1975 ist der Regisseur und Filmemacher Eberhard Fechner bei einem Freund in Berlin zum Kaffee eingeladen. Im Hintergrund läuft eine Langspielplatte der "Comedian Harmonists". Er erinnert sich daran, wie eine Grammophonplatte mit einem Stück des Vokalensembles nach Kriegsende sein kostbarster Besitz war, da er über die heiteren Klänge alle schrecklichen Kriegserlebnisse vergessen konnte.
Seit Jahren arbeitet Fechner an einer etwas anderen Chronologie des 20. Jahrhunderts. Er dreht eine Reihe von Interviewfilmen mit Zeitzeugen des 20. Jahrhunders aus allen möglichen Millieus. Ein "Künstler-Film" fehlt ihm noch. An diesem Nachmittag steht sein neuestes Projekt fest: Ein Film über die "Comedian Harmonists".
Dieses Projekt - das beinahe gescheitert wäre, da der Gründer der "Harmonists", Harry Frommermann, vierzehn Tage vor dem ersten Interview-Termin stirbt - wird Fechners berühmtester Film. Er ist auch mehr als dreißig Jahre nach seiner Erstausstrahlung und fünfzehn Jahre nach Fechners Tod das bleibende Zeugnis seiner zur Perfektion entwickelten und zum Markenzeichen gewordenen Kunst des Interview-Dokumentarfilms. Unzählige Interviewaufnahmen wurden von Eberhard Fechner in eine Chronologie gebracht, die vom Leben der Mitglieder der "Harmonists", der Gründung des "Unternehmens Harmonists", ihrer gemeinsamen Zeit, dem Verbot des Ensembles und wie ihr Leben in der Folge verläuft, erzählen.
Im Film kommen die vier damals noch lebenden Mitglieder zu Wort: Der Bassist und Wortführer Robert Biberti, der sich lange mit Frommerman um die Gründungsmeriten gestritten hat und diesen Streit erst kurz vor dessen Tod beilegen konnte. Der Pianist Erwin Bootz - als einziger zu diesem Zeitpunkt noch berufstätig. Der in Sofia lebende erste Tenor Ari Leschnikof und Roman Czykowski, der später in die USA zog und seiner eigentlichen Berufung, dem Kantor-Beruf, folgte. Aus dem Leben der bereits verstorbenen Mitglieder berichten Harry Frommermans erste Frau und dessen spätere Lebensgefährtin und Erich Abraham Collins Schwester und Ehefrau.
Sie erzählen jeweils ihre Version der Geschichte, von ihrer Herkunft, ihren musikalischen Wurzeln, dem spielerischen Beginn, der von Anfang an jedoch auch mit Ehrgeiz betriebenen Gründung des Vokalensembles. Sie erzählen von ihren großen Erfolgen, die sie durch ganz Europa führten, vom Beginn der Nazidiktatur und dem Verbot und seinen Folgen. Sie berichten aber auch über die jeweils anderen Mitglieder, pflegen alte Ressentiments mit Augenzwinkern, aber durchaus auch mit Bitterkeit.
Das Leben und der dramatische Eingriff durch das Verbot - drei Mitglieder sind jüdischer Herkunft - hat sie schließlich alle sehr unterschiedlich geprägt und unwiederbringlich auseinandergebracht.
Eberhard Fechners Film ist ein einzigartiges Dokument, das anzuschauen immer wieder lohnt! Er lässt in der Rückschau der alten Männer auch die Widersprüche, die sich durch die einzelnen Aussagen ergeben, unkommentiert stehen. Ein Dreiviertel-Jahrhundert wird in drei Stunden an den individuellen Lebensläufen lebendig und der Clou an Fechners ganz besonderer Collage-Technik ist, dass sich in den vielschichtigen Einblicken in die einzelnen Leben auch die geschichtlichen Ereignisse spiegeln.
Leider ist dies der einzige Film der Dokumentarreihe dieses außergewöhnlichen Künstlers, der auf DVD erhältlich ist. Bei "La Paloma" oder "Im Damenstift" ist man auf die immer spärlicheren Wiederholungen im Spätabendprogramm der "Dritten" angewiesen.
"Die Comedian Harmonists" aber dürfen nicht vergessen werden. Weder die bahnbrechenden Künstler selbst noch der nicht minder geniale Dokumentarfilm, der die Menschen hinter den Stars von einst zeigt!