Wir schreiben das Jahr 11 nach SHEVA. Das Virus sorgte für Schwangerschaften, die auch ohne sexuelle Kontakte auftraten. Die SHEVA-Kinder weisen ungewöhnliche Merkmale auf: Sie sprechen früh und haben Flecken auf den Wangen, mit denen sie - ebenso wie mit "Fieberdüften" - kommunizieren. Doch die Wunderkinder sind nicht nur beliebt. Das war im "Darwin-Virus" schon so, und so geht es auch in den "Darwin-Kindern" weiter.
Der erste Roman drehte sich um die Strategie, mit der die USA die Geburt der SHEVA-Kinder zu verhindern suchte, und wie gespalten die Wissenschaft ist, die gar zum Selbstversuch neigt. Im zweiten Roman geht es um die Art, wie der Staat mit den Kindern verfährt, die allen Bemühungen zum Trotz auf die Welt gekommen sind. Die Methoden sind nicht zimperlich: Die Kinder werden in Schulen interniert, abgeschlossen von der Gesellschaft. Was dort vorgeht, weiß niemand. Die Unwissenheit weicht im Verlauf des Romans, in dem uns nahezu alle Figuren aus dem ersten Werk wieder begegnen. Stella Nova, das Kind von Mitch und Kaye, wird in ein Lager gesteckt, und an diesem Trio hängt Greg Bear die Story auf, die darin kulminiert, dass Stella Nova aus der Internierung entkommt.
Das klingt nach einem spannenden Plot, und den erwartet man auch nach der Lektüre des "Darwin-Virus'". Doch man wird enttäuscht. Mich beschlich nach den mehr als 500 Seiten die Frage: "So what?". Es lag daran, dass die Story zu vorhersehbar ist, und die Argumentation "Schädliche oder helfende Viren in unserem Erbgut?" hinlänglich aus dem "Darwin-Virus" bekannt ist. Um wesentliche Aspekte wird sie nicht erweitert, und die Figuren entwickeln sich - abgesehen von Stella Nova - kaum weiter. Diese Konstanz und die schnell überschaubare Konstellation der Lager machen die Lektüre ermüdend.
Es ist sicherlich die große Erwartungshaltung nach dem "Darwin-Virus", die zwangsläufig zu Enttäuschung führen musste. Doch entstand bei mir der Eindruck, Bear habe den Zweitling ein wenig desinteressiert und lieblos geschrieben. Er ist gut, aber ihm fehlt es an Dramatik (Stellas Entführung bleibt in Sachen Spannung die Ausnahme). Wer den Umgang einer Gesellschaft, die sich vor Kranken fürchtet, mit eben jenen Kranken tiefer gezeichnet lesen will, ist besser mit Saramagos "Die Stadt der Blinden" bedient. Dem Roman des Portugiesen liegt zwar ein anderes Sujet zugrunde, aber ähnlich gelagerte ethische Fragen verarbeitet er ebenso. Und das einfach besser.