tiefgreifendes Verständnis für die verwickelte Situation der assimilierten deutschen Juden. In seinem letzten noch in Deutschland verfassten Text («Das Testament Spinozas», 1932) zeichnet Strauss ein Bild Spinozas, welches seiner eigenen Vorstellung eines aus dem Judentum stammenden Philosophen entspricht und gleichzeitig seine persönliche Lage widerspiegelt: «Spinoza war Jude. [. . .] Spinoza übernimmt als ‹guter Europäer›, der er ist, aus der jüdischen Tradition das gemein-europäische Gedankengut, das sie ihm zuführte – nicht mehr. [. . .] Nicht dem Judentum gehört Spinoza an, sondern der kleinen Schar überlegener Geister, die Nietzsche als die guten Europäer bezeichnet hat. Dieser Gemeinschaft gehören alle Philosophen des 17. Jahrhunderts an; aber Spinoza doch in einer besonderen Weise: Spinoza ist nicht Jude geblieben, während Descartes, Hobbes und Leibniz Christen geblieben sind. [. . .] Sein letzter Wille war die auf dem Bruch mit dem Judentum beruhende Neutralität gegenüber der jüdischen Nation. [. . .] Spinoza wird verehrt werden, solange es Menschen gibt, [. . .] die wissen, was gemeint ist, wenn man sagt: Unabhängigkeit.»

Die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten unabhängigen philosophischen Denkens und die Suche nach Weisheit standen im Zentrum des Denkens Leo Strauss'. Er glaubte, dass ein Philosoph dem politischen und religiösen Druck der Gesellschaft nur entkommen könne, wenn er seine eigene Lehre unter dem Deckmantel der «Immunität des Kommentators» entwickle. Strauss bedient sich jedenfalls selber dieser Methode. Seine scheinbar mit grösster Klarheit formulierten Texte über Klassiker der politischen Ideengeschichte enthalten einen äusserst schwer zu erfassenden Subtext. Denn für seine eigenen Schriften gilt, was er über die Texte voraussetzt, die Strauss zur «grossen Tradition» zählt: Sie enthalten eine exoterische Aussage für die breite Masse und eine esoterische für die wenigen eingeweihten Philosophen.

Seine philosophische Position, die er in Auseinandersetzung mit der jüdischen Orthodoxie gewinnt, entwickelt er nicht in direkter Konfrontation mit der Orthodoxie, sondern mittels einer sorgfältigen Untersuchung von Spinozas Religions- und Bibelkritik. Durch eine Kommentierung des theologisch-politischen Traktats und eine genealogische Rekonstruktion der modernen Religionskritik Uriël da Costas, Isaac de la Peyeres und Thomas Hobbes' belebt Strauss den Streit zwischen Aufklärung und Orthodoxie, zwischen Philosophie und Gesetz. Gleichzeitig verteidigt Strauss in subtiler Weise Spinoza gegen ein Verdikt Hermann Cohens. Dieser hatte Spinoza wegen seiner Äusserungen im theologisch-politischen Traktat des Verrates am Judentum bezichtigt. Dem hält Strauss entgegen, dass Spinozas Bibelkritik eine wichtige Voraussetzung für die politisch-philosophische Begründung der liberalen Demokratie bilde und diese – trotz all ihren Schwächen – den einzigen Staatsentwurf darstelle, der Juden und Christen gleiches Recht einräumt.

Leo Strauss gehörte zu den gelehrtesten und intellektuell attraktivsten deutsch-jüdischen Emigranten, die in den dreissiger Jahren aus Deutschland in die USA geflohen waren. Um ihn herum entwickelte sich eine neokonservative politologische Schule, die sogenannten «Straussianer». Durch diese ist Strauss in den USA oftmals eine geradezu kulthafte Verehrung zuteil geworden. Im deutschsprachigen Raum fand sein Werk dagegen nur wenig Resonanz. Es liegen fast keine Übersetzungen seiner nach der Emigration auf englisch verfassten Arbeiten vor. Seine deutschsprachig verfassten Texte aus der Zeit der Weimarer Republik sind, mit Ausnahme seiner luziden «Anmerkungen» zu Carl Schmitts «Der Begriff des Politischen» (1932), nicht in Neuauflagen greifbar.

Eine zunächst auf sechs Bände angelegte Ausgabe der «Gesammelten Schriften», die von Heinrich Meier mit grosser Sachkenntnis und Sorgfalt betreut wird, soll dies nun ändern. Auftakt bildet die Neuedition des zentralen Textes über die «Religionskritik Spinozas». Band 1 der Gesammelten Schriften enthält das umfangreiche, stark autobiographische Vorwort von Strauss zur amerikanischen Ausgabe des Spinoza-Buches von 1965/68 in Übersetzung von Wiebke Meier. Daneben Texte von Strauss über Spinoza aus den Jahren 1924 bis 1932 sowie Marginalien aus seinem Handexemplar. Zusammen mit dem ersten Band erscheint Heinrich Meiers einführender philosophischer Essay «Die Denkbewegung von Leo Strauss», der die wichtige Frage untersucht: «Weshalb hat Strauss seine Philosophie in Gestalt geschichtlicher Interpretationen vorgelegt?» Der Text enthält eine umfangreiche, für die Forschung hilfreiche Bibliographie. Somit sind die besten Voraussetzungen dafür gegeben, dass sich im deutschsprachigen Raum die Forschung wieder verstärkt mit dem weitverzweigten und für die Ideengeschichte überaus wichtigen Werk des deutsch-amerikanisch-jüdischen Philosophen Leo Strauss beschäftigen wird.

Kurzbeschreibung

Heinrich Meiers Essay ist die erste selbständige Veröffentlichung in deutscher Sprache, die in eine Auseinandersetzung mit der Philosophie von Leo Strauss eintritt. Im Mittelpunkt steht die philosophische Intention, die Strauss bei einem großangelegten geschichtlichen Revisionsunternehmen verfolgt. Der Anhang stellt der zukünftigen Debatte eine umfassende Bibliographie zur Verfügung.

Autorenportrait

Leo Strauss, geb. 1899 in Kirchhain/ Hessen, gest. 1973 in Annapolis/ Maryland. 1921 Promotion bei Cassirer in Hamburg, anschließend Studien bei Husserl und Heidegger in Freiburg. 1932-1934 Rockefeller Stipendiat in Paris und Cambridge. Hobbes-Forschungen in England. 1938 Übersiedlung in die USA. Lehre an der New School for Social Research in New York. 1949 Ruf als Professor für Politische Philosophie an die University of Chicago, die während der zwei Jahrzehnte seiner Lehr- und Forschungstätigkeit zum wichtigsten Ort der Neubelebung der Politischen Philosophie wird.
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