Schon der Titel von Philip Roths "The Humbling" bringt fuer den deutschen Leser die ersten Schwierigkeiten, gibt es doch keine eindeutige deutsche Uebersetzung fuer "Humbling". Die Bedeutung im Deutschen bewegt sich irgendwo zwischen Demut, Demuetigung (humiliation) und Bescheidenheit (humility). Mehr eine Art positiver Demuetigung, ein Herunterholen aus zu hohen Hoehen, ein Bescheiden-machen, oder eine "Bescheidung" (humble = bescheiden); Demut lehren, bzw. lernen.
Philip Roth erzaehlt uns auf 140 Seiten, die "Bescheidung" des Simon Axler, den schmerzhaften Reality Check eines alternden Mannes, der seine besten Tage lange und weit hinter sich gelassen hat. Ehemals ein gefeierter und sehr erfolgreicher Schauspieler, hat er nun, das 70ste Lebensjahr im Visier, sein Talent verloren und mit ihm seine Frau. Er hat sich selbst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, lehnt es ab neue Theaterrollen anzunehmen und hat sich vollstaendig aus dem oeffentlichen Leben zurueckgezogen. Im Grunde hat er sich selbst aufgegeben.
In dieser Situation begegnet er nun, nach 30 Jahren, Pegeen, der Tochter alter Schauspielkollegen und Freunde aus frueheren Tagen. Die mittlerweile 40-jaehrige Frau und der 65-jaehrige Simon beginnen eine genauso eigenartige wie ungleiche Affaere. Wie schon aus den Grundkoordinaten dieser Konstellation ableitbar, handelt es sich dabei um alles andere als eine "normale" Beziehung, insbes. auch deshalb, da Pegeen bis zu diesem Zeitpunkt ein Leben als lesbische Frau gelebt hat. Letztlich geht es jedoch wieder, wie in allen neueren Buechern Roths, um das Thema Altern, Sterben und Tod.
Zeit seines Lebens hat Roth immer nur ueber Themen geschrieben, die unmittelbar mit ihm selbst und seinem Leben zu genau diesem Zeitpunkt zu tun hatten. Vielleicht ist das auch sein Geheimnis, gelingt ihm doch immer wieder Authentizitaet zu erzeugen: nichts von dem was er schreibt ist konstruiert oder gekuenstelt, alles ist von unmittelbarer Relevanz und Wichtigkeit, alles hat Gehalt und Tiefe - zu jedem Zeitpunkt. Und: Er schreibt immer nur und ausschliesslich ueber sich selbst.
Wie schon zuvor in "Everyman", oder "Exit Ghost", so ist auch "The Humbling" gekennzeichnet durch ein sehr minimalistisches Setup, das bereits allein im Umfang der Buecher seinen deutlichen Ausdruck hat. Die Geschichte selbst ist auch inhaltlich wieder sehr knapp, nur mit dem Wesentlichen und Wichtigen versehen. Keine gedanklichen Verzweigungen, keine Wechsel der Perspektive oder Erzaehlebenen. Sehr geradlinig und schlank - kondensierter Inhalt.
Roths Gedanken kreisen nur noch um ein Thema: ein alter Mann, der im Begriff ist zu Sterben und seinen koerperlichen und geistigen Niedergang aufmerksam verfolgt und zu Protokoll gibt. Letztlich ist es genau das, was Roth selbst auch tut: Uns seinen eigenen Niedergang minutioes zu erzaehlen. All die Gedanken, Phantasien und Obsessionen, die Zeit seines Lebens immer gegenwaertig, wichtig und maechtig waren - sie sind es immer noch, alle, und mit derselben Heftigkeit und Wichtigkeit. Waren die Hauptmotive in "Everyman" und "Exit Ghost" jedoch eher Krankheit und koerperlicher Niedergang, so hat in "The Humbling" das Thema Sex wieder einen besonderen Stellenwert.
Man muss schon weit in Roths Schaffen zuruecklesen, um die bisweilen regelrecht abstossend wirkenden sexuellen Phantasien zu lokalisieren, die uns im dritten Kapitel praesentiert werden. Seit "Sabbath's Theatre" habe ich keine solchen Derbheiten bei Philip Roth mehr gelesen. Zwar kurz und keinesfalls in uebergrosser Dimension, aber dennoch hat es ausgereicht um mich, einen trainierten Roth Leser, kurzzeitig zu schockieren. Musste das nun sein?
Vermutlich schon. Ist es doch mehr seine eigene Verzweiflung ob der Unwiederbringlichkeit des Lebens als junger aktiver Mann, die hier schockieren, denn seine Phantasien selbst. Wie sagte schon Andreas Gryphius: "Es ist alles ganz eitel." Asche zu Asche, Staub zu Staub. Die eigene Erfahrung als aelter werdender Mann wird mit der Lektuere von Roths Buechern nicht gerade einfacher.
So sind die letzten Buecher von Roth an sich Dokument seines eigenen Verfalls. Trotzdem sie immer noch die einzigartige Klasse von Philip Roth als Schriftsteller dokumentieren, haben sie in ihrer relativen Klasse doch stark nachgelassen. Die Plots werden einfach und vergleichbar ueberschaubar, keine Komplikationen mehr, eindeutige Fragestellungen und eindeutige Antworten. Keine komplexen Reflexionen mehr ueber das Leben, sondern das geradlinige Addressieren der Themen an sich. Wie Simon Axler das Schauspielern immer schwerer faellt, so scheint auch das Schreiben dem alternden Roth nicht unbedingt mehr leichter zu fallen. Wieder spielt also die Autobiographie Roths eine wichtige Rolle und zwar in ihrer authentischsten Version: auch Philip Roths beste Tage sind tatsaechlich vorbei.
Dennoch und wie immer volle Punktzahl fuer einen der groessten Schriftsteller dieser, vergangener und auch zukuenftiger Tage und klare Leseempfehlung fuer "The Humbling".