Ziemlich grosskotzig, dachte ich, als ich das Vorwort des Autors las. Genial, dachte ich auf Seite 315. Dieses Buch musste tatsächlich geschrieben werden, genau mit diesem Inhalt und diesem Stil. Der Verfasser übte seine journalistische Virtuosität nach einem Studium der Volkswirtschaft bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, bis er so weit war, als freier Autor mal in Berlin, mal in Marbella „reich" zu werden. Der Kerl kann schreiben. Aber das können heute viele. Detlef Gürtlers Wettbewerbsvorteil ist jedoch, dass er nebst geschliffenen Worten auch Inhalt zu bieten hat, nämlich 3000 Jahre Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. Und die präsentiert er uns in einer Form, die schwierig zu übertreffen ist. Daher gleich vorweg die dringende Empfehlung an alle Lehrer, die eine oder andere Story in ihren Unterricht einfliessen zu lassen. Sie können ja immer noch so tun, als seien die didaktischen Pflänzlein auf ihrem eigenen Mist gediehen. Um das Thema Zielpublikum erschöpfend abzuschliessen: das Buch ist für alle, die sich für den Lauf der Dinge und Wirtschaft interessieren, theoretischer Werke überdrüssig sind und Vorlagen für modernes Infotainment suchen.
Was hat Detlef Gürtler unter spanischer Sonne verfasst? Einen Tour d'Horizont ökonomischer Begebenheiten in Form biografischer Erzählungen. Und da jeder Reiche auf der Bühne Gürtlers ein bisschen anders tickt, erfährt sein Publikum, wie konstruiert und einförmig universitäres Wissen verabreicht wird. Nicht dass ich die Gürtler-Show völlig unkritisch über mich ergehen liess und jedes Detail als letzte Wahrheit frass. Aber die Sache mit der wissenschaftlichen Wahrheit ist eh ein Auslaufmodell für Faktengläubige. Dort wo meine eigenen Kenntnisse etwas profunder waren, kam ich jedenfalls zum Schluss, dass der pfiffige Autor sauber recherchierte und die im Verzeichnis aufgeführten Bücher auch gelesen hat.
Und wie hat es Gürtler mit der Ideologie? Macht Geld dumm? Ist Geld verdienen unmoralisch? Sind alle Reichen Ausbeuter? Klebt an riesigen Vermögen immer Blut? Der Autor widmet der Moral von der Geschicht' dreieinhalb Seiten, hält sich mit seinem persönlichen Urteil zurück, erinnert aber daran, dass mit dem Blick zurück fasst jede Methode der Reichtumanhäufung fraglich ist. Nur in der Gegenwart haben wir die Möglichkeit, Leitplanken zu setzen. Doch das braucht Einsatz und nicht nur schöne Worte. Offiziell wird sich Detlef Gürtler mit seinem Buch nicht viele Freunde in der linken Szene machen. Aber seine Geschichtensammlung ist alles andere als Wirtschaftsporno. Sie ist meiner Ansicht nach der geglückte Versuch, die Verstrickungen von Zufall, Macht und menschlichen Trieben aufzuzeigen. Nicht als Anweisung „Wie werde ich Millionär?", sondern als Spiegel von uns allen.