Es wurde schon zu Recht und zu Genüge kritisiert, dass das Buch viel zu aufgebläht wirkt. Viele freie Seiten, Seiten mit dem Coverbild, großer Zeilenabstand, viel Rand an jeder Seite usw.
Dass dieser Roman vom Piper-Verlag in dieses Format gebracht wurde ist mehr als unglücklich. Damit erste Negativkritik.
Zweite Negativkritik: Das "Drumherum" zu diesem Roman: der Klappentext und das Cover. Beiderlei sind äußerst irreführend! Darum also folgende...
WARNUNG:
Wer aufgrund des Titels und vielleicht auch wegen des Covers eine düstere Fantasygeschichte mit abgrundtief bösen Dämonen erwartet, der wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ebenso wie ich während meinem ersten Mal Lesen enttäuscht sein.
Ebenso enttäuscht wird jeder sein, der einen episch üblichen, klischeehaften Fantasyroman erwartet, in dem ein Kontinent mit eigenen Naturgesetzen und eigener Geographie als Grundlage dient und der von übliche Völker mit eigenen Göttern und Religionen besiedelt wird.
Die Interpretation der Dämonen von Tobias O Meißner ist wie die Geschichte an sich ebenso vielschichtiger als einfach nur bösartig. Die Dämonen bewegen sich zwischen gut und böse. Sie sind ungeschlechtlich und pflanzen sich nicht fort. Sie wachsen und gedeihen an den Bannsprüchen, Flüchen und den Schwächen des Menschen."
Um bestehen zu können benötigen sie einen Wirtskörper, damit sie mit Lebenskraft versorgt werden können.
Ich habe dieses Buch nun das zweite Mal durchgelesen. Nach dem ersten Mal vor zwei Jahren war ich eher enttäuscht, da ich wie viele, viele andere Leser dieses Buches mit einer bestimmten Erwartung an das Buch herangegangen bin, welche ich eben schilderte.
Beim zweiten Mal habe ich dieses Buch aus ganz anderen Blickwinkeln gelesen und war letztendlich sogar erfreut und erstaunt darüber, was dieser Roman alles enthält, mit welchen Stilwechsel Tobias O Meißner gearbeitet hat , wie vielschichtig und abwechslungsreich die Geschichte damit ist und wie bildgewaltig die Metapher sind, die er hier teilweise Seitenlang entwickelte, als er z.B. einen Kampf auf ABSTRAKTER Ebene schilderte! Diese Metapher laden dazu ein, das Buch öfters als nur einmal zu lesen, um auch wirklich alles als Leser verarbeiten zu können.
Dieser Roman ist also kein herkömmlicher Fantasyroman, wie er schon zuhauf auf dem Markt vorhanden ist. Die Geschichte ist überwiegend als Tragödie zu lesen und wechselt immer wieder zur Komödie und zu kriegerischen und aus meiner Sicht comic- oder cartoonartigen Elementen.
Die Protagonisten erleben Wandlungen in jegliche Richtung. Die Dämonen, die zunächst naiv und unerfahren wie zwei Cartoonhelden a la Schweinchen Dick wirken, entwickeln sich in den Menschen, in denen sie sich festgesetzt haben, zu reife, ernstzunehmende und reflektierende Wesen. Im Kampf ums Überleben, bei dem der eine eher aus egoistischen Gründen handelt und sich der zweite für die Menschheit einsetzt kommt es zum fulminanten Duell, das wiederum an die gewaltigsten Auseinandersetzungen im Comicformat a la Spawn erinnert.
Weitere menschliche Charaktere werden vorgestellt, die vom Schicksal getrieben ebenso Metamorphosen unterliegen. Wobei der eine einer Kette von Schicksalsschlägen zu erdulden hat und immer tiefer ins Unglück stürzt, der andere an seiner großen, unerfüllten Liebe verzweifelt und schließlich dem Wahnsinn verfällt und wiederum ein anderer derart vom Krieg zerfressen und geistig ausgezehrt wird dass sein letztendlicher Zustand nicht mehr als menschenähnlich bezeichnet werden kann - willen- und kraftlos, dem Leben entsagt.
Tobias O Meißner erzählt ihre tragischen Geschichten, und schildert dabei das, was der Wahnsinn impliziert, auf eine für mich faszinierende Art und Weise. (Was passiert sozusagen, wenn ein Dämon auf den Wahnsinn stößt?)
Weiter steht natürlich auch der Krieg im Mittelpunkt der Geschichte. Hier ist ganz hervorragend aufgezeigt, was eigentlich für ein Chaos herrscht, wenn eine Schlacht geschlagen oder weitere taktisch-strategische Maßnahmen zur Kriegsführung geplant werden, weil in all dem Treiben und Gewühl die Übersicht oder eindeutige Zuordnungen schlicht schnell verwischt werden beziehungsweise gar nicht mehr vorhanden sind.
Anbei bekommt man ein Originalzitat von Lew N. Tolstoi aus seinem Klassiker "Krieg und Frieden" geliefert. Diese Textstelle ist derart harmonisch eingebaut, dass ein textlicher Stilbruch auf den ersten Blick gar nicht auffällt und spricht meines Erachtens für das schreibstellerisch hohe Niveau Tobias O Meißners. Er wagt es Assoziationen zu diesem Werk und darüber hinaus auch noch zu Fjodor M. Dostojewskis "Die Dämonen" zu schaffen, welche beide als literarisch anspruchsvolle Klassiker zu bezeichnen sind.
Eben wegen diesem Mut dazu, und weil die Umsetzung auf stilvoll abgestimmte Art und Weise gelungen ist, sollte man die literarische Leistung Tobias O Meißners positiv wertschätzen und anerkennen.
Der einzige negative Kritikpunkt der mir nach dem zweiten Lesen blieb sind die Schilderungen, wie nun einzelne Teilstaaten (Baronate 1 bis 9) des Königreiches zueinanderstehen, oder welche Teilstaaten als nächstes wie eingenommen werden sollten. Vor lauter Baronaten verging mir das Interesse daran, das weitere Kriegsgeschehen zu verfolgen, da ich ja zumal schon wusste, welche Rolle diese Teilstaaten für den weiteren Verlauf des Romans haben. Beim ersten Lesen jedoch folgte ich diesem Geschehen mit einem Schmunzeln, da auch hiermit der Wirrwarr eines Krieges sehr gut widergespiegelt wurde.