Clive Staples Lewis (1898-1963) war fast 30 Jahre lang Literaturprofessor in Oxford (seit 1954 in Cambridge) und in dieser Zeit Mitglied des Freundeskreises "The Inklings" (1933-1949), dem auch ein anderer berühmt gewordener Professor angehörte, nämlich J.R.R. Tolkien. Kurz zuvor war er, der seinen Glauben als Jugendlicher verloren hatte, nach einer langen Diskussion mit dem überzeugten Katholiken Tolkien wieder zum Christen geworden. Wie Tolkien war er geprägt durch die erschütternden Erlebnisse des Ersten Weltkriegs auf den Schlachtfeldern von Frankreich. Ein Klassiker ist seine Oxford-Publikation 'Englische Literatur im sechzehnten Jahrhundert', aber dem allgemeinen Publikum bekannt wurde er vor allem durch einen Roman (Dienstanweisung für einen Unterteufel) und zwei Romanzyklen, die sogenannte Weltraum- oder Perelandra-Trilogie (Jenseits des schweigenden Sterns, Perelandra, Die böse Macht) und die Chroniken von Narnia.
Die Chroniken von Narnia lassen sich auf verschiedene Weise lesen, als Kinderbücher, als Allegorie oder als Fantasy-Romane. Ich denke, dass sie für jede Altersgruppe beinahe vom Schulalter an geeignet sind; jeder Leser wird das für sich herausziehen, was ihn besonders anspricht. Auf eine Weise sollte man sie aber auf keinen Fall lesen, nämlich in der vom Verlag vorgeschlagenen Reihenfolge, die zwar identisch ist mit der sogenannten 'chronologischen' Folge, die sich in den letzten Jahren auch in den amerikanischen Publikationen durchgesetzt hat, die aber keinesfalls der Folge entspricht, in der diese Bücher entstanden sind und in der Lewis selbst sie gelesen haben wollte. Er soll zwar später über eine andere Reihenfolge nachgedacht haben, in der die erzählten Ereignisse ihrer zeitlichen Abfolge nach angeordnet gewesen wären; eine solche Umstellung hätte aber erhebliche Überarbeitungen aller sieben Teile zur Folge haben müssen. Hier also noch einmal die empfohlene Folge der Bände:
Band 1 (1950): Der König von Narnia (The Lion, the Witch, and the Wardrobe)
Band 2 (1951): Prinz Kaspian von Narnia (Prince Caspian)
Band 3 (1952): Die Reise auf der 'Morgenröte' (The Voyage of the 'Dawn Treader')
Band 4 (1953): Der silberne Sessel (The Silver Chair)
Band 5 (1954): Der Ritt nach Narnia (The Horse and His Boy)
Band 6 (1955): Das Wunder von Narnia (The Magician's Nephew)
Band 7 (1956): Der letzte Kampf (The Last Battle)
Unbegreiflich bei dieser deutschen Ausgabe, auf die wir lange haben warten müssen (meine englische besitze ich schon seit 1976, gekauft in einer kleinen Buchhandlung in Menlo Park), sind zwei Dinge: erstens die eigenartige Neufassung der Einzeltitel (vor allem Bände 1, 5 und 6 nach der obigen Zählweise), zweitens der absurde Preis. Wer Englisch kann, sollte sich daher für weniger als die Hälfte des Preises die Harper-Collins-Ausgabe besorgen. Außerdem sind die Illustrationen von Pauline Baynes um Klassen besser. Wer allerdings die Geschichten seinen Kindern vorlesen möchte (so wie ich), kommt an der Anschaffung der deutschen Ausgabe nicht vorbei (seufz).
Über den Inhalt möchte ich mich hier nicht verlieren, nur soviel: Es kommt alles vor, was das Herz des Kindes und des Kind gebliebenen Erwachsenen erfreut, böse Hexen, liebe Faune, sprechende Tiere, schwarze und weiße Zauberei, mittendrin vier Kinder auf Abenteuern, und nicht zuletzt der Löwe Aslan, der Schöpfer und eigentliche Herr von Narnia. Das alles ist durchdrungen von einer tiefen Spiritualität, die man ungeachtet des Glaubens des Autors nicht als genuin christlich bezeichnen muss (im Gegensatz zum Perelandra-Zyklus). 'Harry Potter' ist eher eine Action-Variante der Chroniken von Narnia, und das 'Haus des Magiers' ist nur ein müder Epigone. Wenn mehr als fünf Sterne zu vergeben wären, müsste man sie den Chroniken von Narnia verleihen.
Ein Detail aus der Biographie von Clive Staples Lewis stimmt seltsam: Er starb am selben Tag wie Aldous Huxley, an dem auch John Fitzgerald Kennedy ermordet wurde. Alle drei haben - vielleicht mehr als in der Politik oder Literatur - im kulturellen Erbe der Menschheit ihre Spuren hinterlassen. Clive Staples Lewis war nicht der Geringste von ihnen.